Politiker von links bis rechts finden den Umzug in eine Industriehalle in Zürich-West fragwürdig. Nicht nur, weil sie sich an die böse Überraschung mit der Kunsthaus-Erweiterung erinnert fühlen.
Politiker von links bis rechts finden den Umzug in eine Industriehalle in Zürich-West fragwürdig. Nicht nur, weil sie sich an die böse Überraschung mit der Kunsthaus-Erweiterung erinnert fühlen.
10.10.2026, 05.00 Uhr
5 Leseminuten

Michele Di Fede / UZH
Zürich-West mit seinen alten Industriehallen und modernen Bürogebäuden ist für Eltern mit kleinen Kindern alles andere als ein Ausflugsziel erster Güte. Doch das könnte sich ändern, denn es bestehen Pläne, den absoluten Familienklassiker für verregnete Tage dorthin zu verlegen: das Naturhistorische Museum der Universität Zürich.
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Dieses könnte in den Maag-Hallen hinter dem Prime Tower ein neues Zuhause finden und das Quartier beleben. Als dies Ende Juni bekannt geworden ist, tönte es zunächst nach einer Win-win-Situation.
Erstens, weil sich an den Gründen für die grosse Popularität durch den Standortwechsel nichts ändern würde. Gratiseintritt, massenhaft ausgestopfte Tiere und neuerdings auch eindrückliche Dinosaurierskelette – all das hat das Museum zum heissen Tipp in Publikationen für Eltern gemacht.
Zweitens hätte das Museum in Zürich-West, anders als heute im Altbau der Universität, einen direkten Bahnanschluss und deutlich mehr Platz. Solcher ist dringend nötig, denn die vielen Empfehlungen haben dazu geführt, dass vor den Vitrinen regelmässig Dichtestress aufkommt.
Die Eintritte haben sich innert zehn Jahren fast verdoppelt. Das Museum war zuletzt mit über 195 000 Besuchern pro Jahr die Nummer vier in der Stadt, hinter Kunsthaus, Landesmuseum und Fifa-Museum. Für solche Massen ist es schlicht zu klein, dies hat die Kantonsregierung schon vor Jahren bemängelt.
Angst vor Mehrkosten, die man nur noch «abnicken» kannInzwischen ist jedoch Skepsis aufgekommen, ob ein Umzug in die Maag-Hallen für Zürich wirklich eine gute Lösung wäre. Dies kommt in einer kritischen Anfrage an die Regierung zum Ausdruck, die im Kantonsparlament von Vertreterinnen und Vertretern der AL, der FDP, der SP und der Grünen gemeinsam eingereicht worden ist.
Der zentrale Einwand zielt auf die Kosten und ist brisant, weil er an die gegenwärtige Debatte über das Kunsthaus anknüpft. Dort wurde bei der grosszügigen Ausdehnung der Ausstellungsfläche durch den Neubau unterschätzt, was dies für den Betriebsaufwand bedeutet, vor allem den personellen. Das Kunsthaus benötigte sechzig Vollzeitstellen mehr als erwartet und musste die öffentliche Hand um zusätzliche Millionen bitten. Diese haben die Stimmberechtigten zwar in einer Abstimmung Ende September gewährt, aber fast 45 Prozent waren dagegen.

PD
Marc Bourgeois (FDP), einer der Unterzeichner der Anfrage zum Naturhistorischen Museum, befürchtet, dass dessen Umzug nach Zürich-West ebenfalls dauerhafte Folgekosten auslösen würde. Dies ohne vorgängige Mitsprache des Parlaments. Ein solcher Entscheid müsse demokratisch legitimiert sein und dürfe nicht allein von der Universitätsleitung getroffen werden. «Das läuft sonst darauf hinaus, dass irgendwann einfach zusätzliche Millionen im Budget der Uni aufgeführt sind und wir dieses nur noch abnicken können.»
Heute verfügt das Naturhistorische Museum über ein Betriebsbudget von rund 1,6 Millionen Franken, das aus den Mitteln der Universität finanziert wird. Mietkosten hat das Museum keine. Ihm werden laut einer Sprecherin auch intern keine verrechnet, da es eine Aufgabe erfülle, die zum Leistungsauftrag der Universität gehöre.
Am Standort Zürich-West herrschen andere Bedingungen. Dort müsste sich das Museum einmieten – und entsprechend zahlen. Miet- und Betriebskosten würden daher «mit grosser Wahrscheinlichkeit höher ausfallen als bisher», glauben die Parlamentarier.
Die Maag-Hallen gehören der Swiss Prime Site, der grössten Immobiliengesellschaft des Landes. Sie verfolgte an diesem Standort lange ein renditeträchtiges Neubauprojekt mit einem Wohnturm, das sie aufgrund von erbittertem Widerstand und nach zwei Niederlagen vor Gericht fallen liess. Stattdessen will sie die Hallen ab 2029 für rund 60 Millionen Franken sanieren lassen.
Hält man sich an die Renditen, die Swiss Prime Site in ihren Berichten ausweist, lässt eine Investition dieser Grösse einen jährlichen Mietzins im einstelligen Millionenbereich erwarten. Der CEO Marcel Kucher betonte im Juni zwar, dass man nicht bei jedem Objekt auf maximalen Ertrag abziele und im konkreten Fall auch ein Interesse an der Aufwertung des Quartiers habe. Aber geschenkt bekäme das Museum die Hallen kaum.
Auch die Betriebskosten dürften mit dem Flächenwachstum steigen, wie das Beispiel des Kunsthauses zeigt. Das Konzept für das Naturhistorische Museum in den Maag-Hallen sieht 4000 Quadratmeter anstelle der heutigen 2340 Quadratmeter vor.
In der Anfrage aus dem Kantonsparlament wird auf vergleichbare Museen im In- und Ausland verwiesen, die jährliche Subventionen im zweistelligen Millionenbereich benötigen. Das Naturhistorische Museum Basel etwa, das nächstes Jahr in einen grossen Neubau umzieht, bezog zuletzt über 11 Millionen Franken an öffentlichen Geldern – obwohl es im Gegensatz zu jenem in Zürich Eintritt verlangt. Allein die Personalkosten belaufen sich in Basel auf 8 Millionen Franken, die Mietkosten liegen nah bei 3 Millionen.
Am alten Standort gibt es Fragen wegen des DenkmalschutzesNoch ist zwar nicht beschlossen, dass das Zürcher Museum wirklich aus dem Hochschulquartier nach Zürich-West umzieht. Es besteht erst ein unverbindlicher «Letter of Intent» zwischen Swiss Prime Site und der Universität. Das Interesse scheint aber beträchtlich.
Der Rektor Michael Schaepman sagte über die Maag-Hallen, diese seien «mehr als eine interessante Option», und versprach Zürich «ein weiteres Museum mit internationaler Ausstrahlung». Auf Anfrage weist eine Sprecherin zudem darauf hin, dass durch einen Auszug dringend benötigte Flächen für die Lehre und das Lernen im alten Universitätsgebäude frei würden.
Diese Planspiele mögen irritieren, da die Ausstellung am bisherigen Standort gerade erst mit grossem Aufwand neu gestaltet worden ist. Sie wurde im März 2024 wiedereröffnet, mit vier Dinosauriern aus einer Schenkung der Gebrüder Siber als Highlights. Einige Modernisierungen sind noch in Arbeit. Der Kanton hat sich am Projekt mit 6 Millionen Franken aus dem Gemeinnützigen Fonds beteiligt.
In diesem Kontext wurde aber versprochen, dass alle neuen Exponate so konzipiert werden, dass sie bei einer späteren Erweiterung des Museums weiterverwendet werden können. Denn es war damals schon beschlossene Sache, in einem zweiten Schritt zwischen 2029 und 2033 ein vergrössertes «Naturmuseum» zu bauen. Mit dem Unterschied, dass dieses ursprünglich am alten Standort vorgesehen war.
Im Parlament wurde auch thematisiert, weshalb es dort Probleme geben könnte. Es seien «insbesondere noch Fragen des Denkmalschutzes offen». Solche stellen sich im Altbau dem Vernehmen nach auch im Zusammenhang mit einem 27 Meter langen Saurierskelett, das nach der Eröffnung des vergrösserten Museums zum Publikumsmagneten werden soll. Die Universität betätigt dies jedoch nicht.
Solche Schwierigkeiten könnten erklären, warum man bei der Universität inzwischen recht offen einen neuen Standort bevorzugt.
Für laute Veranstaltungen bleiben immer weniger OrteDie kritischen Parlamentarierinnen und Parlamentarier hegen aber Zweifel, ob die Maag-Hallen die richtige Wahl sind. Nicht nur wegen der Kosten oder einer ungeeigneten Unterbringung des Museums. Sondern weil es sich um einen der letzten Orte in der Stadt handle, wo noch laute Veranstaltungen möglich seien. Während ein stilles Museum Alternativen hätte.
In den letzten 25 Jahren hat die private, nicht subventionierte Maag Music & Arts AG in den Hallen in Zürich-West Musicals und Konzerte auf die Bühne gebracht. Diese sucht derzeit in der Stadt nach einem neuen Standort, bislang aber noch ohne Erfolg.
Falls das Unternehmen wie angekündigt 2029 gehen muss, würde nicht nur ein privater Kulturbetreiber durch eine staatliche Institution verdrängt. Die Stadt würde auch eine weitere der rar werdenden Bühnen mittlerer Grösse verlieren. Denn auch der Komplex 457 und das X-tra werden bald schliessen – eine Entwicklung, die laut Konzertveranstaltern dazu führen könnte, dass Zürich aus den Tourneekalendern wichtiger Künstler fällt.
Ein grosses Naturmuseum, das Familien in Scharen nach Zürich-West zieht: Was sich im Sommer nach einem Befreiungsschlag in einer verfahrenen Situation anhörte, erscheint im Herbst darauf in anderem Licht.