Der Zoo Zürich blickt auf eine wechselvolle Giraffen-Geschichte zurück. Nun hofft er auf Nachwuchs.
Der Zoo Zürich blickt auf eine wechselvolle Giraffen-Geschichte zurück. Nun hofft er auf Nachwuchs.
09.10.2026, 17.33 Uhr
3 Leseminuten

Norbert Neetz / Imago
Es ist ein ungewöhnlicher Tiertransporter, der diese Woche durch Zürich fährt. 3,5 Meter hoch ist das Fahrzeug, der Zoo Zürich das Ziel einer zweitägigen Reise durch Europa. Anfang Woche ist der Tross in Kopenhagen gestartet. Im Transporter ist ein potenzieller neuer Publikumsliebling für den Zoo Zürich: ein Giraffenbulle. Einer mit einem weiblichen Namen.
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Ursprünglich kommt der Giraffenbulle aus Frankreich und heisst Maïwenn, ein Name, der eigentlich für Mädchen ist. Benannt sei er «zu Ehren einer grosszügigen Spenderin», das teilte bei seiner Geburt 2022 der Zoo Beauval mit.
Die Ankunft des Giraffenbullen ist für den Zoo Zürich ein Neuanfang und erinnert daran, wie wechselvoll die Geschichte der Zürcher Giraffen ist.
Im September 1949 sind drei Giraffen auf dem Weg nach Zürich. Sie kommen aus Arusha im heutigen Tansania. Dort hat sie der damalige Zoodirektor Felix Hofmann beim Schweizer Tierfänger August Künzler gekauft.
Höchstpersönlich holt Hofmann die Tiere ab, um sicherzugehen, dass sie heil in Zürich ankommen. Neben den drei Giraffen kauft Hofmann auch Nashörner, Leoparden, Riesenschlangen, Gnus, Antilopen und Vögel.
Insgesamt 24 Tiere nimmt er mit an Bord eines 135 Meter langen Frachters einer niederländischen Reederei, wie die NZZ in einem Bericht schreibt. In Genua sollen die Tiere ausgeladen und dann auf dem Landweg nach Zürich transportiert werden. Doch es kommt anders.
Im Zoo Zürich bricht die Maul- und Klauenseuche aus. Als Vorsichtsmassnahme wird der Zoo vorübergehend geschlossen. 28 Tiere verenden. Und nicht nur der Zoo Zürich ist betroffen, auch aus Rom und anderen europäischen Städten sind Krankheitsfälle bekannt.
Als das Frachtschiff mit den Giraffen am 1. September in Genua anlegt, hat sich die Situation zugespitzt. Die italienischen Behörden wollen die wilden Tiere aus Angst vor weiteren Ansteckungen nicht von Bord gehen lassen. Das Schiff muss weiterfahren nach Marseille.
Die Situation wird noch komplizierter: Das Schweizer Veterinäramt entscheidet, aufgrund der Seuche keine Klauentiere mehr in die Schweiz zu lassen. Das beeinflusst wohl auch die französischen Behörden, sie ziehen die Einfuhrbewilligung für die Giraffen, Gnus und Antilopen zurück.
Der Frachter fährt nun weiter nach Antwerpen, und als auch die belgischen Behörden abwinken, nach Amsterdam.
In Amsterdam wird der Frachter dann erst gar nicht in den Hafen gelassen. Die Reederei spricht nun ein Machtwort. Es bleibe keine andere Option, als die «Tiere über Bord zu werfen», heisst es in einem Telegramm. Die Besatzung aber weigert sich, die Tiere zu töten. Am Ende ist es der Zoodirektor Felix Hofmann, der zur Tat schreitet. Er erschiesst die Giraffen, zwei Gnus und vier Antilopen. Die Kadaver werden zusammen mit den Transportkisten ins Meer geworfen.
Wenige Stunden später erreicht eine Nachricht aus Hamburg die Besatzung: Ein Zoo in Hamburg hat sich bereit erklärt, die Klauentiere bei sich in Quarantäne zu nehmen. Die Giraffen, Gnus und Antilopen hätten so gerettet werden können. Doch die Nachricht kommt zu spät.
Nach der Tragödie von 1949 nimmt der Zoo Zürich einen neuen Anlauf mit Giraffen – doch auch dieser bleibt erfolglos. Zwei Tiere sterben kurz nach ihrer Ankunft in Zürich an Parasiten, ein weiteres bricht 1956 unerwartet tot zusammen. Danach verzichtet der Zoo Zürich 63 Jahre lang auf Giraffen. Erst 2019 kehren sie zurück.
Ab 2019 leben zunächst die Weibchen Malou, Jahi und Luna im Zoo Zürich. 2025 kommt der Giraffenbulle Obi dazu. Doch auch mit ihm meint es das Schicksal nicht gut. Der Bulle verletzt sich schwer am Bein. Wie genau, ist laut dem Zoo unklar. Am 29. April 2026 muss der Zoo ihn einschläfern.
Wenn Maïwenn nun bald aus der Quarantäne zu den Weibchen ins Gehege zieht, ruhen auf ihm grosse Hoffnungen. Der Zoo möchte endlich Nachwuchs der stark gefährdeten Netzgiraffen züchten.