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Marijke (49): „Ängste meines Mannes bestimmen die Familie.”

Дата публикации: 08-09-2026 06:30:00

Wenn die Angst eines Menschen die ganze Familie beherrscht, wird Abgrenzung wichtig. Rücksichtnahme darf dabei aber keine Einbahnstraße sein.

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Wenn die Angst eines Menschen die ganze Familie beherrscht, wird Abgrenzung wichtig. Rücksichtnahme darf dabei aber keine Einbahnstraße sein.

Der Familienvater Harm-Jan fürchtet Krankheiten, Unfälle, Flugreisen und Menschenmengen – und irgendwann beginnt auch seine Frau Marijke (49), die Welt mit seinen Augen zu sehen. Im niederländischen Online-Magazin „Libelle“ beschreibt sie ein Problem, das sich über Jahre in ihr Familienleben eingeschlichen hat: Ihr Mann hat Angst. Zu Beginn der Beziehung habe sie das noch liebenswert gefunden, ja fürsorglich. „Aber jetzt beherrschen seine Ängste unser Familienleben“, berichtet sie.

Statt Fernreisen zu unternehmen oder mit den Kindern in einen Vergnügungspark zu fahren, fahre die Familie maximal mit dem Auto zu einem Ferienhaus in den Niederlanden, „vorzugsweise in der Nähe eines Krankenhauses“, so Marijke. Und die ständige Angst färbe auch auf die beiden Kinder ab. Ihre zwölfjährige Tochter habe kürzlich in der Straßenbahn gefragt, ob dort nicht ein höheres Risiko bestünde, erstochen zu werden.

Stefan Woinoff ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Beziehungsexperte von www.50plus-Treff.de. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle. 

Rücksichtnahme hat Grenzen

Der Fall der niederländischen Familie zeigt, wie die Angst eines Einzelnen das Leben aller bestimmen kann. Doch Rücksichtnahme hat Grenzen. Gerade wer einem psychisch belasteten Menschen helfen möchte, muss sich das Recht bewahren, selbst gesund zu bleiben.

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Das Entscheidende an ihrer Geschichte ist aber nicht allein seine Angst. Es ist das, was diese Angst mit ihr und der Familie gemacht hat. Marijke beschreibt sinngemäß, ihre Welt sei immer kleiner geworden, weil sie inzwischen selbst ständig die Katastrophenszenarien ihres Mannes im Kopf durchspiele. Genau hier wird aus dem psychischen Problem eines Einzelnen ein Problem des gesamten Familiensystems.

„Family Accommodation“: Die Angst entscheidet den Alltag

Angst ist zunächst eine vollkommen gesunde menschliche Reaktion. Sie warnt uns vor Gefahren und schützt uns davor, unnötige Risiken einzugehen. Problematisch wird sie, wenn nicht mehr die reale Gefahr unser Verhalten bestimmt, sondern die Vorstellung davon, was theoretisch alles passieren könnte. Ein Mensch mit ausgeprägten Ängsten denkt beispielsweise nicht: „Wir fliegen in den Urlaub und natürlich besteht beim Fliegen ein minimales Risiko.“ Er denkt: „Was ist, wenn genau unser Flug abstürzt?“ Aus einer Möglichkeit wird innerlich eine Wahrscheinlichkeit.

Für den Partner beginnt dann häufig ein schleichender Anpassungsprozess. Anfangs klingt vieles sogar vernünftig:

  • Wenn mein Mann solche Flugangst hat, fahren wir eben mit dem Auto.
  • Wenn ihm ein großes Konzert Angst macht, gehen wir eben nicht hin.
  • Wenn er sich Sorgen um die Kinder macht, sollen sie eben öfter anrufen.

Jede einzelne Entscheidung erscheint nachvollziehbar. Erst in der Summe wird sichtbar, was passiert ist: Nicht mehr die Familie entscheidet, wie sie leben möchte. Die Angst entscheidet. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von „Family Accommodation“. Angehörige verändern ihre Gewohnheiten, geben immer wieder Beruhigung, übernehmen Aufgaben oder helfen dem Betroffenen, angstauslösende Situationen zu vermeiden. Das geschieht aus Liebe und Fürsorge. Trotzdem kann genau diese Hilfe die Angst langfristig stabilisieren, weil der Betroffene immer weniger Gelegenheit bekommt zu erfahren: Ich kann diese Situation aushalten – und meine Befürchtung tritt gar nicht ein.

Angst kann den Rest der Familie anstecken

Hinzu kommt ein zweiter Mechanismus: Wer jahrelang Katastrophenszenarien hört, kann anfangen, sie selbst für plausibel zu halten.

Ein einzelner Satz richtet wenig aus. Werden solche Warnungen aber zum Grundrauschen einer Beziehung, verändert sich allmählich die Wahrnehmung von Wirklichkeit. Die Welt erscheint gefährlicher, als man sie früher empfunden hat.

Besonders problematisch wird es, wenn Kinder einbezogen werden. Kinder lernen den Umgang mit Risiken wesentlich auch über ihre Eltern. Erleben sie ständig, dass Mutter und Vater Orte, Reisen oder Aktivitäten vermeiden, weil etwas passieren könnte, kann daraus die unausgesprochene Botschaft entstehen: Die Welt ist gefährlich. Sei lieber vorsichtig. Vermeidung schützt dich. Damit besteht die Gefahr, dass nicht nur das Leben der Familie eingeschränkt wird, sondern sich ein ängstlicher Umgang mit der Welt überträgt.

Helfen heißt nicht, jede Angst mitzumachen

An diesem Punkt ist eine Unterscheidung entscheidend: Einen Menschen mit einer Angststörung ernst zu nehmen bedeutet nicht, seine Einschätzung der Gefahr ebenfalls für richtig halten zu müssen. Ich kann zu meinem Partner sagen: „Ich sehe, dass du große Angst hast, und ich nehme dein Leiden ernst.“ Gleichzeitig kann ich sagen: „Aber ich möchte mein eigenes Leben und das unserer Kinder nicht nach dieser Angst organisieren.“ Das ist keine Lieblosigkeit.

Wann professionelle Hilfe notwendig wird

Spätestens wenn Ängste den Alltag deutlich einschränken, sollte professionelle Unterstützung erwogen werden. Ein wichtiges Warnzeichen ist Vermeidung: Reisen werden abgesagt, öffentliche Verkehrsmittel nicht mehr benutzt, Veranstaltungen gemieden, Kinder übermäßig kontrolliert oder Familienaktivitäten immer stärker eingeschränkt. Auch ständiges Rückversichern kann ein Hinweis sein. Besonders ernst sollte man die Situation nehmen, wenn der Partner bemerkt: Ich verändere inzwischen mein eigenes Leben aufgrund der Ängste des anderen.

Dann kann Psychotherapie sinnvoll sein. Je nach Art der Angst gehören insbesondere verhaltenstherapeutische Verfahren mit schrittweiser Konfrontation mit gefürchteten Situationen zu den gut etablierten Behandlungsansätzen. Auch Paar- oder Familiengespräche können hilfreich sein, wenn sich bereits ein gemeinsames System aus Angst, Beruhigung und Vermeidung entwickelt hat.

Denn manchmal muss nicht nur der ängstliche Mensch lernen, anders mit seiner Angst umzugehen. Auch seine Angehörigen müssen lernen, ihm die Angst nicht ständig abzunehmen.

Es kann sogar die hilfreichere Form der Unterstützung sein. Denn Angehörige geraten sonst leicht in einen verhängnisvollen Kreislauf. Sie wollen helfen, übernehmen immer mehr und verzichten auf immer mehr – bis sie schließlich selbst erschöpft, gereizt oder ängstlich werden. Dann gibt es irgendwann nicht mehr einen Menschen in der Familie, der Unterstützung benötigt, sondern zwei oder drei. Wer einen anderen Menschen stützen möchte, braucht deshalb selbst einen einigermaßen festen Stand.

Rücksichtnahme ist keine Einbahnstraße

Wir sprechen bei psychischen Erkrankungen zu Recht viel darüber, dass Angehörige Verständnis entwickeln sollten. Seltener sprechen wir über die andere Seite: Auch ein psychisch erkrankter Mensch trägt – soweit es ihm möglich ist – Verantwortung dafür, wie stark seine Erkrankung das Leben der anderen bestimmt. Natürlich kann man niemandem sagen: „Dann hab eben keine Angst.“ Eine Angststörung lässt sich nicht durch Willenskraft abschalten. Aber es macht einen Unterschied, ob jemand sagt:

„Ich habe Angst vor dem Fliegen, deshalb kann ich momentan nicht mitkommen“

oder:

„Ich habe Angst vor dem Fliegen, deshalb darf meine ganze Familie nicht fliegen.“

Der erste Satz beschreibt die eigene Grenze. Der zweite macht die eigene Angst zur Grenze der anderen. Das gilt auch für andere psychische und körperliche Erkrankungen. Partnerschaft bedeutet gegenseitige Fürsorge, aber nicht, dass das Leiden eines Menschen automatisch zum Lebensprinzip aller anderen werden muss. Ein gesunder Partner darf deshalb Grenzen setzen. Manchmal muss er es sogar. Er darf Freunde treffen, obwohl der andere lieber zu Hause bleibt. Er darf mit den Kindern etwas unternehmen, wovor der Partner Angst hat. Er darf Freude empfinden, obwohl es dem anderen gerade schlecht geht. Und er darf sagen: „Ich bin für dich da – aber ich kann dir diese Angst nicht abnehmen und werde mein Leben nicht vollständig nach ihr ausrichten.“ Gerade dieser letzte Satz kann in einer Beziehung enorm wichtig werden.

Abgrenzung ist etwas anderes als Verlassen

Dabei sollte man Abgrenzung nicht mit emotionalem Rückzug verwechseln. Die Botschaft sollte niemals lauten: „Deine Angst interessiert mich nicht.“ Hilfreicher ist eine Doppelbotschaft:

„Ich nehme dein Leiden ernst. Und ich nehme auch mein eigenes Leben ernst.“

Beides darf gleichzeitig wahr sein. Natürlich gibt es Ausnahmesituationen. Wenn beispielsweise ein Kind schwer erkrankt, können Eltern nicht einfach beschließen, sich emotional abzugrenzen. Angst, Trauer und Verzweiflung gehören dann zwangsläufig zum Familienleben. Aber selbst in einer solchen Extremsituation hilft es dem kranken Kind nicht, wenn beide Eltern psychisch vollständig zusammenbrechen. Auch dann brauchen Angehörige Schlaf, Erholung, Freunde, Gespräche und manchmal professionelle Unterstützung. Selbstfürsorge ist in solchen Situationen kein Egoismus. Sie erhält die Fähigkeit, überhaupt fürsorglich bleiben zu können.

Die Familie darf weiterleben

Das vielleicht wichtigste Ziel besteht deshalb nicht darin, dass Angehörige weniger mitfühlen. Es geht um etwas anderes: Mitfühlen, ohne mitzuerkranken. Ich kann einen Menschen lieben, der Angst hat, ohne seine Angst zu meiner eigenen zu machen. Ich kann ihn unterstützen, ohne jede Vermeidung mitzutragen. Und ich darf ihm zumuten, Verantwortung für seine Erkrankung zu übernehmen und sich Hilfe zu suchen.

Das kann zunächst hart wirken. Tatsächlich schützt es beide Seiten. Denn eine Familie hilft einem kranken Mitglied nicht dadurch am besten, dass am Ende alle ihr Leben um die Erkrankung herum organisieren. Sie hilft ihm eher, wenn sie Nähe und Unterstützung bietet – und zugleich etwas bewahrt, das psychische Erkrankungen allzu leicht verdrängen: Normalität, Eigenständigkeit, Zuversicht und das Recht der anderen, ihr Leben weiterzuleben.

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