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Sylterin Imke spricht über ihren verstorbenen Mann: „Martin steht im Regal. Wir holen ihn am Geburtstag raus“

Дата публикации: 16-09-2026 05:54:00

Imke Weins Mann ist vor zehn Jahren gestorben. Sie trauert erst heute so richtig – sprüht jedoch gleichzeitig vor Positivität.

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Imke Weins Mann ist vor zehn Jahren gestorben. Sie trauert erst heute so richtig – sprüht jedoch gleichzeitig vor Positivität. Heute möchte sie anderen die Angst vor dem Tod nehmen. Eine Begegnung auf Sylt.

Imke Wein kommt mit dem Rad und ihrer Hündin Lola zu dem vereinbarten Treffpunkt. Beige Regenjacke, rosa Schal, passende Mütze gegen den Wind. Schicker und praktischer Sylt-Style. Was aber gar nicht dem Klischee der Insel der Reichen, Schönen und Oberflächlichen entspricht, ist das, was Imke Wein umgibt: Menschen mit spirituellem Hang würden es „Aura“ nennen.

Weins weißblonde Mähne hüpft bei jedem Schritt, den sie in Richtung des Cafés macht, das sie als Treffpunkt vorgeschlagen hat. Sie lächelt und schüttelt ein paar Hände mit zärtlich festem Druck – zuerst die der Redaktion, dann die der Betreiber des Cafés. Hier kennt man sich. Auf Sylt wohnen nicht so viele Einheimische. Sogar ein separater Raum, der dem Café eigentlich als Showroom dient, wurde für das Treffen mit Wein freigemacht, die Musik heruntergedreht.

Das breite Grinsen, das sie im anfänglichen Smalltalk trägt, verschwindet erst, als sie darüber spricht, worum es eigentlich gehen soll: den größten Verlust ihres Lebens. Ihr Mann Martin starb vor zehn Jahren – er war die Liebe ihres Lebens, wie sie sagt. Wein weint nicht, aber ihr sorgfältig mit Lipgloss geschminkter Mund zuckt nach unten, als sie ihren Mann beschreibt. Ihren „Herrn Direktor“, wie sie ihn nennt.

Nach Martins Krebstod steht seine Urne im Bücherregal

Martin starb 2016, zwei Jahre und vier Monate nach seiner Krebsdiagnose. Heute hat Imke akzeptiert, dass der Tod zum Leben dazugehört. „Was ich ahnte, aber nicht wusste: Wir leben auch weiterhin mit ihm. Er ist immer da – wir sprechen täglich mit oder über ihn.“ Ihr Martin sei für so viele Menschen immer noch ein Vorbild und immer noch ein großer Teil ihres Lebens. „Er hat gezeigt, wie es geht, Visionen – und seien sie noch so verrückt – Wirklichkeit werden zu lassen.“

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Zu den kleineren Verrücktheiten gehört auch diese: „Ich habe die Urne mit in mein Zuhause genommen, und mein Martin steht bei mir im Bücherregal. Er war damit einverstanden. Wir holen ihn zu seinem Geburtstag raus, behalten uns aber vor, ihn auch wieder zurückzustellen, wenn uns danach ist“, sagt sie und muss ein bisschen kichern.

„Wir müssen den Tod viel mehr einbeziehen. Lass uns ihn umarmen, drüber sprechen und offen und ehrlich sein. Auch wenn er Angst macht.“

Imke Wein beim Interview

Imke Wein beim Interview Victoria Lippmann
„Ich dachte: Was für ein arroganter Typ“

Beim Treffen erzählt die gebürtige Münsteranerin von der ersten Begegnung mit ihrem Mann. „Als ich das erste Mal mit ihm zu tun hatte, dachte ich: Was für ein arroganter Typ.“ Das Zusammentreffen fand im beruflichen Kontext statt: Imke Wein war als Journalistin für die „Sylter Rundschau“ tätig, und ihr Martin – damals nur Martin – war der Direktor des „Mignon Inselcircus“, den er 1998 gegründet hatte. Eine wahre Institution, wie es die Sylter, Wein und die lokale Presse beschreiben. Es gab auch mal einen Artikel in der „FAZ“.

Wein legt beim Erzählen die eine Hand in ihre andere. Sie nestelt an ihren Fingern. Dann sagt sie etwas verlegen: „Er war mir tatsächlich am Anfang gar nicht so super sympathisch, aber ich war beeindruckt von seiner sinnhaften Lebenswelt.“

Ein Lacher bricht aus ihr heraus. Bei einem Abschlussinterview über die Zirkussaison, das sie einige Zeit später, im Sommer 2002, mit ihm führte, waren sich die beiden dennoch einig, dass sie sich einmal treffen mussten, um sich über das Leben auszutauschen. Das taten sie. „Dann waren wir beide schockverliebt.“ Da ist das breite Grinsen wieder.

Patchwork-Familie zieht nach Hamburg

Das Schicksal fügte sich, und ihr gemeinsames Leben nahm Fahrt auf. 2004 zogen Imke Wein mit ihren beiden Töchtern und Martin nach Hamburg. Gemeinsam fanden sie ein festes Quartier für ihr Zirkusprojekt in einer alten Villa im Besitz der Stadt. Ihr Lebensinhalt: leben, wie es Marius Müller-Westernhagen in „Lass uns leben“ schon besang. Leben, lieben – und Kinder glücklich machen. Nicht nur die eigenen.

Das gelang ihnen durch den Zirkus, den sie zusammen mit Martins erwachsenen Kindern betrieben. Neun Monate in Hamburg, und für den Sommer ging es mit dem Mitmachzirkus wieder nach Sylt. Dorthin, wo sie sich kennengelernt hatten. Erst fünf, dann zehn Jahre vergingen wie im Flug, und es gab immer wieder neue wilde Projekte. Der Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens war ihr Umfeld: der Zirkus, die Familie und ihre Liebe.

Dann kam die Diagnose: Krebs

„Bei der Krankheit hat er sich natürlich auch nichts ausgesucht, das ganz konventionell ist, sondern eine ganz seltene Form von Krebs, der in Hormonzellen wächst“, benennt Wein die Krankheit. Ihr gemeinsamer Sohn war damals vier Jahre alt. „Ich stand kurz total unter Schock und habe in jeder freien Sekunde ganz doll geweint.“ Wein musste weiterhin ihren Alltag stemmen: „Ich hatte in keinem Moment den Eindruck, dass es mir entgleitet, denn ich musste stark sein. Unser kleiner Sohn, meine Jobs…“

„Das sind Lebensmomente, an die man sich im Nachhinein genau erinnert. Manchmal kann ich jetzt – zehn Jahre danach – erst richtig trauern.“ Mit Ratschlägen wie „Zieh doch mal die Decke über den Kopf“ oder Wünschen wie „Viel Kraft“ konnte sie damals nie etwas anfangen. „Kraft hab’ ich genug“, wunderte sie sich damals. Sie zieht die Augenbrauen hoch. An dieser Stelle des Gesprächs erlebt man Imke Wein empört.

„Traurig bin ich manchmal. Sauer auch.“

„Martin hat immer gesagt, dass er am liebsten gar nicht alt werden wollte.“ Die beiden hatten makabre Pläne gemacht: „Er wollte bei der Abiturentlassfeier unseres Sohnes Ben mit dem Rollator in den Orchestergraben stürzen“, sagt Wein. Ihr Blick geht gen Himmel, und sie schmunzelt. „Das wäre aber allen gegenüber nicht fair gewesen.“

Deshalb wollten sie eigentlich noch mal von vorn anfangen, sobald ihr Sohn aus dem Haus ist, mit nichts als einem weißen Bademantel bekleidet, alle Wertgegenstände zurückgelassen in einer kleinen Stadtwohnung. „Den Zahn hat er mir mit seinem Abschied gezogen. Jetzt lebe ich wieder auf Sylt und schlepp’ alle lieb gewonnenen Sachen weiterhin mit mir herum. Pö!“ Wein scherzt im Trotz, wird daraufhin aber wieder ernst: „Traurig bin ich manchmal. Sauer auch. Darüber, dass er nicht mehr da ist.“

Als Wein das Café verlässt, trägt sie wieder ihr Grinsen. Sie steigt auf ihr Fahrrad und koordiniert in einem Balanceakt ihre übermütige Hündin, die kurz darauf durchstartet und nebenher saust. Sie fahren über eine Hügelkuppe Richtung Meer, die rosa Mütze blitzt noch einmal auf. Dann ist Imke Wein weg, und man ist sich sicher: Ihr Martin begleitet sie.

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