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Deutschland steckt in der Krise – doch viele Firmen boomen

Дата публикации: 29-09-2026 07:35:00

Deutschlands Wirtschaft steckt in der Krise. Doch viele Unternehmen wachsen kräftig. KI, Rüstung, Energie und Infrastruktur schaffen neue Gewinner.

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Deutschland geht es schlecht? Die Zahlen erzählen eine zweite Geschichte: Viele Unternehmen wachsen, die Börse steigt und neue Geschäftsfelder entstehen.

Deutschland steckt in der Krise. Das ist inzwischen weniger eine ökonomische Diagnose als eine nationale Gewissheit. Die Industrie kämpft mit hohen Energiepreisen, Amerika mit Zöllen, China ist vom Absatzmarkt zum Konkurrenten geworden, der Iran-Krieg hat Öl und Gas verteuert. Nur gibt es ein Problem mit dieser Untergangserzählung: die Zahlen.

Noch erstaunlicher sehen die Zahlen der großen Unternehmen aus. Die 40 DAX-Konzerne haben ihre Nettogewinne im ersten Halbjahr um 13,5 Prozent auf 68,3 Milliarden Euro gesteigert. Für das Gesamtjahr rechnen Analysten im Durchschnitt mit 127,7 Milliarden Euro Nettogewinn, knapp 14 Prozent mehr als im Vorjahr und so viel wie noch nie. Mindestens 13 Dax-Konzerne könnten 2026 Rekordgewinne erzielen.

Deutschlands Börse pfeift auf den Katzenjammer

Auch die Börse hat sich vom deutschen Katzenjammer weitgehend abgekoppelt. Der Dax stand am 25. September bei 25.409 Punkten, nicht weit entfernt von seinem bisherigen Rekord von 26.619 Punkten. Seit Jahresbeginn liegt er rund vier Prozent im Plus. Der MDax steht bei gut 31.000 Punkten und damit ebenfalls leicht über seinem Jahresstart, der SDax kommt auf gut 18.100 Punkte und ein Plus von rund fünf Prozent.

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Man könnte das für die übliche Dax-Anomalie halten: Deutschland jammert, seine Weltkonzerne verdienen ihr Geld woanders. Doch das Merkwürdige beginnt, wenn man sich eine Etage tiefer umblickt.

Nemetschek, der Münchner Softwareanbieter für die Bau- und Medienbranche, steigerte seinen Umsatz im ersten Halbjahr währungsbereinigt um 9,7 Prozent. Im wichtigen Build-Geschäft waren es sogar 27,1 Prozent. Im zweiten Quartal legten die Erlöse aus Abonnements und Software-as-a-Service währungsbereinigt um fast 30 Prozent zu.

Totgesagte deutsche Industrie lebt

Deutz, der traditionsreiche Motorenbauer aus Köln, gehört eigentlich zu jener deutschen Industrie, deren Ableben regelmäßig verkündet wird. Tatsächlich stiegen die Auftragseingänge im ersten Halbjahr aber um 28,7 Prozent auf 1,33 Milliarden Euro, der Umsatz um 10,7 Prozent auf 1,12 Milliarden Euro. Das bereinigte operative Ergebnis legte sogar um 43 Prozent auf knapp 80 Millionen Euro zu. Dahinter steckt nicht nur Konjunktur, sondern ein Umbau des Konzerns: Kosten runter, neue Geschäftsfelder dazu, hinein in Energie und Verteidigung.

Hensoldt, der Hersteller von Radar- und Verteidigungselektronik aus Taufkirchen, hat seinen Auftragseingang im ersten Halbjahr mehr als verdoppelt. Der Auftragsbestand überschritt erstmals zehn Milliarden Euro. Das bereinigte Ebitda stieg um 28,5 Prozent.

Krones aus Neutraubling meldet ebenfalls mehr Bestellungen: Der Auftragseingang stieg im ersten Halbjahr um 4,5 Prozent auf 2,85 Milliarden Euro, der Auftragsbestand liegt bei 4,33 Milliarden Euro. Das ist nicht die Konjunktur, über die Deutschland jeden Abend diskutiert.

Deutschland hat kein Nvidia – aber Nvidia braucht Deutschland

Darin steckt aber auch die erste Antwort auf die Frage, warum sich Börse und Stimmung so weit voneinander entfernt haben: An der Börse wird nicht Deutschland gehandelt. Es werden Unternehmen gehandelt. Das ist längst nicht dasselbe. Wer über „die deutsche Wirtschaft“ spricht, wirft einen Autozulieferer aus Baden-Württemberg, einen Bäcker in Brandenburg, SAP, Rheinmetall und einen weltweit tätigen Rückversicherer in einen Topf. Statistisch geht das. Ökonomisch hilft es wenig. Ein Unternehmen kann seinen Sitz in München, Walldorf oder Köln haben und wirtschaftlich stärker vom Bau eines Rechenzentrums in Virginia abhängen als vom Konsumklima in Nordrhein-Westfalen.

Das ist die neue deutsche Wirtschaft: Rüstung statt Verbrenner. Rechenzentren statt Wohnungsbau. Stromnetze statt Chemiegrundstoffe. Software-Abos statt Maschinenexporte nach China. Deutschland hat zwar kein Nvidia. Aber deutsche Unternehmen verkaufen erstaunlich viel von dem Zeug, das Nvidia braucht, damit Nvidia überhaupt Geschäfte machen kann.

Die KI-Revolution hat einen deutschen Zulieferer

Das schönste Beispiel dafür sitzt in Oberkochen auf der Schwäbischen Alb: Zeiss liefert mit seiner Halbleitertechnik hochpräzise optische Systeme für die Lithografiemaschinen von ASML. Mit ihnen werden die Strukturen moderner Hochleistungschips auf Siliziumscheiben belichtet.

Die Optiken arbeiten dabei mit einer Präzision, bei der Abweichungen im Nanometerbereich zählen. Die Deutschen haben die KI-Revolution vielleicht nicht erfunden. Aber ohne ein Unternehmen aus Oberkochen ließe sich ein Teil ihrer wichtigsten Hardware kaum produzieren.

Die heimlichen Gewinner des KI-Booms

Zeiss ist kein Einzelfall. Siemens Energy verdient am weltweiten Stromhunger. Siemens liefert Elektrifizierung und Gebäudetechnik für Rechenzentren. Infineon verkauft Leistungshalbleiter für deren Stromversorgung. Merck liefert Materialien für die Chipfertigung. DHL transportiert Server, Komponenten und Kühltechnik rund um die Welt. Die These vom technologiearmen Deutschland greift deshalb zu kurz. Viele deutsche Industrie- und Spezialunternehmen stehen nicht am Anfang der neuen technologischen Wertschöpfungsketten. Aber sie stehen mittendrin.

Die Deutschen haben die nächste technologische Revolution nicht erfunden. Sie verkaufen die Sicherungskästen dafür.

Der Staat ist inzwischen einer der wichtigsten Kunden

Die neue Wachstumszahl von 1,3 Prozent hat aber auch eine schattigere Seite. Die Gemeinschaftsdiagnose spricht zwar von einem Aufschwung, nennt ihn aber ausdrücklich schwach. Denn ausgerechnet jene Teile der Wirtschaft, die einen selbsttragenden Aufschwung anzeigen würden, kommen nur schleppend voran.

Die Unternehmensinvestitionen bleiben schwach. Der private Konsum ebenfalls. Kräftig zugelegt haben dagegen unter anderem die Exporte, die Wertschöpfung der Industrie und der Staatsverbrauch. Hinzu kommen milliardenschwere Investitionen in Verteidigung, Infrastruktur und Energie.

Großaufträge retten die Bilanz

Noch deutlicher wird die Verschiebung beim Blick auf die Auftragseingänge. Im Juli stiegen die Bestellungen im Verarbeitenden Gewerbe gegenüber dem Vormonat um 2,5 Prozent. Das klingt nach einem kräftigen Aufschwung. Rechnet man Großaufträge heraus, ergibt sich allerdings ein Minus von 1,4 Prozent.

Der Zuwachs kam fast vollständig aus dem „Sonstigen Fahrzeugbau“ – also Flugzeugen, Schiffen, Zügen und Militärfahrzeugen. Dort haben sich die Bestellungen wegen außergewöhnlich großer Aufträge binnen eines Monats mehr als verdoppelt: plus 126,4 Prozent. Gleichzeitig brachen die Bestellungen der Autoindustrie um 12,5 Prozent ein.

Es gibt ein Wirtschaftswachstum

Mit anderen Worten: Deutschland wächst wieder. Aber ein Teil dieses Wachstums entsteht nicht deshalb, weil Verbraucher plötzlich mehr kaufen oder Unternehmen überall neue Fabriken bauen. Es ist der Staat, der bestellt. Aus der Erzählung „Deutschland wächst nicht“ wird deshalb eine kompliziertere: Deutschland wächst wieder, aber der Staat schiebt kräftig an.

Die Krise hat einen Effekt: Sie steigert Gewinne

Es gibt noch einen zweiten Grund für die guten Unternehmenszahlen: Die Krise wirkt. Unternehmen haben Werke geschlossen, Personal abgebaut, Geschäftsbereiche verkauft und Kosten gesenkt. Was Arbeitnehmer und Standortpolitiker als Krise erleben, taucht einige Quartale später in der Gewinnrechnung als höhere Marge auf. Deutz zeigt die Mechanik besonders gut: Der Umsatz steigt um knapp elf Prozent, das bereinigte operative Ergebnis aber um 43 Prozent. Unternehmen müssen also nicht explosionsartig wachsen, damit ihre Gewinne kräftig zulegen.

Eine Volkswirtschaft kann unter Stellenabbau leiden, während Aktionäre von ihm profitieren. Damit erklärt sich ein Teil des scheinbaren Widerspruchs zwischen schlechter Stimmung und steigenden Kursen. Stimmung und Börse leben in unterschiedlichen Umlaufbahnen. Die Stimmung beschreibt, wie es gerade ist. Die Börse wettet darauf, wie es werden könnte.

Deutschland hat nicht eine Wirtschaft, sondern mehrere

Deutschland hat deshalb derzeit nicht eine Wirtschaft, sondern mehrere. Da ist die alte Wirtschaft, die am alten deutschen Versprechen hängt: billige Energie aus Russland, immer mehr Absatz in China, Autos mit Verbrennungsmotor und eine Industrie, die ihre Maschinen in alle Welt verkauft. Dieses Modell trägt nicht mehr wie früher.

Daneben wächst eine andere Wirtschaft. Sie verdient an Verteidigung, Elektrifizierung, Digitalisierung, Infrastruktur, Versicherungen, Software und KI.

Und es entsteht noch eine dritte: eine Wirtschaft, deren Auftragsbücher zunehmend davon profitieren, dass der Staat Milliarden in Verteidigung, Schienen, Netze und Infrastruktur steckt. Die glänzenden Bilanzen erzählen deshalb keine falsche Geschichte. Aber eben auch nicht die ganze.

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