Mehr als fünf Prozent Anleiherendite setzen Aktien unter Druck. Für Ruheständler und Langfristsparer ergeben sich unterschiedliche Folgen.
Mehr als fünf Prozent Rendite auf US-Staatsanleihen verändern die Spielregeln für Anleger. Besonders Ruheständler und Besitzer teurer Wachstums- oder Dividendenaktien müssen jetzt genauer hinsehen.
Am US-Anleihemarkt ist eine wichtige Marke gefallen: Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen stieg zeitweise auf 5,29 Prozent, die 30-jähriger Papiere auf gut 5,62 Prozent – so hoch wie seit 2007 beziehungsweise 2002 nicht mehr.
Für Anleger beginnt damit ein neuer Wettbewerb: Warum das Risiko von Aktien eingehen, wenn vermeintlich sichere Staatsanleihen wieder mehr als fünf Prozent abwerfen? Der Kampf „Aktien versus Anleihen“ hat begonnen.
Zunächst lohnt ein Blick auf die Größenordnung. Die Deutsche Bank verweist darauf, dass die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen seit den 1960er-Jahren im Durchschnitt rund 0,7 Prozentpunkte unter dem nominalen Wirtschaftswachstum lag.
Da bedeutet vereinfacht: Wächst eine Wirtschaft inklusive Preissteigerungen mit 5,5 Prozent, wären langfristige Zinsen um 4,8 Prozent historisch nichts Außergewöhnliches.
Aktuell wächst das nominale US-BIP laut Deutsche Bank sogar um rund 6,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Solange die Wirtschaft also schneller wächst als die langfristigen Finanzierungskosten, lässt sich eine hohe Verschuldung grundsätzlich leichter tragen.
Allerdings hat die Rechnung einen Haken: In diesen 6,6 Prozent steckt auch Inflation. Real, also nach Abzug der Preissteigerungen, wuchs die US-Wirtschaft im zweiten Quartal lediglich mit einer annualisierten Rate von 1,5 Prozent. Geht die Inflation zurück, dürfte also auch das nominale Wachstum sinken. Bleiben die Anleiherenditen dann aber weiterhin hoch, wird der Puffer kleiner.
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Für Anleger ist deshalb entscheidend, was fünf Prozent Zins mit der Attraktivität anderer Anlagen machen – und wie stark Sie aktuell auf ihr Portfolio angewiesen sind.
Fakt ist: Für Aktien wird das Umfeld zunehmend anspruchsvoll. Höhere Zinsen wirken gleich doppelt: Sie machen Anleihen attraktiver und drücken rechnerisch den heutigen Wert zukünftiger Unternehmensgewinne.
Besonders relevant ist das bei Aktien, deren Bewertung stark von weit in der Zukunft erwarteten Gewinnen abhängt. Typische Kandidaten sind etwa hoch bewertete Technologie-, Software-, KI- oder Biotech-Unternehmen, die heute noch vergleichsweise wenig verdienen, denen Anleger aber starkes Wachstum in den kommenden Jahren zutrauen. Steigen die Zinsen, verlieren diese weit entfernten Gewinne rechnerisch stärker an Wert.
Hinzu kommt ein zweiter Effekt: Gerade viele Wachstumsunternehmen haben einen hohen Kapitalbedarf. KI, Rechenzentren, Chips und Cloud-Infrastruktur erfordern enorme Investitionen. Bleiben die Finanzierungskosten dauerhaft hoch, verteuern sich neue Projekte und die Renditehürden steigen. Dann kann der Zinsanstieg nicht nur die Bewertung der Aktien drücken, sondern auch das tatsächliche Wachstum der Unternehmen bremsen.
Doch auch klassische Einkommensaktien, die oft für Ruhestandsdepots oder den Aufbau solcher genutzt werden, stehen zunehmend in Konkurrenz zu Anleihen. Das betrifft etwa Immobiliengesellschaften, Versorger oder Unternehmen mit hohen, aber kaum wachsenden Dividenden.
War eine Dividendenrendite von vier Prozent in der Nullzinswelt attraktiv, sieht der Vergleich heute anders aus, wenn Staatsanleihen fünf Prozent oder mehr bieten.
Auch der Titel „Dividendenaristokrat“ schützt nicht mehr automatisch. Unternehmen wie Coca-Cola, Procter & Gamble oder Johnson & Johnson haben ihre Ausschüttungen seit Jahrzehnten erhöht. Für die Bewertung zählt aber weiterhin, ob Gewinne und Dividenden wachsen, wie hoch die Verschuldung ist und welchen Preis Anleger für die Aktie zahlen. Eine lange Dividendenhistorie allein macht eine Aktie nicht zinsfest.
Besonders wichtig wird die neue Konkurrenz für Anleger, die bereits von den Erträgen ihres Depots leben. Viele Ruheständler finanzieren einen Teil ihrer Ausgaben zunächst aus Dividenden und Zinsen und müssen dafür nicht zwangsläufig Aktien verkaufen. Steigende Zinsen haben für sie deshalb zwei Seiten: Sie können Aktienkurse unter Druck setzen, erhöhen zugleich aber die möglichen Zinserträge aus dem Anleiheteil des Depots.
Zum Problem werden fallende Aktienkurse vor allem dann, wenn Dividenden und Zinsen nicht ausreichen und zusätzlich Aktien verkauft werden müssen. Geschieht das ausgerechnet in einer schwachen Börsenphase, fehlt dieses Kapital bei einer späteren Erholung. Fachleute sprechen hier vom Reihenfolgerisiko: Nicht nur die durchschnittliche Rendite zählt, sondern auch, wann Verluste auftreten. Gerade zu Beginn des Ruhestands können starke Rückgänge deshalb besonders schmerzhaft sein.
Für Ruheständler heißt das nicht automatisch: Aktien raus, Anleihen rein. Interessanter wird vielmehr der defensive Teil des Depots. Anleihen liefern wieder nennenswerte Zinsen und können damit helfen, laufende Ausgaben zu finanzieren, ohne in schwachen Börsenphasen Aktien verkaufen zu müssen.
Sinken die Marktzinsen später wieder, kommen bei bestehenden Anleihen zusätzlich Kursgewinne infrage – besonders bei längeren Laufzeiten. Steigen die Zinsen weiter, gilt allerdings das Gegenteil.
Für sie ist deshalb weniger wichtig, ob die Börse in den kommenden zwölf Monaten zehn Prozent steigt oder fällt. Entscheidend ist, ob die Unternehmen über Jahrzehnte ihre Gewinne steigern können.
Auch Anleihen werden für diese Gruppe wieder interessanter. Sie können einem langfristigen Portfolio Stabilität geben und zugleich regelmäßige Zinserträge liefern. Wer beispielsweise eine Anleihe mit vier Prozent Verzinsung hält, erhält auf 10.000 Euro Nennwert grundsätzlich 400 Euro Zinsen pro Jahr. Solche laufenden Erträge waren in der jahrelangen Niedrigzinsphase deutlich geringer.
Wer zusätzlich auf wieder sinkende Zinsen setzt, kann sich über länger laufende Anleihen oder entsprechende Anleihefonds und ETFs positionieren. Sinkt das allgemeine Zinsniveau, sind dort Kursgewinne möglich. Wer eine einzelne Anleihe dagegen bis zur Fälligkeit hält, erhält grundsätzlich den vereinbarten Nennwert zurück – zwischenzeitliche Kursbewegungen spielen dann eine geringere Rolle.
Der Kampf zwischen Aktie und Anleihe hat damit keinen eindeutigen Gewinner. Für Ruheständler können hohe Zinsen helfen, laufende Erträge sicherer zu erwirtschaften – gleichzeitig machen Kursverluste bei Aktien Entnahmen gefährlicher.
Für langfristige Sparer erhöhen Anleihen die Auswahl, während niedrigere Aktienbewertungen neue Einstiegschancen schaffen können.
Fünf Prozent Zins sind deshalb nicht automatisch eine Krise. Aber sie verändern den Maßstab, an dem jede Aktie gemessen wird.
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