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Sieben Millionen Gläubige, keine 500 Gefährder: Der deutsche Islam ist nicht radikal

Дата публикации: 03-10-2026 12:19:39

In Berlin-Marienfelde propagieren Muslime ein Islam-Verständnis, das mit Deutschland im Einklang steht. Es geht um das Gute für die Gesellschaft. Ein Interview.

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Die Stiftung Islam in Deutschland in Berlin-Marienfelde versteht sich als Förderin des inner- und interreligiösen Dialogs genauso wie als Brückenbauerin zwischen der Mehrheitsbevölkerung und der wachsenden muslimischen Minderheit. Treibende Kraft ist der Imam Abdul Adhim Kamouss. Die Berliner Zeitung hat ihn zum Gespräch getroffen.

Herr Kamouss, Deutschland durchlebt aufgewühlte Zeiten. Welche Rolle spielt Politik in Ihrer Moschee und Gemeinde?

Die Menschen kommen in die Moschee, auch um eine theologische Perspektive auf gesellschaftliche Fragen zu hören. Der Koran gibt uns genügend Impulse, Verantwortung zu übernehmen und uns dort einzubringen, wo wir etwas Gutes für die Gesellschaft bewirken können. Als Imam greife ich diese Impulse natürlich auf. Deshalb habe ich an den beiden Freitagen vor der Landtagswahl an das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein der Muslime appelliert.

In unseren Sonntagsvorträgen gehen wir dann ausführlicher und differenzierter auf solche Themen ein. Dort nehmen wir uns Zeit für den Austausch mit der Gemeinde, für Fragen und auch für kontroverse Diskussionen. Schließlich haben wir hier in der Moschee unsere sogenannte Wahlarena mit Vertretern verschiedener Parteien organisiert. Auch Ihre Zeitung hat darüber berichtet.

War das die erste solche Veranstaltung?

In unserem Gemeindezentrum ja. Wir werden dieses Format auch künftig weiterführen. In den nächsten Jahren muss auf muslimischer Seite noch mehr getan werden. Bisher waren wir in diesem Bereich doch eher passiv.

Wie passt die liberale Parteiendemokratie aus theologischer Sicht zum Selbstverständnis der muslimischen Gemeinde?

Es gibt im Islam kein fertiges Konzept dafür, wie Völker regiert und verwaltet werden sollen. Auch der Prophet Mohammed hat keine bestimmte Regierungsform hinterlassen. Die Führung und Verwaltung eines Gemeinwesens wird vielmehr als eine weltliche Angelegenheit betrachtet, die sich mit der Zeit verändern und weiterentwickeln kann. Die Religion legt hier keine bestimmte Regierungsform verbindlich fest.

Beratung und Beteiligung

Schon vor 1440 Jahren finden wir beim zweiten Kalifen Umar Ansätze von Beratung und Beteiligung. Vor seinem Tod setzte er einen Rat aus sechs Personen ein, der über seine Nachfolge beraten sollte. Schließlich standen Alī und Uthmān im Mittelpunkt der Entscheidung. Nach umfangreichen Beratungen mit den Menschen in Medina fiel die Entscheidung auf Uthmān, der anschließend zum Kalifen ernannt wurde.

Imam Abdul Adhim Kamouss, Stiftung Islam in Deutschland

Imam Abdul Adhim Kamouss, Stiftung Islam in Deutschland

© Max vom Hofe / Berliner Zeitung

In Deutschland ist die Überzeugung verbreitet, der Islam lasse keine Trennung von Religion und Staat zu. Sie behaupten das Gegenteil.

Ja, der Islam lässt diese Trennung zu. Natürlich gibt es darüber unterschiedliche Auffassungen und Diskussionen. Entscheidend ist für mich aber, dass der Islam keine bestimmte Staats- oder Regierungsform verbindlich vorschreibt. Er gibt uns vielmehr übergeordnete Ziele und Intentionen vor und lässt einen sehr flexiblen Rahmen dafür, wie eine Gesellschaft ihre Ordnung und ihre Gesetze gestaltet.

Zu diesen hohen Zielen gehören vor allem Gerechtigkeit, die Bewahrung menschlichen Lebens, die Abwendung von Schaden und das Streben nach Frieden. Ebenso geht es darum, Ausbeutung und Unterdrückung zu verhindern sowie Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit zu gewährleisten. Diese übergeordneten Intentionen geben den Rahmen und die Richtung vor. Innerhalb dieses Rahmens sind Gesellschaften frei, ihre Gesetze und Ordnungen entsprechend ihrer jeweiligen Zeit und ihren gesellschaftlichen Bedingungen zu gestalten und weiterzuentwickeln.

Sie sagen, es gebe Religionsfreiheit. Was ist mit dem Verbot, vom Glauben abzufallen? In manchen Ländern steht darauf die Todesstrafe.

Diese Auffassung findet sich in der klassischen islamischen Jurisprudenz und wird vor allem aus bestimmten prophetischen Überlieferungen abgeleitet. Diese müssen jedoch in ihrem historischen Kontext betrachtet werden. Dabei ging es nicht allein um das Verlassen des Glaubens, sondern auch um politische Abkehr und Verrat in einer Zeit kriegerischer Auseinandersetzungen. Wir haben zudem Überlieferungen, die ein anderes Bild zeigen. Ein Mann sprach dem Propheten in Medina die Huldigung für den Islam aus. Später kam er mit Fieber zurück und wollte diese Huldigung wieder lösen. Der Prophet lehnte dies zwar ab, ließ ihn aber Medina verlassen, ohne ihn dafür zu bestrafen.

Für mich zeigt das, dass die Frage der Apostasie historisch und differenziert betrachtet werden muss. Die späteren Rechtsauffassungen sind juristische Interpretationen von Gelehrten. Im Koran selbst wird an mehreren Stellen die Freiheit des Glaubens betont. Niemandem darf der Glaube aufgezwungen werden. Der Koran formuliert diesen Grundsatz ausdrücklich: Es gibt keinen Zwang in der Religion.

Warum ist dann die Überzeugung verbreitet, dass der Islam und das westliche oder deutsche Freiheitsverständnis nicht zusammenpassen? Sind die Fundamentalisten, die es anders sehen als Sie, zu laut und zu viele?

Eine gute Frage. Ich sehe hier auch eine Verantwortung der Medien. Seit dem 11. September 2001 wird der Islam häufig durch die Themen Extremismus, Fundamentalismus und Sicherheit wahrgenommen. In Deutschland leben fast sieben Millionen Muslime. Demgegenüber liegt die Zahl der sogenannten Gefährder im Bereich der religiösen Ideologie unter 500. Das ist also eine verschwindend kleine Gruppe. Trotzdem richtet sich ein erheblicher Teil der medialen Aufmerksamkeit gerade auf solche extremistischen Erscheinungen. Wenn dieses Bild immer wieder im Vordergrund steht, kann in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen, es sei repräsentativ für den Islam und die Muslime.

Brücken zur Mehrheitsgesellschaft

Dabei gibt es in Deutschland zahlreiche Islamwissenschaftler, Theologen und andere Fachleute, die auf akademischem und sachlichem Niveau über den Islam sprechen. Sie kommen durchaus zu Wort, aber die breite Öffentlichkeit erreicht dieser differenzierte Diskurs viel zu selten. Dafür tragen auch wir Muslime Verantwortung. Wir müssen mehr Aufklärungsarbeit leisten, mehr Brücken zur Mehrheitsgesellschaft bauen und unsere Gemeinden stärker öffnen. Ein Tag der offenen Moschee am 3. Oktober allein reicht dafür nicht aus.

Stehen ausländische Einflüsse im Weg, die Wahhabiten aus Saudi-Arabien oder das Diyanet aus der Türkei?

Bei wahhabitischen Strömungen sehe ich ein Problem. Sie verfolgen eine stark wortgetreue Lesart der religiösen Texte, die zu einem Schwarz-Weiß-Denken führen kann. Ein solches Denken kann Abgrenzung und unter Umständen auch Radikalisierung begünstigen.

Das Diyanet würde ich damit nicht gleichsetzen. Es ist eine Institution des türkischen Staats, deren Gemeinden kulturell stark türkisch geprägt sind. Diyanet und Millî Görüş agieren in Deutschland im Rahmen der Gesetze. Die muslimische Organisationslandschaft ist vielfältig. Manche Organisationen sind stärker ideologisch oder politisch geprägt, andere bewusst nicht, wie unsere Stiftung Islam in Deutschland.

ZUR PERSON

Max vom Hofe/Berliner Zeitung

ZUR PERSON

Der aus Marokko stammende Diplom-Ingenieur und Imam Abdul Adhim Kamouss (48) kam 1997 zum Studium nach Deutschland. Seit seinem sechsten Lebensjahr hat er sich mit dem Islam befasst und wurde vom marokkanischen Ableger der Jama’a al-Islamiyya geprägt.

Bis etwa 2014 zählte er in Deutschland zu den prominenten salafistischen Predigern, distanzierte sich dann aber zunehmend von den konservativen Inhalten. 2018 gründete er die inzwischen in Berlin-Marienfelde ansässige Stiftung Islam in Deutschland.

In der Vergangenheit waren Sie für konservative Ansichten bekannt. Sie haben ein Buch über Ihren Wandel geschrieben, „Wem gehört der Islam?“.

Ich vertrat eine konservative Prägung des Islam. Es ging stärker um intensive Religiosität als darum, wie man den Glauben mit der Realität und dem Alltag verbindet. Vieles war eher schwarz-weiß. Ich habe aber nie Hass gepredigt oder mich gegen die deutsche Rechtsordnung gestellt. Man sagte mir damals: Wir wissen, dass Sie nicht radikal oder extremistisch sind, aber Ihre Zuhörerschaft könnte sich später radikalisieren.

2007 lud der Berliner Innensenator Ehrhart Körting mich und weitere Imame ein. Ab 2009 nahm ich an Dialogrunden teil, die vom Berliner Beauftragten für Religionen, Hartmut Rhein, initiiert wurden. Dort lernte ich andere Religionen und Perspektiven kennen. Zugleich öffnete ich mich stärker für islamische Denktraditionen, moderne Denker und Reformer. Die sufische Tradition gab mir mehr Harmonie, Feingefühl und Offenheit.

Dann begann ich, diese Fragen vor meiner Zuhörerschaft anzusprechen. Dazu gehörten kontroverse Themen wie Apostasie und die Frage, was der Koran dazu tatsächlich sagt, das Musikverbot oder ein differenzierter und friedlicher Umgang mit Fragen der Sexualität.

Muslimische Organisationen als Träger

Natürlich bekam ich viel Gegenwind. Damals saß ich zwischen zwei Stühlen. Die Medien nahmen mir meine Entwicklung nicht ab, zugleich wurde ich aus Teilen der muslimischen Gemeinschaft kritisiert. Das zog sich bis 2017 und 2018 hin, als mein Buch erschien und ich die Stiftung gründete. Seither setzen wir diese Aufklärungsarbeit fort.

Medien skandalisieren, Medien sind auch populistisch, es geht um Klicks. Sollte der deutsche Staat mehr unternehmen, vielleicht bei der Imam-Ausbildung?

Eine staatliche Imam-Ausbildung haben wir in Deutschland nicht. Es gibt Studiengänge für Islamische Theologie, aber ein theologisches Studium allein macht noch keinen Imam. Dafür braucht es zusätzliche praktische und religiöse Qualifikationen. Staatlich ausgebildete Imame würden viele Gemeinden nicht akzeptieren, weil der Staat nicht über religiöse Inhalte bestimmen soll. Deshalb braucht es eine klare Aufgabenteilung.

Hinter dem Diyanet steht doch auch ein Staat.

Das stimmt. Diyanet wird aber von vielen Gläubigen als muslimische Institution wahrgenommen und genießt deshalb eine andere Akzeptanz. Auch aus Marokko oder Ägypten kommen ausgebildete Imame und Theologen, die aufgeklärt sind und eine Bereicherung darstellen. Es gibt Wege, die Imam-Ausbildung in Deutschland zu verwirklichen, mit muslimischen Organisationen als Trägern.

Imam Abdul Adhim Kamouss, Stiftung Islam in Deutschland

Imam Abdul Adhim Kamouss, Stiftung Islam in Deutschland

© Max vom Hofe/Berliner Zeitung

Unsere Stiftung arbeitet an einem Konzept für die Humboldt-Universität. Die Universität bildet Theologen aus, wir ergänzen die Qualifikation für den Imam-Dienst, etwa Arabisch, Predigtmethodik, Koran und Hadith sowie Grundlagen des islamischen Rechts und seiner Methodik.

Der Sitz Ihrer Stiftung ist das Gemeindezentrum in Berlin-Marienfelde. Sie wirken aber über Berlin hinaus.

Unsere Stiftung erreicht Menschen im gesamten deutschsprachigen Raum, viele Mitglieder leben außerhalb Berlins. Der Name „Islam in Deutschland“ steht für unser Selbstverständnis. Künftig sind bundesweite Projekte angedacht.

Was unterscheidet Sie von anderen muslimischen Organisationen?

Wir verstehen uns als Bindeglied zwischen Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft. Unser religiöser Diskurs findet auf Deutsch statt. Zugleich öffnen wir unser Zentrum für Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion. So wollen wir Begegnung ermöglichen und Brücken bauen.

Wir fördern den innerislamischen und interreligiösen Dialog, auch zwischen Sunniten, Schiiten und Ahmadiyya. Dabei sagen wir klar: Die politischen und konfessionellen Konflikte des Nahen Ostens wollen wir nicht nach Deutschland übertragen. Wir wenden uns gegen die Projektion solcher Konflikte auf das Zusammenleben hier. Wir sind Teil dieser Gesellschaft und gehen unsere Herausforderungen in Deutschland an.

Bei der Wahlarena war aber deutlich zu hören, welche Bedeutung die Themen Israel und Palästina für die Menschen haben.

Was im Nahen Osten geschieht, bewegt Menschen weltweit. Für viele Muslime ist die Betroffenheit groß, aus Solidarität mit den Menschen vor Ort. Bilder von Tod und Zerstörung lassen uns nicht kalt. Das macht etwas mit den Muslimen hier.

Imam Abdul Adhim Kamouss, Stiftung Islam in Deutschland

Imam Abdul Adhim Kamouss, Stiftung Islam in Deutschland

© Max vom Hofe / Berliner Zeitung

Meine Aufgabe als Imam sehe ich darin, diese Emotionen zu versachlichen. Natürlich muss ich solche Themen aufgreifen, wenn sie die Menschen beschäftigen. Sonst würde ich an ihrer Lebenswirklichkeit vorbeireden. Nach 28 Jahren als Imam würde ich manche politischen Konflikte lieber nicht behandeln. Aber es gibt klare Grenzen: Antisemitismus und interreligiöser Hass haben bei uns keinen Platz. Politische Positionen und Kritik müssen sachlich und im Rahmen unserer Rechtsordnung geäußert werden.

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