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Aufruf zur Rentenreform öffentlich: 46 Ökonomen warnen Bundesregierung vor Änderungen

Дата публикации: 01-10-2026 16:03:00

46 Ökonomen warnen die Bundesregierung vor Änderungen an der Rentenreform. Besonders das Ende der abschlagsfreien Rente müsse kommen.

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FOCUS online liegt der Aufruf von 46 Top-Ökonomen vor. Sie warnen die Bundesregierung eindringlich davor, die geplante Rentenreform aufzuschnüren – und nehmen besonders die „Rente mit 63“ ins Visier.

Jetzt melden sich 46 Ökonominnen und Ökonomen mit einer gemeinsamen Warnung zu Wort. In einem Aufruf an die Bundesregierung fordern sie, die Empfehlungen der Rentenkommission als Gesamtpaket umzusetzen. Der Aufruf „Rentenreform: Nur das ganze Paket entfaltet die notwendige Wirkung!“ liegt FOCUS online vor.

Zu den Unterzeichnern gehören zahlreiche prominente Ökonomen, darunter die Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer, Gabriel Felbermayr und Martin Werding, die Präsidenten beziehungsweise Leiter großer Wirtschaftsforschungsinstitute Clemens Fuest (ifo), Reint Gropp (IWH), Michael Hüther (IW) und Moritz Schularick (IfW) sowie ESMT-Präsident Jörg Rocholl. Initiiert wurde der Aufruf von Schnitzer, Rocholl, Werding und der Verwaltungswissenschaftlerin Constanze Janda.

Hintergrund ist, dass die Bundesregierung nach Vorlage der Kommission zunächst angekündigt hatte, deren Vorschläge als Ganzes umsetzen zu wollen.

Ökonomen warnen vor einem „Aufschnüren“ der Reform

Der Kern ihrer Botschaft: Die 33 Empfehlungen der Rentenkommission seien nicht als einzelne Maßnahmen gedacht, die sich beliebig herausgreifen oder streichen ließen.

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„Der entscheidende Punkt: Die Empfehlungen der Kommission sind ein konsistentes Bündel von Maßnahmen“, schreiben die Wissenschaftler. Die Reform mache die Alterssicherung „verlässlicher, fiskalisch nachhaltiger und sozialpolitisch zielgenauer“.

Aus Sicht der Unterzeichner greifen die einzelnen Bausteine ineinander. Dazu gehören Änderungen beim Renteneintritt, eine stärkere Berücksichtigung der demografischen Entwicklung bei der Rentenanpassung, die Ausweitung des Versichertenkreises und eine zusätzliche kapitalgedeckte Rentenkomponente.

„Wer einzelne Bausteine streicht, muss einen wirksamen Ersatz nennen.“

Andernfalls, warnen die Ökonomen, „fällt das gesamte Konzept zusammen“ und die Lösung der Finanzierungsprobleme werde lediglich weiter verschoben.

Besonders umstritten: das Ende der „Rente mit 63“

Besonders deutlich wenden sich die 46 Unterzeichner gegen eine Abschwächung bei der abschlagsfreien Frühverrentung.

Die sogenannte „Rente mit 63“ ermöglicht Menschen mit mindestens 45 Versicherungsjahren, unter bestimmten Voraussetzungen ohne Abschläge vorzeitig in Rente zu gehen. Die Rentenkommission empfiehlt, diese Möglichkeit abzuschaffen.

Genau diese Empfehlung ist inzwischen politisch umkämpft. Mehrere Ministerpräsidenten aus CDU und SPD haben sich gegen eine ersatzlose Abschaffung ausgesprochen. Auch SPD-Chefin und Arbeitsministerin Bärbel Bas hat zuletzt Übergangsfristen und Ausnahmen ins Spiel gebracht. Bundeskanzler Friedrich Merz hält dagegen grundsätzlich an der Abschaffung fest.

Die Ökonomen argumentieren, die abschlagsfreie Frühverrentung sei eine „sehr teure staatliche Sonderleistung“. Nach Daten der Deutschen Rentenversicherung profitierten davon überdurchschnittlich häufig Besserverdienende, gesündere Menschen und Männer.

„Die Kommission will stattdessen sowohl die Menschen gezielter unterstützen, die kurz vor dem Renteneintritt aus gesundheitlichen Gründen ihren langjährigen Beruf nicht mehr ausüben können, als auch diejenigen, die trotz vieler Beitragsjahre nicht von ihrer Rente leben können.“

Was die Rentenkommission konkret vorgeschlagen hat

Die von der Bundesregierung eingesetzte Alterssicherungskommission hatte im Juni 33 Empfehlungen vorgelegt. Ziel ist eine langfristig stabilere Finanzierung der Alterssicherung angesichts des demografischen Wandels.

Zu den wichtigsten Vorschlägen gehören:

1. Das Renteneintrittsalter soll steigen

Die Kommission will das Renteneintrittsalter künftig an die Entwicklung der Lebenserwartung koppeln. Steigt die Lebenserwartung, soll ein Teil dieser zusätzlichen Lebenszeit auf die Erwerbsphase entfallen.

2. Die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren soll entfallen

Die bisherige Möglichkeit für besonders langjährig Versicherte soll abgeschafft werden. Die Kommission will stattdessen gezieltere Unterstützung für Menschen mit gesundheitlichen Problemen oder niedrigen Renten ermöglichen.

3. Der Nachhaltigkeitsfaktor soll wieder stärker wirken

Die Rentenentwicklung soll weiterhin grundsätzlich an die Lohnentwicklung gekoppelt bleiben. Gleichzeitig soll der Nachhaltigkeitsfaktor wieder greifen. Sein Parameter „alpha“ soll von 0,25 auf 0,33 steigen. Dadurch soll die demografische Belastung stärker zwischen Beitragszahlern und Rentnern verteilt werden.

4. Eine verpflichtende Kapitalrente soll kommen

Die gesetzliche Rentenversicherung soll um eine kapitalgedeckte Komponente ergänzt werden. Vorgesehen ist ein zusätzlicher Beitrag von insgesamt 2 Prozent des Bruttolohns, der paritätisch von Arbeitnehmern und Arbeitgebern finanziert wird. Die Einführung soll schrittweise erfolgen.

5. Mehr Menschen sollen in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen

Die Kommission will den Kreis der Versicherten ausweiten. Perspektivisch sollen unter anderem weitere Selbstständige und Abgeordnete einbezogen werden. Für Beamte ist eine wirkungsgleiche Übertragung der Reform auf die Beamtenversorgung vorgesehen.

6. Minijobs sollen ihren Sonderstatus verlieren

Geringfügige Beschäftigungsverhältnisse sollen grundsätzlich in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden. Ausnahmen sind insbesondere für Schülerinnen und Schüler vorgesehen.

Auch für die Union enthält das Paket unangenehme Punkte

Der Streit über die „Rente mit 63“ betrifft vor allem einen Teil des Gesamtpakets. Andere Vorschläge stoßen dagegen bei der Union auf Widerstand: Dazu gehört etwa die geplante Abschaffung des Sonderstatus von Minijobs und die stärkere Einbeziehung von Selbstständigen.

Für die SPD wiederum sind insbesondere die Abschaffung der abschlagsfreien Frühverrentung, die stärkere Wirkung des Nachhaltigkeitsfaktors und die zusätzliche Kapitalrente problematisch.

Gerade darin liegt nach Einschätzung der Unterzeichner aber der Sinn des Kommissionsvorschlags: Nicht eine einzelne Gruppe soll die Last der Reform tragen, sondern die Belastungen sollen auf verschiedene Gruppen verteilt werden.

Bundesregierung hatte vollständige Umsetzung zugesagt

Nach Vorlage der 33 Empfehlungen hatten sich Union und SPD zunächst darauf verständigt, die Vorschläge als Gesamtpaket umzusetzen. Kanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas bezeichneten die Reform als „Gesamtkunstwerk“.

Merz bekräftigte später, dass die Koalition die Vorschläge grundsätzlich vollständig in ein Gesetzgebungsverfahren geben wolle. Auch bei der Frühverrentung sagte er, man müsse die Anreize zur Frühverrentung beenden.

Nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin ist der politische Druck allerdings gestiegen. Vor allem die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren wird inzwischen wieder infrage gestellt.

46 Ökonomen: Belastungen nicht weiter auf Jüngere verschieben

Die Unterzeichner argumentieren ausdrücklich mit der Generationenverteilung.

Deutschland werde älter, während künftig weniger Beschäftigte für mehr Rentner aufkommen müssten. Ohne Reformen drohten deshalb weiter steigende Belastungen für Beiträge und Bundeshaushalt.

Deshalb müsse jeder Teil der Gesellschaft seinen Beitrag leisten, schreiben die Ökonomen. Genannt werden ausdrücklich Beschäftigte, Arbeitgeber und Rentner – aber auch Politiker, Beamte, Vorstände und Selbstständige.

Ihre zentrale Botschaft an die Bundesregierung lautet deshalb: Die Reform dürfe nicht erneut in Einzelteile zerlegt werden.

Die Alterssicherungskommission habe nach Ansicht der Unterzeichner die Chance geschaffen, die Lasten des demografischen Wandels breiter zu verteilen. Diese Chance solle die Regierung nutzen und nicht durch politische Ausnahmen verspielen.

Die 46 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner:

Almut Balleer — RWI – Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung; TU Dortmund

Axel Börsch-Supan — Munich Research Institute for the Economics of Aging and SHARE Analyses

(MEA)

Friedrich Breyer — Universität Konstanz; Wissenschaftlicher Beirat beim BMWE

Tabea Bucher-Koenen — Universität Mannheim; ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung

Thiess Büttner — Unabhängiger Beirat des Stabilitätsrates

Georg Cremer — Universität Freiburg; Deutscher Caritasverband, Generaldirektor a.D.

Michael Eilfort — Stiftung Marktwirtschaft

Gabriel Felbermayr — WIFO; Sachverständigenrat Wirtschaft

Lars P . Feld — Universität Freiburg; Wissenschaftlicher Beirat beim BMF

Nicola Fuchs-Schündeln — WZB; Goethe-Universität Frankfurt

Clemens Fuest — ifo Institut

Reint E. Gropp — Halle Institute for Economic Research (IWH)

Peter Haan — Freie Universität Berlin; DIW Berlin

Christian Hagist — WHU – Otto Beisheim School of Management

Florian Heider — Goethe-Universität Frankfurt; Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE
Klaus-Dirk Henke — TU Berlin; Wissenschaftlicher Beirat beim BMF

Michael Hüther — Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Martin Jacob — IESE Business School

Constanze Janda — Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer

Ute Klammer — Uni Duisburg-Essen; IAQ

Michaela Kreyenfeld — Hertie School; Einstein Center Population Diversity (ECPD)

Hanno Kube — Institut für Finanz- und Steuerrecht, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Jan Pieter Krahnen — Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE; CEPR

Dominika Langenmayr — Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Ulrike Malmendier — University of California, Berkeley; Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE

Alexandra Niessen-Ruenzi — Universität Mannheim

Andreas Peichl — ifo Institut; LMU München

Joachim Ragnitz — ifo Dresden

Wolfram F. Richter — TU Dortmund

Nadine Riedel — Universität Münster

Jörg Rocholl — ESMT Berlin; Wissenschaftlicher Beirat beim BMF

Franz Ruland — Verband Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR), Geschäftsführer a.D., Vorsitzender des Sozialbeirats a.D.

Bert Rürup — Handelsblatt Research Institute

Florian Scheuer — Universität Zürich

Christoph M. Schmidt — Leibniz-Gemeinschaft

Klaus M. Schmidt — LMU München; Verein für Socialpolitik

Monika Schnitzer — LMU München; Sachverständigenrat Wirtschaft

Ronnie Schöb — Freie Universität Berlin

Ulrich Schreiber — Universität Mannheim

Moritz Schularick — Kiel Institut für Weltwirtschaft

Christoph Spengel — Universität Mannheim

Marcel Thum — TU Dresden; ifo Dresden

Silke Übelmesser — Friedrich-Schiller-Universität Jena

Martin Werding — Ruhr-Universität Bochum; Sachverständigenrat Wirtschaft

Volker Wieland — Goethe-Universität Frankfurt; Institute for Monetary and Financial Stability (IMFS)

Katharina Wrohlich — Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin); Universität Potsdam

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