Am Brandenburger Tor protestieren Friedensbewegte von Pax Christi bis Verdi, vor dem Kanzleramt schweigt eine Menschenkette. Eine Reportage.
Arndt hätte nicht gedacht, dass er jemals in seinem Leben wieder auf eine Demonstration gehen würde. Noch vor ein paar Jahren, doch er hat seine Meinung geändert. „Man muss doch ein Zeichen setzen gegen den grassierenden Irrsinn“, sagt der Berliner, der am Samstag, dem Tag der deutschen Einheit, nach Mitte gekommen ist.
Arndt hat kein Transparent dabei, mit dem er für Frieden demonstriert und gegen Krieg oder gegen Rüstung und für Diplomatie wie viele andere an diesem Nachmittag auf der Kundgebung vor dem Brandenburger Tor. Und doch scheint der grauhaarige schlanke Mann auf seine Weise für eine große Gruppe derer zu stehen, die dem Aufruf des Aktionsbündnisses „3. Oktober 2026“ gefolgt sind. „Ich werde demnächst 64, bin also einer der oft zitierten Boomer, die den Kalten Krieg bewusst miterlebt haben.“
Bereits am Freitag hatten sich Tausende vor dem Brandenburger Tor versammelt, diesmal überwiegend junge Menschen, um gegen eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht zu demonstrieren. Auf der Kundgebung am Samstag ist die Wehrpflicht ebenfalls eines der zentralen Themen.
Mehr als 300 Organisationen und Friedensgruppen haben sich zusammengetan, von den Dachverbänden Bundesausschuss Friedensratschlag und Kooperation für den Frieden organisiert. Zeitgleich mit Berlin hat auf dem Schlossplatz in Stuttgart eine weitere bundesweite Demonstration von „3. Oktober 2026“ begonnen. In Berlin sollen nach Angaben der Veranstalter mehr als 20.000, in Baden-Württembergs Hauptstadt an die 15.000 Menschen erschienen sein.
Am Rand des Tiergartens in Mitte hat der Freidenker-Verband einen Infostand neben einem Verein namens Omas und Opas für den Frieden. Vor der Bühne Fahnen der Gewerkschaften IG Bau, IG Metall und Verdi; die Ärzte für die Verhütung eines Atomkriegs machen mit einem Transparent auf sich aufmerksam. DKP, BSW, Linke – einige Parteilogos sind zu sehen. Auch die katholische Organisation Pax Christi beteiligt sich.
Arndt hat statt Logo, Flagge oder Transparent seine Geschichte mitgebracht. „Ich bin Anfang der Achtziger zum Studium nach West-Berlin“, sagt der gebürtige Westfale. „Vor allem auch, um den Wehrdienst zu umgehen.“ Es ist eine typische Geschichte in der eingemauerten Stadt: freies Leben in einer WG weit weg von zuhause, Partyzeit in Kreuzberg, Schöneberg, Charlottenburg, Nebenjob und etliche Semester an der FU. Als die Mauer fiel, hatte er gerade seinen Magister in der Tasche und das Gefühl, dass dauerhafter Frieden möglich sei. „Das war offensichtlich ein Irrtum.“
Drüben auf der Bühne am Brandenburger Tor hat gerade Arnulf Rating eine Rede gehalten. Wie es sich für einen politischen Kabarettisten gehört mit einigen Spitzen gegen die Bundesregierung von Kanzler Friedrich Merz (CDU), „die schlechteste, die wir je hatten“. Rating kommt auf die Sozialpolitik zu sprechen, kritisiert Sozialabbau und soziale Spaltung, prangert Investitionen in Rüstung an, fordert stattdessen Investitionen in Bildung und Pflege, Wohnen und Kultur. „Die anderen haben 500 Milliarden Euro“, sagt der Kabarettist in Anspielung auf das sogenannte Sondervermögen, „wir bekommen für diese Friedensdemo nichts, nicht einmal Rentenpunkte.“
Thema Klimaschutz vor dem BundeskanzleramtDann der Klimaschutz – noch so ein Thema an diesem Tag der deutschen Einheit in Berlin. Vor dem Brandenburger Tor, aber nicht nur dort. Anderthalb Stunden zuvor hatte sich vor dem Bundeskanzleramt eine Menschenkette gebildet. Punkt 12 Uhr, das Glockenspiel nebenan intonierte Beethovens Ode an die Freude, die Demonstranten schweigend Hand in Hand. „Gemeinsam die Erde vor dem Kollaps retten“, steht auf einem Plakat, „Klimaschutz ist Kinderschutz“ auf einem anderen.
Am Ende halten sie weiße Zettel in die Luft. „Es ist alles gesagt“, erklärt einer der Demonstranten die Symbolik. „Jetzt kann man die Zettel neu beschriften.“ Womit? „Umweltschutz und Frieden“, sagt ein Nachbar in der Menschenkette. „Beides hängt ja miteinander zusammen.“ Einige Trabis knattern vor ihnen über die Straße, biegen Richtung Paul-Löbe-Haus ab, Touristenprogramm wie immer an einem Wochenende.
Die Polizei listet auf ihrer Seite „Versammlungen im Land Berlin“ für diesen 3. Oktober mehr als 30 Veranstaltungen auf. Darunter täglich wiederkehrende wie die Protestaktion von Falun-Gong auf der Jannowitzbrücke. Am Lustgarten findet ein „Singen für Europa“ statt. Und nicht weit davon entfernt setzt sich am frühen Nachmittag vom Alexanderplatz aus ein Rave in Bewegung. 100, vielleicht 200 Menschen machen sich auf den Weg, von Boxen auf Pritschenwagen beschallt. „Einheit durch Musik“ ist das Motto – am Tag der deutschen Friedensdemos.
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