Ostdeutschland erreicht knapp 79 Prozent des Westniveaus. Ein IW-Index zeigt, warum der wirtschaftliche Aufholprozess seit fünf Jahren stockt.
Seit fünf Jahren kommt Ostdeutschland wirtschaftlich kaum noch voran. Ein IW-Index zeigt, wo der Osten gegenüber dem Westen besonders zurückliegt.
Dabei hat der Osten seit der Wiedervereinigung durchaus aufgeholt. 1991 lag die Wirtschaftskraft der fünf ostdeutschen Flächenländer erst bei rund 51 Prozent des Westniveaus. 2025 waren es knapp 79 Prozent. Doch seit 2020 bewegt sich der Wert kaum noch: Er pendelt zwischen 78 und 79 Prozent. Die wichtige Marke von 80 Prozent hat Ostdeutschland damit bislang nicht erreicht.
Bemerkenswert dabei: Der Stillstand lässt sich nicht damit erklären, dass der Westen besonders stark davonzieht. Die deutsche Wirtschaft insgesamt stagniert seit Jahren.
Ähnliche Phasen gab es laut IW bereits früher – etwa ab 1997 und erneut ab 2010. Damals wuchs die westdeutsche Wirtschaft deutlich und der Osten konnte nicht mithalten. Heute ist die Ausgangslage eine andere: Auch der Westen wächst kaum, trotzdem gelingt den ostdeutschen Ländern kein weiterer großer Schritt nach vorn. Besonders deutlich zeigen sich die Probleme bei Arbeitsmarkt, Investitionen und Forschung.
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Der Index fasst mehrere Faktoren zusammen. Neben der Wirtschaftsleistung je Einwohner fließen unter anderem Produktivität, Kapitalstock, Hochqualifizierte in Forschung und Entwicklung, Erwerbsbeteiligung sowie Arbeitslosen- und Selbstständigenquote ein.
Ein wichtiger Faktor ist die Erwerbsbeteiligung. 2010 erreichte Ostdeutschland bei diesem Indikator noch knapp 89 Prozent des Westniveaus. 2025 waren es nur noch gut 85 Prozent.
Damit ist der Abstand wieder so groß wie zuletzt Anfang der 1990er-Jahre. Für die ostdeutsche Wirtschaft ist das besonders problematisch, weil gleichzeitig die Bevölkerung altert und vielerorts Fachkräfte fehlen.
Auch bei den Investitionen ist der Aufholprozess weitgehend zum Erliegen gekommen. Der sogenannte Kapitalstock umfasst unter anderem Maschinen, Fabriken, Straßen und Gebäude.
2010 lag Ostdeutschland bei knapp 77 Prozent des westdeutschen Niveaus. Bis 2025 stieg der Wert nur auf gut 79 Prozent. Beim Aufbau von produktivem Kapital hat der Osten in den vergangenen 15 Jahren kaum noch Boden gutgemacht.
Noch größer ist die Lücke bei den Beschäftigten in Forschung und Entwicklung. Hier erreicht Ostdeutschland laut IW lediglich gut 46 Prozent des westdeutschen Niveaus.
Das Problem liegt dabei nicht in erster Linie an Hochschulen und öffentlichen Forschungseinrichtungen. Dort ist der Osten vergleichsweise gut aufgestellt. Was fehlt, sind vor allem Forschungskapazitäten in der Wirtschaft.
Ein Grund dafür ist die Unternehmensstruktur: In Ostdeutschland gibt es deutlich weniger große Unternehmen, die umfangreiche Forschungsabteilungen unterhalten.
Die demografische Entwicklung trifft Ostdeutschland auf mehreren Ebenen gleichzeitig:
Ganz ohne Erfolgsgeschichten ist die Entwicklung allerdings nicht. In einigen Zukunftsbranchen haben sich ostdeutsche Standorte zuletzt stark entwickelt.
Ein Beispiel ist das Tesla-Werk in Grünheide bei Berlin. Auch Dresden hat sich zu einem bedeutenden Standort der Halbleiterindustrie entwickelt. Hinzu kommt der starke Ausbau erneuerbarer Energien.
Solche Ansiedlungen können der Region neue Arbeitsplätze, Investitionen und technisches Know-how bringen. Sie ändern bislang allerdings nichts daran, dass der gesamte Aufholprozess im Vergleich zum Westen kaum noch vorankommt.
Eine besondere Herausforderung ist die Bevölkerungsentwicklung. Nach einer IW-Prognose könnte die Bevölkerung in Ostdeutschland bis 2045 ohne zusätzliche Zuwanderung um mehr als ein Fünftel schrumpfen. Damit wäre der Rückgang deutlich stärker als im Westen.
Für die Unternehmen verschärft sich dadurch das Fachkräfteproblem. Der Osten ist deshalb besonders auf Zuwanderung angewiesen, um die Zahl der Beschäftigten trotz Alterung und Bevölkerungsrückgang stabil zu halten. Gleichzeitig wird es wichtiger, ältere Arbeitnehmer länger im Berufsleben zu halten. Gerade beim Thema Arbeitskräfte sieht das IW deshalb einen entscheidenden Hebel für den weiteren Aufholprozess.
Für den Osten kommt ein politisches Problem hinzu: Ausgerechnet die Regionen, die demografisch besonders stark auf Zuwanderung angewiesen sind, sind politisch besonders skeptisch gegenüber Migration.
Das IW weist in seiner aktuellen Analyse darauf hin, dass die ostdeutschen Länder wegen ihrer Bevölkerungsentwicklung stärker als der Westen auf ausländische Fachkräfte angewiesen sind. Nach jüngsten Wahlergebnissen sei deshalb fraglich, wie offen die Region künftig für Zuwanderung bleibe.
Wie groß die Bedeutung ausländischer Beschäftigter bereits heute ist, zeigen weitere IW-Zahlen: 2025 erwirtschafteten Beschäftigte ohne deutschen Pass in den sechs ostdeutschen Bundesländern rund 68,3 Milliarden Euro beziehungsweise mehr als zehn Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung. Ihr Anteil an der Beschäftigung stieg zwischen 2015 und 2025 von knapp fünf auf mehr als 13 Prozent.
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