Das zu wenig Schlaf ungesund ist, ist bekannt. Studien zeigen nun, dass auch eine späte Schlafenszeit den Stoffwechsel stört – selbst wenn man später aufsteht.
Dass zu wenig Schlaf nicht gesund ist, ist bekannt. Studien zeigen allerdings, dass auch eine zu späte Schlafenszeit den Stoffwechsel und das Sättigungsgefühl stört.
Viele halten Disziplin für den Schlüssel zum Abnehmen – weniger essen, mehr bewegen, Kalorien zählen. Doch wie gut das gelingt, hängt auch davon ab, wie wir schlafen. Studien zeigen, dass Dauer und Zeitpunkt des Schlafs den Stoffwechsel stark beeinflussen: Wer regelmäßig zu spät ins Bett geht, hat es beim Abnehmen schwerer und setzt mit der Zeit mehr Körperfett an.
Das betrifft Millionen Menschen in Deutschland. Beruf, Familie, Streaming oder Smartphone schieben die Bettzeit immer weiter nach hinten. Laut der Techniker Krankenkasse schlafen über 40 Prozent der Erwachsenen weniger als sieben Stunden pro Nacht. Aktuelle wissenschaftliche Daten zeigen, dass jede Stunde, die man später schlafen geht und später aufsteht, den Körperfettanteil messbar erhöht.
Die bislang genaueste Untersuchung dazu stammt von der Ernährungswissenschaftlerin Elizabeth A. Thomas von der University of California. Sie veröffentlichte ihre Ergebnisse 2021 im Fachjournal Nutrients.
In ihrer Studie wurden 83 übergewichtige Erwachsene über mehrere Tage mit Aktivitätsarmbändern und Ernährungsprotokollen beobachtet. Das Ergebnis war eindeutig: Mit jeder Stunde, die die Teilnehmer später ins Bett gingen und später aufstanden, erhöhte sich ihr Körperfettanteil im Durchschnitt um 1,64 Prozentpunkte.
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Die Forscher konnten diesen Effekt auch dann noch nachweisen, wenn Kalorienzufuhr und Bewegung statistisch herausgerechnet wurden. Entscheidend war also nicht nur, wie lange jemand schlief – sondern wann. Wer später schlafen ging, hatte häufiger einen gestörten Tag-Nacht-Rhythmus, aß unregelmäßiger und bewegte sich tagsüber weniger.
Genau diesen Punkt beschreibt der Berliner Schlafmediziner Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums an der Charité, in einem Beitrag für die „Welt“. Er gilt als einer der führenden deutschen Experten für Schlaf und Stoffwechsel und ordnet die Studienergebnisse in den größeren Zusammenhang seiner Forschung ein.
Für Fietze ist klar: „Schlaf ist kein Luxus, sondern Teil des Stoffwechsels. Er beeinflusst Hormone, Verdauung, Blutzucker und die Fähigkeit des Körpers, Fett zu verbrennen.“
Warum zu spätes Schlafengehen so deutlich auf den Bauchumfang wirkt, lässt sich inzwischen auch biologisch erklären:
Besonders deutlich zeigt sich dieser Zusammenhang bei jungen Menschen. Jugendliche und junge Erwachsene, die regelmäßig spät ins Bett gehen, haben im Schnitt einen höheren Body-Mass-Index und mehr Körperfett als Gleichaltrige mit frühem Schlafrhythmus.
Neben Hunger und Appetit leidet auch die Zuckerregulation. Zu kurzer oder unregelmäßiger Schlaf verringert die Insulinsensitivität der Zellen – Glukose bleibt im Blut, der Blutzuckerspiegel steigt. Auf Dauer begünstigt das Übergewicht, Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes.
Wie stark sich Schlafmangel auswirkt, zeigen mehrere Studien:
Der Körper reagiert dabei wie auf Stress: Er produziert mehr Cortisol, speichert Energie in Form von Fett und bevorzugt kohlenhydratreiche Snacks. „Schlafmangel verändert unsere innere Biochemie so, dass der Körper ständig auf Vorrat lebt“, erklärt Fietze.
Interessant ist auch der Blick auf Kinder. Eine Studie aus China mit 88 Teilnehmern zwischen zwei und 14 Jahren zeigte, dass jene, die vor 21.30 Uhr ins Bett gingen, eine gesündere Darmflora aufwiesen: mehr nützliche Bakterien, weniger entzündungsfördernde Arten. Später Schlaf war dagegen mit Mikrobenmustern verbunden, die bei Erwachsenen oft mit Fettleibigkeit einhergehen.
Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Schlafrhythmus und Ernährung tiefer miteinander verwoben sind, als lange angenommen. Was und wann wir essen, beeinflusst, wie gut wir schlafen – und umgekehrt bestimmt der Schlaf, wie unser Körper mit Nahrung umgeht.
Von Anne Bajrica
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