Sandra Dreiocker ist Hebamme – und will selbst keine Kinder. Das liegt an den Erfahrungen, die sie bei der Betreuung von frischgebackenen Eltern macht.
Sandra Dreiocker ist Hebamme. Sie weiß, welche intimen Sorgen Mütter nach der Geburt haben und wie wenig einige Väter ihr Leben verändern wollen. Aufgrund ihrer Erfahrungen will sie selbst keine Kinder.
Wenn Männer ihr erzählen, dass sie sich drei Kinder wünschen, muss Sandra Dreiocker manchmal einen Gedanken für sich behalten. „In der Rolle, in der du dich siehst, würde ich mir auch drei Kinder wünschen.“
Dreiocker ist Hebamme. Seit mehr als 16 Jahren begleitet sie Frauen durch Schwangerschaft und Wochenbett. Sie sieht, was passiert, wenn aus einem Paar Eltern werden und wie unterschiedlich sich das Leben danach verändern kann.
„So viele Männer sind nicht bereit, dasselbe aufzugeben, was die Frauen aufgeben“, sagt sie. „Deren Leben läuft in der Regel zu 90 Prozent so weiter wie vorher.“
Für die Frauen gilt das nicht.
Sandra Dreiocker ist 40 Jahre alt.
„Seit ich Hebamme bin, will ich selbst keine Kinder mehr,“ ist für sie inzwischen klar.
Nicht, weil sie Kinder nicht mag. Im Gegenteil. Wenn sie davon erzählt, wie sie bei einer Geburt als erster Mensch ein Kind berührt und seiner Mutter auf die Brust legt, nennt sie das „den schönsten Ort der Welt“.
Aber je länger Dreiocker als Hebamme arbeitete, desto weniger selbstverständlich erschien ihr der Gedanke, selbst Mutter zu werden. Mit Anfang 30 kam für sie ein Punkt, an dem sie dachte: „Nicht für den Preis.“
An diesem Nachmittag sitzt Dreiocker in ihrem Haus in Wendlingen unweit von Stuttgart auf einem hellgrauen Sofa. Weiße Jeans, roséfarbener Pullover, Sommersprossen, die braunen Haare zu einem Dutt gebunden. Das Haus ist hell, aufgeräumt, hochwertig eingerichtet. Im Dachgeschoss empfängt sie Schwangere zur Geburtsvorbereitung, fürs Wochenbett fährt sie zu ihnen nach Hause.
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Dreiocker wollte nie um jeden Preis Kinder. Ein Kind habe sie sich immer nur unter einer Bedingung vorstellen können: mit einem Partner, mit dem es sich wirklich richtig anfühlt. Ihr Beruf hat ihr gezeigt, wie unterschiedlich der Preis sein kann, den Frauen und Männer für ein gemeinsames Kind zahlen.
In den Familien, die Dreiocker betreut, zeigt sich diese Ungleichheit oft in vermeintlichen Kleinigkeiten. „Ich höre so oft Sätze wie: Mein Mann weiß nicht, welche Kleidergrößen unsere Kinder haben. Wann welche Geburtstage sind. Was die Kinder essen und was nicht.“
Noch deutlicher werde die unterschiedliche Erwartung daran, wie sehr sich das eigene Leben mit einem Kind verändern darf. Dreiocker erzählt von Vätern, die fünf Tage nach der Geburt sagen, sie müssten jetzt zum Fußball, bräuchten ihr Hobby.
Von Männern, die das schreiende Baby zurückgeben: „Du kannst es besser beruhigen.“ Gesellschaften, die Männer für Dinge loben, die bei Frauen selbstverständlich erscheinen: „Wow, dein Mann hat zwei Monate Elternzeit genommen.“
Einmal fuhr ein Vater im Krankenhaus seine Frau an, weil sie nur ein zu warmes Set Kleidung für das Baby dabei hatte. Dreiocker dachte nur: „Was hat er denn eingepackt?“ Eine andere Frau war eine Woche nach der Geburt mit dem Säugling und zwei Ferienkindern allein, weil ihr Mann bereits wieder arbeitete.
Im Wochenbett erzählen Frauen Dreiocker Dinge, die sie nicht einmal ihren Partnern sagen. Bei einem Hausbesuch wartet eine Frau, bis ihr Mann den Raum verlassen hat. Dann reicht sie Dreiocker einen Zettel. Darauf steht, dass sie Hämorrhoiden hat. Sie schämt sich, das vor ihrem Partner auszusprechen.
Andere Frauen rufen Dreiocker weinend an und erzählen ihr, sie hätten ihr Baby beleidigt, nachdem es acht Stunden lang geschrien habe. „Über so was muss man sprechen dürfen“, sagt Dreiocker.
Dass Frauen sich für solche Gedanken oder für das, was nach einer Geburt mit ihrem Körper passiert, schämen, ärgert sie. Dreiocker kämpft, wie sie es nennt, für mehr Anerkennung der Hormone. Schwangerschaft, Geburt, Stillen, Rückbildung: All das funktioniere nur durch enorme hormonelle Veränderungen.
Eine Geburt sei körperlich vergleichbar mit dem Besteigen eines Achttausenders. Währenddessen werde der Körper mit Adrenalin und anderen Hormonen geflutet. Nach der Geburt falle dieses Niveau abrupt ab. Dreiocker spricht von einem „großen Hormoncrash“. Und der sei eben nicht nach drei Tagen vorbei.
Während Verwandte das Baby sehen wollen, versucht eine Frau vielleicht gerade, mit Hämorrhoiden zu sitzen, das Stillen zu lernen und ein Shirt über wunde Brustwarzen zu ziehen. „Und dann soll der Schwiegervater kommen?“ Dreiocker rät Eltern deshalb, die ersten zwei oder drei Tage möglichst für sich zu bleiben. Wer ihnen etwas Gutes tun wolle, solle Essen vorbeibringen.
Dass diese neue Lebensphase nur Frauen belaste, behauptet Dreiocker allerdings nicht. Bei ihren Hausbesuchen erlebt sie auch, worüber Männer kaum sprechen. Einer dieser Punkte sei Geld. Fällt ein Einkommen weg, hänge plötzlich die Verantwortung für mehrere Menschen an einem Gehalt.
„Man unterschätzt, was dieser finanzielle Druck bei Männern auslöst“, sagt Dreiocker.
Auch über die veränderte Sexualität nach einer Geburt werde innerhalb vieler Partnerschaften zu wenig gesprochen. Frauen erzählten einander, dass sie keine Lust auf Sex hätten. Männer sprächen über ihre Seite der Veränderung häufig nicht.
Trotzdem bleibt bei Dreiocker nach all den Jahren Wochenbettbetreuung ein Eindruck zurück: Die Wahrnehmung darüber, was es bedeute, sich zu Hause einzubringen, gehe zwischen Partnern teilweise weit auseinander. Einmal beschwerte sich eine Frau bei einem Hausbesuch darüber, dass ihr Mann nichts gemacht habe. Er widersprach: Er habe doch alles gemacht. Was er getan hatte? Blumen eingetopft.
Dreiocker muss lachen, als sie davon erzählt. Dann sagt sie einen Satz, der hart klingt: „Gefühlt sind die Frauen zu 80 Prozent alleinerziehend.“
Wenn Dreiocker Feierabend hat, kehrt sie in ein Leben zurück, das sie nicht tauschen möchte. „Mein Leben ist zu gut.“ Sie geht gerne teuer essen und fliegt in den Urlaub. Ihr Beruf trage dazu bei, dass ihr ein eigenes Kind nicht fehlt:
„Ich habe jeden Tag Babys um mich herum, aber schlafe nachts durch.“
Gibt es trotzdem etwas an der Mutterschaft, um das sie andere Frauen beneidet? „Beneiden ist ein doofes Wort“, sagt Dreiocker. Was sie sich aber schön vorstelle, sei „diese bedingungslose Liebe“. Die Zweifel wiegen schwerer. Auf die Frage, was schlimmer wäre – kein Kind zu bekommen und es später zu bereuen oder eines zu bekommen und es zu bereuen –, antwortet sie ohne Zögern: letzteres.
Von außen wird ein kinderloses Leben dennoch schnell als unvollständig betrachtet. Bei einer Hochzeit sagte einmal jemand aus Dreiockers Familie zu ihr: „Du wirst es auch noch schaffen.“ Dreiocker erinnert sich bis heute daran. Ihr Gedanke damals: „Schade, wenn ihr euer Glück nur darüber definiert.“
Manchmal sitzt sie aber auch Paaren gegenüber und fragt sich, ob ihre Beziehung die Belastung tragen wird. „Manchmal denke ich: Don’t do it. Ihr besser nicht.“ Denn eines habe sie in den Familien, die sie begleitet, immer wieder erlebt:
„Ein Kind kittet nichts, rettet nichts, belastet nur.“ Dann fügt sie hinzu: „Und da reden wir ja noch von einem gesunden Kind.“
Dass es auch anders geht, erlebt sie selten. Dreiocker erzählt von einem Paar, das sich bewusst entschieden hat, die Erwerbsarbeit gleichmäßig aufzuteilen. Beide arbeiten zweieinhalb Tage in der Woche. Obwohl der Familie dadurch weniger Geld zur Verfügung steht. Ein Beispiel, das zeigt, wie Elternschaft aussehen kann, wenn beide bereit sind, ihr bisheriges Leben zu verändern.
Wer Dreiocker bis hierhin zuhört, könnte vergessen, wie gern sie Hebamme ist. Seit 2014 arbeitet sie selbstständig. Sie betreut zwölf bis 17 Frauen parallel, fährt von Haus zu Haus, kennt keine klassischen Wochenenden. „Man ist irgendwie immer im Job“, sagt sie. An dem Tag, an dem ihr Vater starb, machte sie noch zwei Hausbesuche.
Wenn Dreiocker von den Frauen erzählt, nennt sie sie „meine Frauen“. Dabei weiß sie, dass die Nähe Grenzen hat. „Für die bin ich die Eine, aber andersherum ist die Frau eine von 100.“ Sie könne nicht Taufpatin werden oder Jahre später auf einen Kaffee vorbeikommen. Trotzdem entsteht in den Wochen nach der Geburt eine Nähe, die weit über medizinische Betreuung hinausgeht.
Dreiocker holt einen Stapel Dankeskarten. Auf einer klebt ein Foto: Dreiocker neben einer Frau, deren drittes Kind tot zur Welt kam. In die Karte hat sie geschrieben: „Menschen wie du merken viel zu selten, wie tief sie Spuren im Leben anderer hinterlassen.“
Von Carlotta Vorbrüggen
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