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Münchner Psychotherapeut erklärt, wie Sie nach dem AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt mit Ängsten umgehen können

Дата публикации: 09-09-2026 06:19:00

Der AfD-Wahlsieg kann bei manchen Menschen Ängste auslösen. Dosierter Nachrichtenkonsum, Selbstwirksamkeit und Zuversicht helfen, sich nicht hilflos zu fühlen.

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Der AfD-Wahlsieg kann bei manchen Menschen Ängste auslösen. Dosierter Nachrichtenkonsum, Selbstwirksamkeit und Zuversicht helfen, sich nicht hilflos zu fühlen.

43,8 Prozent. Die AfD hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit großem Abstand gewonnen. Für manche Menschen kann dieses Ergebnis ein Schock sein. In den Sozialen Medien zeigen sich User mitunter fassungslos, wütend oder haben Angst vor dem, was nun kommen könnte. Darunter Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder Lebensweise befürchten, selbst von Ausgrenzung und gesellschaftlicher Ablehnung betroffen zu sein.

Diese Angst sollte man nicht kleinreden. Aber man sollte ihr auch nicht die Macht überlassen. Denn Angst ist ein wichtiges Warnsignal – aber ein schlechter Dauerzustand. Sie macht uns aufmerksam auf Gefahren. Wenn sie jedoch unser Denken beherrscht, verengt sie unseren Blick, lässt uns Gefahren überschätzen und die eigenen Handlungsmöglichkeiten unterschätzen. Und genau deshalb wäre es fatal, auf eine politische Entwicklung, die man als bedrohlich erlebt, vor allem mit noch mehr Angst zu reagieren.

Stefan Woinoff ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Beziehungsexperte von www.50plus-Treff.de. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle. 

Angst darf ein Weckruf sein – aber kein Lebensgefühl

Politische Sorge ist zunächst völlig normal. Nach einem solchen Wahlergebnis versucht unser Gehirn sofort abzuschätzen, was das Ereignis für unsere persönliche Zukunft bedeutet.

Was passiert jetzt? Was bedeutet das für Deutschland? Was bedeutet es für meine Kinder? Bin ich noch sicher? Muss ich damit rechnen, dass sich das gesellschaftliche Klima verändert?

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Solche Fragen sind verständlich. Problematisch wird es erst, wenn aus Wachsamkeit permanente Alarmbereitschaft wird. Wenn aus „Die AfD hat in Sachsen-Anhalt die Wahl gewonnen“ im Kopf innerhalb weniger Minuten „Bald regiert sie überall“ und schließlich „Deutschland ist für Menschen wie mich nicht mehr sicher“ wird.

Angst überspringt gerne die Zwischenschritte. Aus einer Möglichkeit wird eine Wahrscheinlichkeit und aus einer Wahrscheinlichkeit gefühlt bereits Gewissheit. Genau dort müssen wir innehalten und unterscheiden: Was ist tatsächlich passiert? Was könnte passieren? Und was male ich mir gerade als schlimmstmögliche Zukunft aus?

„Soll ich hier wirklich meine Kinder großziehen?“

Ich denke an eine syrische Krankenschwester, nennen wir sie Rana. Sie ist die Schwester einer meiner Patientinnen. Beide Frauen kamen 2015 aus Syrien nach Deutschland, flohen vor dem Krieg in ihrer Heimat.

Damals war Rana eine junge Frau. Sie lernte Deutsch, absolvierte hier ihre Ausbildung zur Krankenschwester und arbeitet heute in einer Klinik. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und bezeichnet Deutschland längst als ihre Heimat.

Am Wahlabend habe sie mit ihrem Mann die Wahlberichterstattung mit zunehmender Sorge verfolgt, erzählt mir Ranas Schwester am Tag darauf in meiner Praxis. Am Morgen nach der Wahl habe Rana direkt im Bett zum Smartphone gegriffen. Sie habe die neuesten Meldungen gelesen, dann Kommentare, Analysen und Prognosen. Ein Artikel führte zum nächsten. Schließlich landete sie in sozialen Netzwerken bei aggressiven Kommentaren über Flüchtlinge und Migranten.

„Plötzlich habe ich mich gefragt: Soll ich hier wirklich meine Kinder großziehen?“, habe Rana ihrer Schwester gesagt. Im Laufe des Tages habe sie immer wieder auf ihr Handy geschaut. Dabei passierte gleichzeitig etwas Interessantes: In ihrem wirklichen Leben erlebte sie an diesem Montag fast nichts von der Welt, die ihr das Smartphone präsentierte.

Die Realität sieht oft anders aus als der Newsfeed

Sie arbeitete mit ihren deutschen Kollegen zusammen, scherzte mit einer älteren Patientin, bekam ein herzliches Dankeschön von Angehörigen. Eine Kollegin fragte sie, ob sie am Wochenende gemeinsam etwas unternehmen wollen. Am Abend sprach Rana mit ihrem Mann. Danach rief sie eine deutsche Freundin an, die sie seit ihrer Ausbildung kennt.

Schließlich legte sie das Smartphone weg. Die politische Situation hatte sich dadurch nicht verändert. Aber ihr Gefühl schon. Denn sie merkte: Zwischen einem Wahlergebnis, das mir Angst macht, und dem Gedanken „Jetzt ist alles verloren“ liegt ein großer Unterschied.

Doomscrolling macht aus Sorge ein Dauerfeuer

Gerade nach solchen Ereignissen sollten wir deshalb unseren Nachrichtenkonsum kontrollieren. Der Begriff Doomscrolling bezeichnet das übermäßig lange Scrollen durch vor allem negative, beunruhigende Nachrichten. Doomscrolling fühlt sich zunächst sinnvoll an. Wir glauben, Kontrolle zurückzugewinnen: Wenn ich alles lese, bin ich vorbereitet.

Psychologisch geschieht häufig das Gegenteil. Nach einer gewissen Zeit erhalten wir kaum noch neue Informationen. Stattdessen konsumieren wir immer neue Varianten derselben Bedrohung. Besonders drastische Aussagen, wütende Kommentare und Untergangsszenarien ziehen unsere Aufmerksamkeit an. Irgendwann ist man nicht besser informiert, sondern nur noch aufgewühlter.

Deshalb mein ganz praktischer Rat: Nachrichten dosieren: Morgens vielleicht 20 Minuten, am frühen Abend noch einmal. Zwei oder drei seriöse Medien reichen. Und nicht jede Stunde neue Hochrechnungen, Kommentare, Reaktionen und Social-Media-Posts lesen. Vor allem sollte das Bett keine politische Nachrichtenzentrale sein.

Gedankenkarussell: Denken Sie noch oder grübeln Sie schon?

Dasselbe gilt für unsere Gedanken. Nachdenken ist sinnvoll. Grübeln nicht. Der Unterschied ist relativ einfach: Nachdenken führt irgendwann zu einer Erkenntnis, Entscheidung oder Handlung. Grübeln führt immer wieder zum Ausgangspunkt zurück.

Eine hilfreiche Frage lautet deshalb: „Kann ich aufgrund dieses Gedankens jetzt etwas Konkretes tun?“ Wenn die Antwort Ja lautet: tun. Wenn die Antwort Nein lautet, bringt die 27. Wiederholung desselben Gedankens wahrscheinlich keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn.

Wer zum Grübeln neigt, kann sich sogar eine feste „Sorgenzeit“ einrichten: 15 oder 20 Minuten am Tag, in denen man seine Befürchtungen aufschreibt und darüber nachdenkt. Danach ist Schluss. Das Prinzip dahinter ist wichtig: Nicht die Angst entscheidet, wann wir uns mit ihr beschäftigen. Wir entscheiden es.

Jeder von uns gestaltet Gesellschaft mit

Vielleicht ist das der entscheidende Punkt nach dieser Wahl: Gesellschaft ist nicht nur das Ergebnis von Wahlen. Gesellschaft entsteht jeden Tag neu. Im Büro. Im Krankenhaus. Im Fußballverein. In der Schule unserer Kinder. Am Stammtisch. In der Nachbarschaft. In sozialen Netzwerken. In der Art, wie wir über andere Menschen sprechen und wie wir reagieren, wenn jemand ausgegrenzt oder herabgesetzt wird. Jeder von uns ist ein winziger Teil dieser gesellschaftlichen Atmosphäre.

Wir unterschätzen diese Wirkung häufig. Wer einem ausländischen Kollegen signalisiert „Du gehörst hierher“, verändert Gesellschaft. Wer widerspricht, wenn am Stammtisch menschenverachtend gesprochen wird, verändert Gesellschaft. Wer einem Nachbarn hilft, sich ehrenamtlich engagiert oder einem verunsicherten Menschen zeigt, dass er nicht allein ist, verändert Gesellschaft. Keine dieser Handlungen verändert allein ein Wahlergebnis. Aber Millionen solcher alltäglichen Begegnungen bestimmen, in welcher Gesellschaft wir tatsächlich leben.

Angst war Teil des Problems – sie sollte nicht die Antwort sein

Populistische Bewegungen profitieren häufig von Verunsicherung: von Angst vor sozialem Abstieg, vor Migration, Krieg, wirtschaftlichem Niedergang, Kontrollverlust oder einer Zukunft, die unübersichtlich erscheint. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass sich ein Wahlergebnis wie das in Sachsen-Anhalt auf einen einzigen psychologischen Faktor reduzieren ließe.

Menschen wählen aus sehr unterschiedlichen Gründen. Aber Angst besitzt politisch eine enorme Kraft. Sie vereinfacht komplexe Zusammenhänge. Sie erhöht unser Bedürfnis nach eindeutigen Antworten. Sie teilt die Welt leichter in Freund und Feind. Und sie macht einfache Lösungen attraktiver.

Gerade deshalb sollten Menschen, die über den Erfolg der AfD erschrocken sind, nicht denselben Mechanismus übernehmen. Die Antwort auf Angst sollte nicht noch mehr Angst sein. Sie sollte Mut sein. Nicht Leichtsinn. Nicht Schönfärberei. Nicht die naive Behauptung, es werde schon alles gutgehen. Sondern die Zuversicht: Ich kann etwas tun.

Aus Hilflosigkeit muss Selbstwirksamkeit werden

Psychologisch ist dabei ein Begriff besonders wichtig: Selbstwirksamkeit. Menschen können Belastungen wesentlich besser bewältigen, wenn sie das Gefühl haben, Einfluss nehmen zu können.

Deshalb ist es hilfreich, aus der Rolle des Zuschauers herauszukommen. Wer über die politische Entwicklung besorgt ist, kann sich engagieren. In einem Verein, einer Bürgerinitiative, einer demokratischen Partei, einer Flüchtlingshilfe, einer Kirchengemeinde oder einem sozialen Projekt. Man kann mit Menschen reden, widersprechen, wählen gehen und anderen beistehen.

Was man jetzt besser vermeiden sollte

Drei Dinge halte ich in einer solchen Situation für besonders ungünstig: Katastrophisieren, sozialen Rückzug und politischen Dauerkonsum.

Niemand weiß heute exakt, welche Entwicklungen aus diesem Wahlergebnis folgen werden. Wer alle denkbaren Entwicklungen sofort bis zum schlimmstmöglichen Ende weiterdenkt, behandelt Möglichkeiten wie Tatsachen.

Ebenso problematisch wäre es, sich zurückzuziehen. Gerade verunsicherte Menschen brauchen andere Menschen. Ein Gespräch mit Freunden oder Kollegen kann die Wahrnehmung wieder erweitern.

Und schließlich sollten wir vermeiden, jeden Menschen nur noch nach seiner politischen Zugehörigkeit zu betrachten. Demokratie braucht klare Grenzen gegenüber Menschenfeindlichkeit und Extremismus. Aber sie braucht ebenso die Fähigkeit, miteinander zu sprechen, Widersprüche auszuhalten und Menschen nicht vorschnell abzuschreiben.

Wann politische Sorge krank machen kann

Hellhörig sollte man werden, wenn politische Angst den Alltag übernimmt. Wenn jemand über Wochen schlecht schläft, sich kaum konzentrieren kann, ständig Nachrichten kontrolliert, körperlich angespannt ist, soziale Kontakte vermeidet oder kaum noch Freude empfindet, wird aus politischer Sorge eine psychische Dauerbelastung.

Spätestens bei ausgeprägten Angstzuständen, depressiven Symptomen oder Hoffnungslosigkeit sollte man sich Unterstützung holen. Dabei geht es nicht darum, politische Sorgen „wegzutherapieren“. Psychotherapie soll niemandem erklären, welche politische Entwicklung er gefährlich finden darf. Sie kann aber dabei helfen, wenn eine verständliche Sorge irgendwann das gesamte Leben beherrscht.

Zuversicht ist nicht die Hoffnung, dass alles gutgeht

Rana wird morgen wieder in ihre Klinik gehen. Sie wird Patienten versorgen, vermutlich mit Kollegen lachen und ihre Kinder abholen. Vielleicht wird sie sich weiterhin Sorgen machen. Das darf sie. Aber sie muss der Angst nicht die Herrschaft über ihr Leben überlassen. Denn genau darin liegt vielleicht die wichtigste psychologische Botschaft nach dieser Wahl: Angst macht die Welt enger. Mut macht sie wieder größer.

Wir können nicht bestimmen, wie Millionen andere Menschen wählen. Aber jeder von uns kann mitbestimmen, welche Atmosphäre in diesem Land herrscht.

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