Millionen Vögel sterben jedes Jahr qualvoll, weil sie Blei aufpicken, das aus Schrotpatronen verschossen wurde. Das soll nun ein Ende haben.
Millionen Vögel sterben jedes Jahr qualvoll, weil sie Blei aufpicken, das aus Schrotpatronen verschossen wurde. Das soll nun ein Ende haben.
08.10.2026
4 Minuten

Das Europäische Parlament hat den Weg für das Ende von millionenfachem Vogelleid und die schleichende Vergiftung riesiger Gebiete mit dem Schwermetall Blei in den Mitgliedstaaten freigemacht. Die Abgeordneten billigten am Donnerstag ein von der EU-Kommission vorgeschlagenes Verbot von Bleischrot als Munition bei der Jagd.
Das Verbot gilt EU-weit und in allen Lebensräumen. Es folgt dem bereits vor drei Jahren beschlossenen Teilverbot dieser Munition bei der Jagd auf Wasservögel in Feuchtgebieten.
Naturschützer, Wissenschaftler und Mediziner hatten viele Jahre für das Bleiverbot gekämpft. „Das ist ein großer Erfolg für den Natur- und Gesundheitsschutz“, sagt Raphael Weyland, Büroleiter des Umweltverbands Nabu in Brüssel.
Zehntausende Tonnen Schwermetall landen über die Munition in der LandschaftDass Blei eine ernste Gefahr für die Gesundheit von Mensch, Tier und ganzen Ökosystemen darstellt, ist seit langem bekannt. Die Weltgesundheitsorganisation listet es unter den Top 10 der gefährlichsten Stoffe, die EU hat den Einsatz des Schwermetalls weitgehend verboten.
Farben, Buntstifte, Benzin und Wasserleitungen – alles muss seit langem bleifrei sein. Jagd und Fischerei waren davon bislang in weiten Teilen ausgenommen. Dadurch geraten bislang noch mehr als 44.000 Tonnen Blei in die Umwelt und vergiften Böden und Gewässer. Nachdem das EU-Parlament schon im Sommer Blei in Angelgeräten verboten hat, sind mit der Ausweitung des Bleischrotverbots auf alle Lebensräume nun die wichtigsten Schlupflöcher gestopft, über die das Gift in die Umwelt gelangt.

Nach Schätzungen der EU-Kommission laufen bisher europaweit 135 Millionen Vögel Gefahr, sich durch das Aufpicken der winzigen Schrotkugeln mit Blei zu vergiften. Etwa eine Million davon stirbt auf diese Weise in jedem Jahr qualvoll. Weitere 14 Millionen Vögel sind durch die indirekte Aufnahme des Schwermetalls über belastetes Aas oder mit Blei kontaminierte Beutetiere gefährdet. Greifvögel wie Adler, Bussarde, Geier und Milane sind von dieser Form der Sekundärvergiftung besonders stark betroffen, weil sie sich zu einem erheblichen Teil von Aas ernähren.

Wie gravierend die Folgen der Jagd mit Bleimunition für Vögel sind, zeigen wissenschaftliche Arbeiten. Einer Studie von Wissenschaftlern der University of Cambridge und des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) zufolge sind die Populationen von Steinadler, Seeadler und Gänsegeier heute in Europa um bis zu 15 Prozent kleiner, als sie es in einer Welt ohne das Bleiproblem wären. Europaweit reißt Blei den Forschern zufolge eine Lücke von mehr als 50.000 Adlern, Bussarden und Habichten – mit Folgen für ganze Ökosysteme.
Qualvoller und überflüssiger Tod„Blei ist ein sehr wirksames Gift“, sagt Studienautor Oliver Krone. Schon in geringsten Mengen könne es Nerven und Nieren schädigen sowie zu Hirnschäden und Verhaltensstörungen führen, erklärt der Wildtoxikologe. Wie Blei auf betroffene Vögel wirkt, hat Krone schon häufig erlebt. Den Bleitod beschreibt er als „elendigen Kampf gegen das Ersticken bis zur totalen Erschöpfung und dem Tod“.
Auch für Menschen bestehen gesundheitliche Risiken, etwa durch Bleirückstände in mit Bleimunition erlegtem Wild. Auf Basis von Studien errechneten Experten des wissenschaftlichen Beirats der Europäischen Chemikalienagentur ECHA, dass mehr als eine Million Kinder durch den hohen Konsum bleihaltigen Wildfleischs betroffen sind. Zehn Prozent von ihnen, fast 70.000 Kinder, drohen demnach so große Schädigungen des Nervensystems, dass sie mehr als einen Punkt ihres Intelligenzquotienten einbüßen.
Rechtsgerichtete Fraktionen im Parlament hatten bis zuletzt versucht, das Verbot zu verhindern. Dagegen hatten mehr als 60.000 Bürgerinnen und Bürger eine Petition dafür unterschrieben. Bis das Verbot vollständig in Kraft tritt, dauert es allerdings noch. Um es politisch durchzukriegen, gewährte die Kommission eine lange Übergangsfrist von sieben Jahren.
Bleikugeln bleiben erlaubtAuf Druck von Jagdlobbyisten bleibt ein Schlupfloch für die Verwendung von Blei in der Jagd. – denn Bleikugeln als Munition in Jagdgewehren werden nicht verboten. Kugeln werden bei der Jagd auf größere Tiere verwendet. Die Kommission hatte bleihaltige Kugelmunition ebenfalls verbieten wollen, sie aber dann aus ihrem Vorschlag herausgenommen. Damit bleibt eine wichtige Quelle für die Vergiftung von Greifvögeln und anderen Aasfressern bestehen.
Anders als beim Schrot gelangen die Kugeln zwar mengenmäßig in deutlich geringerer Menge in die Umwelt, können aber über angeschossene oder getötete Tiere in die Nahrungskette gelangen: Greifvögel und andere Aasfresser können sich vergiften, wenn sie Kadaver oder die nach der Jagd zurückgelassenen Innereien von Tieren fressen, die mit Bleikugeln erlegt wurden.
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