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Quellwasserbrunnen, Notfalltreffpunkte und 9 Liter Wasser: Wie die Stadt Zürich ihre Bewohner auf Krisen vorbereitet

Дата публикации: 11-10-2026 03:05:00

Wo bekommt man Informationen, wenn Strom und Internet ausfallen? Wie viel Wasser braucht eine Person, um drei Tage zu überleben? Die Resilienzwochen der Stadt konfrontieren die Bürger mit Situationen, die im Alltag gern verdrängt werden.

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Quellwasserbrunnen, Notfalltreffpunkte und 9 Liter Wasser: Wie die Stadt Zürich ihre Bewohner auf Krisen vorbereitet

Wo bekommt man Informationen, wenn Strom und Internet ausfallen? Wie viel Wasser braucht eine Person, um drei Tage zu überleben? Die Resilienzwochen der Stadt konfrontieren die Bürger mit Situationen, die im Alltag gern verdrängt werden.

11.10.2026, 05.05 Uhr

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Eine Frau trinkt Wasser von einem Brunnen am Paradeplatz: Nicht alle in der Stadt würden bei einem Stromausfall noch funktionieren.

Eine Frau trinkt Wasser von einem Brunnen am Paradeplatz: Nicht alle in der Stadt würden bei einem Stromausfall noch funktionieren.

Melanie Duchene / Keystone

Vor dem Schulhaus Küngenmatt im Kreis 3 brummt der Dieselgenerator. Eine Warnpyramide mit Blinklicht weist den Weg zum Notfalltreffpunkt, der sich im Gebäudeteil mit Zugang zur Turnhalle befindet. Vor dem Eingang steht eine Informationswand. Darauf steht: «Hier können Sie Notrufe an Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienst absetzen.» Oder: «Kein Aufladen der Mobiltelefone möglich.» In der Eingangshalle stehen Mitglieder des Zivilschutzes in Uniform hinter einem Sprungkasten aus der Turnhalle, rechts von ihnen stehen Stellwände mit Informationen.

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Markus Meile, Stabschef des städtischen Krisenkommandos.

Markus Meile, Stabschef des städtischen Krisenkommandos.

PD

In der Stadt Zürich ist der Strom ausgefallen, und – das steht auf einem der Info-Blätter – es ist nicht bekannt, wie lange der Zustand andauert. Mit dieser Übungsanlage hat das Sicherheitsdepartement der Stadt Zürich an diesem Nachmittag zu einem Quartierspaziergang in Wiedikon geladen. Rund zwanzig Personen sind gekommen, um sich mit Fragen auseinanderzusetzen, die man im Alltag weit von sich schiebt: Was würde man tun, wenn elektronische Geräte nicht mehr funktionierten und es keinen Zugang zum Internet mehr gäbe? Wie käme man an Informationen, und wie könnte man verletzte Personen versorgen? «Auf keinen Fall einfach ins Triemli fahren», sagt Markus Meile. Denn wenn das dann alle tun, auch mit Bagatellfällen, wären die Spitäler rasch überlastet.

Meile ist Stabschef städtische Führungsorganisation im Sicherheitsdepartement der Stadt. Seit zehn Jahren befasst sich er sich in dieser Funktion mit den Worst-Case-Szenarien, die über Zürich hereinbrechen könnten: Zum Beispiel gewalttätige Unruhen, Cyber-Angriffe, Hochwasser, ein Anschlag, ein Flugzeugabsturz, Pandemien, eine Strommangellage oder eben ein Blackout. Sein Ziel ist es, die Stadtzürcher Bevölkerung besser auf solche Ereignisse vorzubereiten.  Denn: «Der Staat braucht in Ausnahmesituationen einen Moment, um sein Dispositiv raufzufahren». Je besser die Menschen auf Krisen vorbereitet seien, desto schneller könnten sie selbst zur Krisenbewältigung beitragen, sagt Meile.

Meiles Schlüsselbegriff lautet Resilienz. Schon zum zweiten Mal hat er in Zürich deshalb sogenannte Resilienzwochen organisiert. Über den ganzen Oktober finden Veranstaltungen statt, um die Bevölkerung auf die grössten Risiken vorzubereiten: mit Quartierrundgängen oder Workshops – etwa zum «solidarischen Preppen», zu «Erster Hilfe» oder «Improvisation statt Eskalation». Zudem gibt es Vorträge zur psychischen Resilienz oder zum Umgang mit Desinformation.

Meile gibt zu: Der Grat zwischen Panikmache und Information ist schmal. Aber die vergangenen Jahre mit Pandemie, Flüchtlingen, Energiemangellage und der extremen Hitze hätten gezeigt, dass sich Ereignisse, die die Bevölkerung unter Stress setzen könnten, häuften. «Das macht etwas mit den Menschen», sagt Meile. Es könne zu Unsicherheit und Unzufriedenheit führen, und das könne das Zusammenleben beeinflussen – erst recht in der Dichte einer Stadt. Je mehr Leute wüssten, wie man sich in aussergewöhnlichen Situationen am besten verhalte, desto besser, sagt Meile.

Dass die Stadt auf Veranstaltungen statt auf Informationsbroschüren setzt, hat laut Meile den Grund, dass man so in den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern kommen kann – das wirkt weniger alarmistisch. Er hat gewisse Erfahrung: Meile ist bei rund einem Drittel der Veranstaltungen persönlich dabei.

Zuerst zur Polizei

Und so spricht er auch die einleitenden Worte zum Notfalltreffpunkt im Schulhaus Küngenmatt. Notfalltreffpunkte, die es in der ganzen Schweiz gibt, werden in den verschiedensten Situationen wichtig. Sie sind der Ort, an dem es offizielle Informationen gibt, wenn die Kommunikation auf den üblichen Wegen nicht mehr funktioniert. Denn die Zivilschützer haben Zugang zum Polizeifunk und können nicht nur Notfälle koordinieren, sondern auch gesicherte Informationen weitergeben.

In der ganzen Stadt Zürich gibt es vierzig solche Treffpunkte. Sie seien so platziert, dass sie möglichst für alle Bewohner in fünfzehn Minuten zu Fuss erreichbar seien, sagt Meile. Zudem seien sie immer in der Nähe einer Turnhalle, die den Menschen ein Ort sein solle, wo sie verschnaufen könnten. Als Notunterkunft, präzisiert er, seien sie nicht gedacht.

Über die Funktion der Notfalltreffpunkte wissen die wenigsten Teilnehmer des Rundgangs Bescheid. Selbst wenn man Kinder in dieser Schule hat: Das Schild, ein oranger Kreis mit blauem Dreieck auf weissem Grund, an einer Aussenwand des Schulhauses muss man erst entdecken. Er wohne erst seit vier Jahren im Quartier, sagt ein Mittdreissiger. Für den Rundgang habe er sich eingeschrieben, weil es sicher nicht verkehrt sei, zu wissen, wo die wichtigsten Orte in einer Krise seien. Zu Hause hat er auch einen Notvorrat: Wasser und ein paar Konserven.

Der Quartierspaziergang in Wiedikon hat drei Stationen. Neben dem Notfalltreffpunkt führt Meile die Gruppe auch zu einem der achtzig Notwasserbrunnen in der Stadt. Die bronzefarbenen Säulen werden mit Quellwasser gespeist und funktionieren auch ohne Strom. Sie können zu Wasserverteilpunkten umgebaut werden. Für die Versorgung der ganzen Stadt würden die achtzig Brunnen zwar nicht reichen. Aber zusammen mit dem Notstromaggregat, das in der Wasserleitzentrale im Hardhof stehe, könne man die Stadt etwa zwei Wochen mit Trinkwasser versorgen, erklärt ein Mitarbeiter der städtischen Wasserversorgung.

Idealerweise hat allerdings jeder Haushalt einen Notvorrat an Trinkwasser. Neun Liter pro Person lautet die Formel, das dürfte für etwa drei Tage reichen, rechnet Meile vor. Eine ältere Frau erzählt, sie habe sich diesen Vorrat schon länger zugelegt. Die geopolitische Situation habe sich in den letzten Jahren ja nicht gerade verbessert und der Aufwand sei gering.

Vorräte sind auch in der Stadt empfohlen

Der Rundgang endet nach rund neunzig Minuten vor der Polizeiwache bei der Schmiede Wiedikon. Auch hier brummt ein Generator, im Gang und im Empfangsraum leuchten Notfallscheinwerfer. Der Chef der Kreiswache erklärt die Rolle des Standorts in einer Krisensituation: Die Polizei wird zum «Infopoint», zur ersten Anlaufstelle ab Minute eins. Das hat damit zu tun, dass der für die Notfalltreffpunkte zuständige Zivilschutz nach dem Milizsystem funktioniert. «Diese Leute arbeiten, und auch sie brauchen Zeit, bis sie am Einsatzort sind», erklärt Meile.

Die Polizei federt diese Zeit – ungefähr sechs Stunden – ab und übernimmt die Informations- und Koordinationsaufgaben. «Gesicherte» Informationen gebe es hier, sagt der Polizist – eine Präzisierung, die in Zeiten von Fake News besonders wichtig ist. Da in Zürich derzeit immer mehr Polizeistandorte zusammengelegt werden, gelten auch Streifenwagen als Anlaufstelle. Die seien mit dem Polizeifunk mit den Wachen verbunden, ergänzt Markus Meile.

Der Kreischef der Polizei sagt aber auch, was es bei ihnen nicht gibt: Essen und Trinken, zum Beispiel. Idealerweise habe man etwas zu Hause, sagt Meile, auch in der Stadt, wo der nächste Supermarkt nie weit sei. Das bringe im Falle eines Stromausfalls auch nicht viel: Türen, Kassen und Kühlschränke seien ausser Betrieb, erklärt Meile. Da müsse man eher an Plünderungen denken.

Die Teilnehmer – Männer, Frauen unterschiedlichen Alters und auch eine Familie mit kleinen Kindern – stellen nicht viele Fragen. Sie scheinen einiges schon gehört zu haben. Meile sagt, dass die Teilnehmerzahlen zwar schon deutlich besser seien als im vergangenen Jahr, aber natürlich ginge mehr. Die Kurse sind bewusst an die städtischen Gemeinschaftszentren (GZ) angebunden und werden auch dort beworben. Dort gehen viele Menschen hin. Doch Meile sagt, er arbeite an einem Konzept, um spezifische Gruppen zu erreichen: ältere oder kranke Menschen oder solche, die eine Sprachbarriere hätten.

Zum Abschied bittet er die Teilnehmer, sich die App «Alertswiss» herunterzuladen, wo der Bund über Gefahren oder aussergewöhnliche Ereignisse informiert. Die Notfallkarte für Zürich, die Meile und sein Team kürzlich entwickelt haben, ist dort noch nicht integriert. Man arbeite dran, sagt er. Das Projekt der Resilienzwochen ist auf vier Jahre angelegt und wird wissenschaftlich begleitet: Die Frage, ob sich die Teilnehmer für eventuelle Krisen besser gerüstet fühlten, steht dabei im Zentrum.

«Viele Leute denken immer noch, in der Schweiz gingen die internationalen Krisen sie nichts an», sagt Meile. Aber eigentlich habe erst gerade der vergangene Sommer gezeigt, dass das nicht stimme: Die Hitze und der Iran-Krieg hätten das Leben der Schweizer direkt beeinflusst.

Eine Frau mittleren Alters sagt, ihr Mann habe gespottet, als sie sich für den Rundgang angemeldet habe: Das sei doch so «Prepper-Mist», habe er gesagt. Sie aber fand: «Dümmer wird man ja nicht.»

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