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Krankenkassen riskieren das Geld der Versicherten

Дата публикации: 23-09-2026 18:26:00

Krankenkassen investieren Millionen in riskante Immobilienfinanzierungen. Auch bei der BVK drohen hohe Verluste. Was bedeutet das für Versicherte?

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Krankenkassen und die Bayerische Versorgungskammer haben Millionen in riskante Immobiliengeschäfte gesteckt. Nun stehen hohe Verluste im Raum – und die Frage, wer dafür bezahlt.

Krankenkassen steckten Millionen in riskante Immobilienfinanzierungen. Das Geld ist möglicherweise verloren. Bei der Bayerischen Versorgungskammer drohen hohe Verluste aus US-Projekten. Ein internes Gutachten wirft die Frage auf, ob manche Anlagen überhaupt den eigenen Regeln entsprachen.

40 Millionen hier, 853 Millionen dort
  • 40 Millionen Euro bei der Bahn BKK.
  • Noch einmal 40 Millionen bei der Sportler-Krankenkasse Viactiv.
  • 20 Millionen bei der Siemens BKK.

So hoch beziffern Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR die Verluste der drei Krankenkassen mit Anlagen im Verius-Fonds. Die Kassen selbst bestätigen die Summen nicht. Sie dementieren allerdings auch nicht. Gleichzeitig steht bei der Bayerischen Versorgungskammer (BVK) ein mögliches Verlustpotenzial von 853 Millionen Euro aus US-Immobilieninvestments im Raum.

Krankenkassen bezahlen medizinische Versorgung, die BVK verwaltet Altersvorsorge. Die Regeln für ihre Geldanlagen sind verschieden. Die Frage der Versicherten ist jedoch dieselbe: Was geschah mit meinem Geld? Und wo wird der Verlust spürbar?

Hohe Zinsen für riskante Bauprojekte

Der Name Verius-Immobilienfonds klingt nach Gebäuden, die Miete einbringen. Tatsächlich finanzierten die Fonds vor allem Projekte von Bauträgern. Diese zahlten für das geliehene Geld laut ausgewerteten Fondsunterlagen Zinsen von 15 bis 18,5 Prozent. Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen (KVen) erhielten auf ihre Anlagen teils Ausschüttungen von rund sieben Prozent. Die hohen Zinssätze hätten für die Kassen, die das Geld ihrer Versicherten dort hingeleitet haben, eigentlich ein Warnsignal sein müssen. „Dieses Totalverlust-Risiko hätten die Krankenkassen nicht ignorieren dürfen“, sagt der unabhängige Finanzanalyst Stefan Loipfinger.

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Der Verkaufsprospekt von Verius nannte darüber hinaus 27 Risiken und warnte ausdrücklich vor dem möglichen Verlust des gesamten Kapitals. Die jetzt betroffene Kassen werfen den Finanzunternehmen dennoch vor Gericht vor, ihnen die Anlagen als sicher dargestellt zu haben. Die Fondsmanager bestreiten eine Täuschung und verweisen auf die Risikoangaben und die Prüfpflicht der Käufer.

Kassen dürfen Risiken nicht einfach eingehen

Hinzu kommen Schuldscheindarlehen und Schuldverschreibungen für Immobilienfinanzierungen. Das Bundesamt für Soziale Sicherung beziffert solche inzwischen „leistungsgestörten“ Anlagen bundesweit tätiger Krankenkassen auf rund 1,1 Milliarden Euro. Bei diesen Posten bleiben Zahlungen aus oder sind gefährdet.

Durften die Kassen das Geld der versicherten so leichtfertig anlegen? Ein internes Gutachten zur Kassenärztlichen Vereinigung Berlin geht dieser Frage verschärft nach. Die Wirtschaftsprüfer von Forvis Mazars untersuchten im Auftrag der KV Berlin sechs Anlagen. Bei fünf äußerten sie Zweifel, ob die Produkte zur eigenen Anlagerichtlinie der KV passten. Gesetzesverstöße stellten die Prüfer laut dem Bericht nicht fest. Ein Teil des damaligen KV-Vorstands widersprach zudem ihrer Auslegung der Richtlinie.

Das Sozialgesetzbuch IV verlangt, dass Krankenkassen und KVen ihr Geld so anlegen, „dass ein Verlust ausgeschlossen erscheint“. Sie müssen Risiken streuen und eigene Anlagerichtlinien erlassen. Zwar gab es Gutachten, die Verius-Produkte grundsätzlich für erwerbbar hielten. Die wirtschaftliche Prüfung blieb aber Aufgabe der Investoren. André Große Vorholt, der die Geschäfte der KV Westfalen-Lippe aufarbeitet, sagt: „Die Kassen sind hier mit Finanzprodukten konfrontiert worden, die sie einfach auch fachlich überfordert haben.“

Vom Fondsanteil zur Adresse in Amerika

Bei der Bayerischen Versorgungskammer haben die problematischen Immobilien konkrete Adressen. Über Fonds investierte sie rund 1,6 Milliarden Euro in US-Objekte, an deren Verwaltung Deutsche Finance und der Entwickler Michael Shvo beteiligt waren.

Dazu gehörten geplante Wohnprojekte am Wilshire Boulevard in Los Angeles, an der Fifth Avenue in New York und beim Raleigh in Miami sowie die Renovierung der Transamerica Pyramid in San Francisco. Hinzu kamen bestehende Gebäude in New York und Chicago.

853 Millionen Euro Risiko – wer trägt die Verantwortung?

Das Projekt in Los Angeles wurde aufgegeben, die Objekte in Miami und San Francisco verkauft. Bis Ende 2025 standen nach Angaben der BVK rund 392 Millionen Euro Verlust in den Büchern. Das gesamte mögliche Verlustpotenzial beziffert die Versorgungskammer auf 853 Millionen Euro. BVK und Deutsche Finance streiten inzwischen vor einem US-Gericht darüber, wer welche Entscheidungen verantwortete. Beide weisen die Vorwürfe der Gegenseite zurück.

Für die BVK gelten andere Anlagevorschriften als für Krankenkassen. Das bayerische Recht verlangt unternehmerische Vorsicht, Sicherheitsreserven und ein angemessenes Risikomanagement. Ein Verlust allein beweist keinen Regelverstoß. Er verlangt aber eine genaue Erklärung der damaligen Entscheidungen und Kontrollen.

Wer bezahlt die Rechnung?

Bei einer Krankenkasse wird ein Verlust zunächst in der Bilanz sichtbar: Rücklagen schrumpfen, erwartete Rückzahlungen fehlen. Die betroffenen Kassen erklären bislang, Verius habe keinen Einfluss auf ihre Beiträge. Ein höherer Zusatzbeitrag lässt sich den Anlagen derzeit nicht konkret zurechnen. Bei einer KV ist die Folge schon sichtbar: In Schleswig-Holstein wurden die Beiträge erhöht, die Ärztinnen und Ärzte an ihre KV zahlen.

Die BVK versichert, wegen der US-Geschäfte werde keine Rente gekürzt. Andere Anlagen hätten die Verluste aufgefangen; 2025 erzielten die verwalteten Versorgungseinrichtungen nach ihren Angaben eine Nettoverzinsung von 3,4 Prozent. Ob ohne die misslungenen Geschäfte mehr Geld für Reserven oder künftige Leistungsverbesserungen verfügbar wäre, lässt sich bisher nicht beziffern.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Paula Piechotta kritisiert, dass viele Kassen ihre Geschäfte nicht offenlegen: „Wer an dieser Stelle als Kasse intransparent ist, der verspielt zusätzliches Vertrauen.“ Die Versicherten sehen ihre Beiträge auf der Abrechnung. Was die Kassen und Versorgungswerke damit gekauft haben, erfahren sie oft erst, wenn das Geld fehlt.

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