Ohne die Krisen seit 2020 hätte Deutschland viele Milliarden Euro mehr an Investitionen erhalten. Das zeigt eine aktuelle IW-Berechnung.
Verschiedene Krisen entziehen Deutschlands Wirtschaft Hunderte Milliarden Euro an Investitionen. Das zeigt eine IW-Berechnung. Regierungsgelder reichen nicht für den Ausgleich.
Insgesamt sind es 470 Milliarden Euro: So viel hätten Deutschlands Unternehmen zwischen 2020 und 2026 mehr investiert, wären die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg und andere Krisen nicht gewesen. Das jedenfalls zeigt eine aktuelle Berechnung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). Die Bürger merken das unter anderem am Arbeitsmarkt.
„Wir waren noch nie in so einer langen gesamtwirtschaftlichen Stagnationsphase. Das ist historisch einmalig“, sagt Michael Grömling vom IW zu FOCUS online. Er verweist auf die verschiedenen Krisen: 2020 begann die Entwicklung mit der Coronavirus-Pandemie, 2022 kam der Ukraine-Krieg hinzu. Die neueste Krise ist der Konflikt am Persischen Golf, der weltweit die Preise für Öl und Gas hochgetrieben und so zum Beispiel das Tanken teurer gemacht hat.
Zu den 470 Milliarden Euro an „verlorenen“ Investitionen kommen zwar 50 Milliarden Euro an Investitionen von der Bundesregierung, aber trotzdem bleiben geschätzte Investitionsausfälle in Höhe von 420 Milliarden Euro. Für diese Berechnungen hat das IW die Bruttoanlageinvestitionen vom ersten Quartal 2020 bis zum zweiten Quartal 2026 mit einem Verlauf ohne Pandemie, geopolitischen Krisen und Strukturproblemen in Deutschland verglichen.
Zwischen 2020 und 2025 ist Deutschlands Wirtschaft demnach nur wegen Investitionen der Regierung gewachsen. Private Investitionen lagen im zweiten Quartal 2026 um mehr als zehn Prozent unter dem Schnitt von 2019. Öffentliche Investitionen liegen dagegen 20 Prozent höher.
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Die Bundesrepublik ist mit den fehlenden Investitionen nicht allein. In ganz Europa herrschen ähnliche Probleme. Um das Problem hierzulande zu bekämpfen, ist ein stärkerer Fokus auf die Industrie notwendig. „In Deutschland hat die Industrie eine höhere Bedeutung für Investitionen, darum müsste man hier bei den Energiekosten, Arbeitskosten und Regulierungskosten ansetzen“, erklärt Grömling. Öffentliche Ausgaben können die fehlenden Investments aus dem privaten Sektor nicht ersetzen – Deutschland muss attraktiver für eben solche werden, auch für Investments aus dem Ausland.
Zu einem ähnlichen Schluss kommt die Unternehmensberatung McKinsey. Im Sommer gab sie an, dass zum Beispiel eine Baugenehmigung für nichtwohnwirtschaftliche Vorhaben in Deutschland um die 200 Tage dauert. In den USA sind es lediglich 60, in China um die 40. „Im industriellen Kerngebiet rund um Rhein und Rotterdam liegen die Strompreise im Schnitt bei über 150 US-Dollar pro Megawattstunde“, heißt es in einer Analyse vom Sommer 2026. „Ein struktureller Nachteil vor allem für energieintensive Industrien.“
In Summe heißt das: Deutschland ist auf vielen Ebenen zu behäbig und damit nicht attraktiv genug. Verschiedene Wirtschaftsverbände warnen schon seit Jahren davor, dass diese Probleme behoben werden müssten. Am besten mit Maßnahmen von „oben“.
Für Verbraucher machen sich fehlende Investitionen unter anderem bei der Jobsuche bemerkbar. Grömling findet: „Ich würde nicht sagen, dass der Arbeitsmarkt insgesamt stark leidet, aber wir sehen einen Abbau bei der Beschäftigung.“ Innerhalb der letzten Monate stand hier zum Beispiel die Automobilindustrie im Fokus. Zum Ende des ersten Halbjahres 2026 hatte die Branche um die 42.300 Beschäftigte weniger zu verzeichnen als im Vorjahr.
Wie geht es weiter? Mit dem „Invest-in-Germany“-Summit, der am 19. Oktober beginnt, will die Bundesregierung Investoren anziehen. Grömling bewertet diesen Gipfel als ein „Signal ans Ausland, dass sich Deutschland um Investitionen bemüht“. Andere Länder seien jedoch viel weiter damit, sich als attraktiver Investitionsstandort zu vermarkten.
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