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„Wenn wir Vögel schützen wollen, müssen wir dahin gehen, wo es weh tut“

Дата публикации: 09-10-2026 15:12:08

Zum Welttag der Zugvögel: Der Vogelschützer Axel Hirschfeld vom Komitee gegen den Vogelmord über Herausforderungen und Erfolge im Kampf gegen die illegale Vogelverfolgung im Libanon.

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Zum Welttag der Zugvögel: Der Vogelschützer Axel Hirschfeld vom Komitee gegen den Vogelmord über Herausforderungen und Erfolge im Kampf gegen die illegale Vogelverfolgung im Libanon.

09.10.2026

9 Minuten

In Netzen verfangene Vögel in einer Plastikwanne.

Der Libanon ist als Land an der Schnittstelle zwischen Europa, Asien und Afrika eines der wichtigsten Durchzugsländer für Vögel aus Europa auf dem Weg in die afrikanischen Winterquartiere und zurück in die Brutgebiete. Viele Millionen Zugvögel – von Mönchsgrasmücken und Ortolanen über Weiß- und Schwarzstörche bis hin zu Wespenbussarden und Schreiadlern – überfliegen das Land zweimal im Jahr.

Gleichzeitig ist der Libanon eines der Länder, in denen bis heute Zugvögel in einem immensen Ausmaß illegal gewildert werden. Das Bonner Komitee gegen den Vogelmord engagiert sich gemeinsam mit lokalen Partnern seit vielen Jahren dagegen.

Von Mitte September bis zum Weltzugvogeltag am 10. Oktober hält sich wieder ein internationales Team des Komitees im Libanon auf, um dort gemeinsam mit libanesischen Vogelschützerinnen und Vogelschützern gegen die Jagd auf und den Fang von Zugvögeln vorzugehen. Sie werden dabei von der Polizei – und in besonders gefährlichen Gebieten – von Einheiten der paramilitärischen Sicherheitspolizei unterstützt. Im Interview berichtet Koordinator Axel Hirschfeld von den Erfahrungen aus Anlass des Welttags des Vogelzugs über die Ergebnisse des diesjährigen Einsatzes und sagt, was er sich zum Zugvogeltag wünscht.

Axel Hirschfeld trägt einen verletzten Schmutzgeier mit Handschuhen aus einem Käfig.

Axel Hirschfeld von der Vogelschutzorganisation Komitee gegen den Vogelmord bereitet einen im Libanon aus den Händen von Vogelwilderern befreiten Schmutzgeier auf die Freilassung vor.

Herr Hirschfeld, der diesjährige Schwerpunkt Ihrer Aktion lag darauf, möglichst viele Massenfanganlagen von Zugvögeln zu finden und unschädlich zu machen. Was hat es damit auf sich und wie funktionieren diese Anlagen?

Axel Hirschfeld: Überall entlang der Zugrouten im Libanon werden illegal im großen Stil Vögel mit Netzen gefangen, die in Obstplantagen oder anderen attraktiven Rastplätzen für die durchziehenden Vögel errichtet werden. Unter den Netzen stehen Rekorder, aus denen die Stimmen von Zugvögeln, meistens Mönchsgrasmücken, in Endlosschleife gespielt werden. So werden die Vögel, die ja nachts ziehen, vom Himmel gelockt, direkt in ihr Verderben. Jeden Tag sind das Zehntausende. Diese Anlagen bedienen einen riesigen Markt.

Heißt das, die gefangenen Vögel werden verkauft?

Sie werden aus den Netzen gerissen, getötet und landen auf Märkten und in Supermärkten. Man findet die überall in Beirut in großen Supermärkten oder auch in kleineren Shops. Da gibt es dann 50er-Packs Mönchsgrasmücken wie bei uns Fischstäbchen.

Eine Kühltruhe mit abgepackten Vögeln hinter Plastikfolie

Im Herbst sind die Kühltruhen der Supermärkte gefüllt mit abgepackten Singvögeln, die illegal getötet wurden.

Man findet die überall in Beirut in großen Supermärkten oder auch in kleineren Shops. Da gibt es dann 50er-Packs Mönchsgrasmücken wie bei uns Fischstäbchen.

Ihre Arbeit ist gefährlich. Die Sicherheitslage im Libanon ist durch den Konflikt mit Israel angespannt. Aber auch bewaffnete Wilderer dürften kaum erfreut sein, wenn sie auf frischer Tat erwischt werden. Wie steht es um die Sicherheit bei Ihren Einsätzen?

Richtig gefährlich sind die Einsätze im nördlichen Beekatal und der Beeka-Ebene bei Baalbeck und auch in einigen Küstenregionen. Dort kommt es ohnehin häufig zu Konflikten zwischen örtlichen Gruppen. Da darf man keinesfalls reingeraten und schon gar nicht darf man dort ohne Polizeischutz jemanden erwischen, der gerade ein Netz aufgestellt oder einen Storch oder Adler geschossen hat, was auch im Libanon strafbar ist.

Für diese Leute ist eine Geldstrafe wegen Vogelwilderei wohl kaum abschreckend …

Die Täter fürchten nicht die Strafe wegen Vogelfangs, sondern, dass die Polizei kommt. Denn viele werden wegen anderer Dinge gesucht. Gut möglich, dass derselbe, der heute ein Netz spannt, gestern für den IS gearbeitet hat. Diese Leute wollen sich natürlich auf gar keinen Fall festnehmen lassen. Im zentralen Libanongebirge sind wir aber auch durchaus ohne Polizeiunterstützung unterwegs. Wenn wir was finden, rufen wir sie an und die Beamten kommen dann auch fast immer.

Ein Netz glitzert im Morgenlicht

Kilometerlang stehen solche Fangnetze in den Plantagen des Libanon

Trotzdem waren Sie vor wenigen Tagen auch in den beschriebenen Krisengebieten unterwegs, weil es dort Hinweise auf massiven Vogelfang gab. Wie ging das?

Wir hatten Unterstützung von der Polizei und auch von den militärischen Sicherheitskräften, die schwer bewaffnet sind. Wir hatten vorher unauffällig die Fanganlagen in der Gegend kartiert und auch schnelle An- und Abfahrtsrouten ausgekundschaftet. Als es soweit war, sind wir in einer Kolonne mit Polizei, Armee und unseren Fahrzeugen unterwegs gewesen und haben die Stellen abgefahren, die wir vorher kartiert haben. Die Sicherheitskräfte haben den Einsatz auch aus der Luft mit Drohnenaufklärung abgesichert.

Was haben Sie erreichen können?

Was wir da bei zwei größeren und zwei kleineren Aktionen vorgefunden haben, ist selbst für libanesische Verhältnisse enorm. Wir haben hunderte Netze von einer Gesamtlänge über mehrere Kilometer und einer Fangfläche von fast 50.000 Quadratmetern sichergestellt. Und natürlich haben wir sehr viele Vögel befreit.

Gab es Probleme?

Nein, aber alles musste sehr schnell gehen. Der Fang findet nachts statt und wir waren am frühen Morgen unterwegs. Das Militär hat darauf bestanden, dass wir rasch wieder verschwinden. Also haben wir die Vögel mit Scheren und Messern nur grob aus den Netzen geschnitten und in Transportkisten gesteckt. Zurück im Hotel waren wir dann bis Mitternacht damit beschäftigt, hunderte Vögel gründlich von den Resten der Netze zu befreien und freizulassen.

Welche Arten waren das?

Wirklich alles, was zieht. Vor allem Singvögel wie Mönchsgrasmücken, Rohrsänger, Pirole, Ortolane, Schwalben und viele andere. Aber auch Zwergohreulen und Kurzfangsperber. Es ist erschütternd, diesen seltenen Vögeln auf diese Weise zu begegnen.

Ein Polizist inspiziert Vogelfangnetze

Die Razzien in zahlreichen Plantagen fanden gemeinsam mit der Polizei und Armee statt.

ein Pickup voller Netze

Autoladungen voll beschlagnahmter illegal aufgestellter Vogelfangnetze.

Die Verfolgung zweimal im Jahr auf den Zugwegen – vor der Brut und danach – ist der wahrscheinlich wichtigste Grund ist, warum es vielen unserer Vogelarten so schlecht geht.

Können Sie einschätzen, wie viele Zugvögel in diesem Herbst den Flug über den Libanon überlebt haben, weil die Netze weg sind, in denen sie sonst gefangen worden wären?

Wenn wir nur die Singvögel nehmen, die den Netzfanganlagen entkommen sind, weil wir sie abgebaut haben und sich die Leute dort auch nicht mehr trauen, in den nächsten Tagen neue aufzubauen, schätze ich die Zahl auf mindestens zwischen 50.000 und 100.000 Vögel. Nimmt man die abschreckende Wirkung solcher Aktionen hinzu, sind es noch viel mehr. Denn es wurden allein bei der großen Aktion auch sieben Vogelfänger festgenommen.

Woran machen Sie fest, dass Ihre Einsätze eine abschreckende Wirkung haben?

Wir haben live über Drohnen verfolgt, wie viele Fänger geradezu panisch zu ihren Anlagen gerannt sind, um sie zu retten, als sie von andernorts hörten, dass es eine Razzia gibt. Einige von denen wurden gleich mitgenommen, andere sind entkommen. Eine wichtige Neuerung ist auch, dass in diesem Jahr erstmals auch die Landbesitzer zur Rechenschaft gezogen werden, die ihre Plantage für die illegalen Anlagen hergegeben haben. Wir hoffen, dass der Abschreckungseffekt sich in Form von mehr überlebenden Vögeln bemerkbar macht.

Ein Mann hält den Controller einer Drohne in der Hand, auf dem Display sind Vogelfänger an Netzen zu sehen.

Drohnenbeweis: Vogelfänger veruschen eilig, ihre Netze abzubauen

Wie sieht dieses Jahr die Bilanz bei Greifvögeln aus?

Wir haben uns auf die Singvögel konzentriert, aber bei Besuchen an Greifvogel-Zugpunkten auch ein gutes Dutzend Jäger gestellt und viel Beweismaterial produziert – Abschüsse von verschiedenen Arten. Besonders schlimm trifft es immer Wespenbussarde, weil die als Delikatesse gelten. Die Polizei konnte einige Wilderer direkt festnehmen, andere konnten fliehen, haben aber am Abend Besuch bekommen, weil wir der Polizei Autokennzeichen und Videomaterial liefern konnten.

Ein Schreiadler fliegt auf den Betrachter zu

Abflug in den Süden: Zwischen September und April sind Schreiadler nicht in ihren Brutgebieten anzutreffen.

Ein toter Schreiadler liegt auf dem Boden, Foto aus Bodenperspektive

Einer von vielen: Ein abgeschossener Schreiadler liegt auf einem Gebirgspfad. Die Wilderei im Libanon und in anderen Ländern ist eine zusätzliche Bedrohung für das Überleben dieser Vogelart.

Besonders trifft es auch immer Schreiadler, deren gesamte Weltpopulation den Libanon überfliegt. Wie ist es Ihnen in diesem Jahr ergangen?

Wir hatten wetterbedingt in diesem Jahr die Situation, dass es in den ersten Oktobertagen zu einem Zugstau kam, das heißt, dass viele Vögel wegen ungünstiger Thermikbedingungen erstmal eine Rast machten und erst einen Tag später in einer riesigen Gruppe zusammen weiterzogen. Hier kam das Glück hinzu, dass wir diese Massenrastplätze kannten und bewachen konnten – und dass die Vögel mitten in der Woche den Libanon durchquerten.

Was hat der Wochentag mit der Intensität der Verfolgung zu tun?

Die meisten Greifvogeljäger sind am unterwegs. Gut war auch, dass die Wolkendecke brach, als die Vögel morgens aufstiegen, um weiterzufliegen. Die Sonne hat geholfen, dass die Adler sich sehr schnell in große Höhe schrauben konnten und schon bald außer Schussreichweite waren. Wenn das Ganze bei anderem Wetter und an einem Wochenende passiert wäre, wären wohl viele Adler gestorben. So sind sie diesmal ziemlich unbehelligt in Richtung Israel gekommen. Sie hatten großes Glück.

Eine Gruppe ziehender Schwarzstörche von unten

Viele Schwarzstörche nutzen die Straße von Messina, um das Meer zu überqueren.

Sie gehen auch an Schulen und machen Aufklärungsarbeit in Dörfern, um dort den Menschen klarzumachen, wie problematisch die Jagd auf seltene Vögel ist. Wächst das Bewusstsein?

Vielleicht lag es am Wetter, vielleicht trägt unsere Arbeit Früchte: Aber ich habe den Eindruck, dass es weniger wird. Jedenfalls haben wir in diesem Jahr nicht durch ein Meer an Federn von gerupften Wespenbussarden waten müssen. Wir spüren insgesamt schon so etwas wie einen Kulturwandel. Vor allem, wird die Bedeutung des Problems heute ernster genommen als noch vor ein paar Jahren.

Welche Hinweise haben Sie dafür?

Das spiegelt sich zum Beispiel auch im Medieninteresse. Viele arabischsprachige Medien im Libanon, sowohl die Tageszeitungen, Radios und sogar die Hauptnachrichten, haben unsere Aktionen in diesem Herbst aufgegriffen. Und die sozialen Medien sowieso. Der ganze Libanon weiß zurzeit Bescheid, was wir vor ein paar Tagen gemacht haben. Das ist eine wichtige Vorbeugearbeit. Viele, die das gesehen haben, werden sich nicht trauen, jetzt wieder Netze aufzustellen.

Weißstörche vor dem aufgehenden Mond

Der Vogelzug ist eines der letzten großen Naturwunder.

Was wünschen Sie sich zum Weltvogelzugtag?

Ich wünsche mir, dass die Gefährdung vieler Vogelarten durch die Wilderei viel ernster genommen wird. In der Politik, aber auch auf Seiten der Wissenschaft und von Naturschutzverbänden. Wir sind jetzt seit neun Jahren im Libanon und wir haben hunderttausende getötete Greifvögel dokumentiert. Es wird immer noch zu sehr ausschließlich auf die Bedrohungen in den Brutgebieten geschaut. Es ist aber ganz offensichtlich, dass die Verfolgung auf den Zugwegen – vor der Brut und danach – der wahrscheinlich wichtigste Grund ist, warum es vielen unserer Arten so schlecht geht. Gerade den Greifvögeln, die ja nur sehr wenig Nachwuchs haben. Tausende oder gar Zehntausende Opfer jedes Jahr auf dem Zug: Das verkraftet kein Wespenbussard und kein Schreiadler.

Der diesjährige Weltzugvogeltag stellt das Zählen von Vögeln in den Mittelpunkt und das Beobachten. Ein richtiger Schwerpunkt?

Vögel beobachten ist schön, aber es ist ein sehr einseitiges Vergnügen. Die Vögel haben nicht viel davon, wenn man nur guckt und nichts für sie tut. Wenn wir das auch in Zukunft noch tun wollen und wollen, dass unsere Kinder auch noch dieses wunderschöne Phänomen des Vogelzugs erleben, müssen wir dafür sorgen, dass die Vögel überleben. Gucken allein reicht leider nicht. Da muss man schon auch dahin gehen, wo es nicht angenehm ist und manchmal richtig weh tut. Ich verstehe, dass das nicht jeder will und kann, auch nicht jeder Verband. Ich wünsche mir aber mehr Unterstützung für uns und unsere libanesischen Partner, wenn man darüber nachdenkt, wie man die Mittel verteilt, die in den Zugvogelschutz fließen. Derzeit herrscht ein absolutes Missverhältnis zwischen dem Geld, das in die Bekämpfung der Wilderei gesteckt wird, und dem, was für Awareness- und andere Kampagnen aufgebracht wird.

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