Abbezahlt, aber teuer: Das eigene Haus wird für Babyboomer zur zentralen Altersfrage. Welche Optionen jetzt sinnvoll sind, um vorzusorgen.
Millionen Babyboomer besitzen ihr Haus schuldenfrei – und stehen trotzdem vor einer teuren Frage. Wie das Eigenheim zur finanziellen Falle wird, und was wirklich hilft.
Als bei Ingrid und Klaus Berger im Januar die Heizung ausfiel, war die erste Reaktion Erleichterung: Sie konnten es sich leisten. 41 Jahre wohnen sie schon in ihrem Haus am Ortsrand, seit vielen Jahren schuldenfrei, 165 Quadratmeter, Garage, ein Garten, den Klaus früher jedes Wochenende bewirtschaftet hat. Die zweite Reaktion kam, als der Handwerker fertig gerechnet hatte: neue Heizung, gedämmtes Dach, ein paar Fenster gleich mit. Eine Zahl, die auf keinem ihrer Sparbücher stand.
Gold kann man verkaufen. Ein Haus lässt sich nicht einfach zu Geld machen, wenn man gleichzeitig noch darin wohnen will – das ist die Pointe, die hinter dem Wort Betongold meistens verschwiegen wird.
Die Bergers sind damit nicht allein. Fünf Millionen der insgesamt mehr als 19 Millionen Babyboomer haben das gesetzliche Rentenalter bereits erreicht, berichtet das Institut der deutschen Wirtschaft im Juni 2026, und Jahr für Jahr kommen weitere Jahrgänge dazu. Eine Generation, die in Deutschland überdurchschnittlich oft ins eigene Haus investiert hat, steht damit vor einer Rechnung, die auf dem Papier gar nicht auftaucht: Vermögen, das in Wänden statt auf dem Konto steckt. Und vor der Frage, ob man sich diesen Luxus leisten kann.
Solange man arbeitet, merkt man davon wenig. Die Finanzierung läuft, das Einkommen deckt die Reparaturen, und jedes bezahlte Jahr macht das Haus ein Stück mehr zur eigenen Altersvorsorge. Mit der Rente kehrt sich das um: Das Einkommen sinkt, die Immobilie bleibt – und mit ihr alles, was an einem Haus aus den 1970er- oder 1980er-Jahren irgendwann fällig wird. Heizung, Dach, Fenster, Leitungen, Fassade. Bei den Bergers war es die Heizung zuerst. Bei anderen ist es das Dach.
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Eine pauschale Summe für „die energetische Sanierung“ gibt es nicht, dafür ist jedes Haus zu unterschiedlich. Aber schon eine Heizung plus Dämmung kann fünfstellige Kosten verursachen, bei umfassenderen Maßnahmen auch deutlich mehr. Was bleibt, ist ein Prinzip: Das Haus macht auf dem Papier reich. Auf das eigene Konto überweist es nichts.
Der Grund lässt sich auch in Zahlen fassen. Eine Auswertung von ImmoScout24 zeigte deutliche Preisunterschiede nach Energieeffizienzklasse – im ländlichen Raum lagen Häuser der Klassen F, G und H teils 40 bis 50 Prozent unter Objekten der Klasse A. Ob dieser Abstand für jedes einzelne Haus in dieser Höhe gilt, lässt sich aus Angebotspreisen allein nicht ableiten. Dass energetisch schlechte Häuser es beim Verkauf schwerer haben, zeigt die Zahl trotzdem deutlich genug.
Ein potenzieller Käufer rechnet den Sanierungsstau nüchtern vom Kaufpreis ab – für ihn ist das eine Rechenaufgabe. Für die Bergers, die mit 74 und 76 Jahren nicht mehr sanieren können und wollen, wird ihr Lebenswerk damit entwertet.
An dieser Stelle lohnt sich Genauigkeit, weil in der öffentlichen Debatte gern übertrieben wird: Die EU verpflichtet niemanden dazu, sein Einfamilienhaus im Alter auf eigene Kosten komplett zu sanieren. Was die europäische Gebäuderichtlinie tatsächlich vorschreibt, ist eine schrittweise Verbesserung des gesamten Gebäudebestands auf Ebene der Mitgliedstaaten. Deutschland hat diese Vorgaben 2026 mit dem Gebäudemodernisierungsgesetz in nationales Recht übersetzt. Was sich 2026 alles ändert.
Der individuelle Zwang fehlt also. Was sich trotzdem verschiebt, ist der Maßstab, an dem der Markt ein Haus misst: Energieeffizienz wird zum Preisargument, unabhängig davon, ob eine Sanierungspflicht besteht oder nicht.
Lange haben sich die Bergers gefragt, was ihr Haus wert ist. Interessanter ist eine andere Zahl: Was kostet es sie, hier noch 15 Jahre zu wohnen? Wer mit 74 in einem großen Haus lebt, sollte die absehbaren Investitionen der nächsten zehn Jahre kennen, nicht nur den aktuellen Marktwert. Die Heizkosten. Was passiert, wenn als Nächstes das Dach dran ist.
Und dann bleibt noch eine unbequemere Frage übrig: Ob man mit 80 wirklich noch 165 Quadratmeter und einen Garten bewirtschaften will. Bei manchen lautet die Antwort Ja, und das ist völlig in Ordnung. Bei Ingrid Berger kam sie erst nach der Heizungsrechnung, leiser: Eigentlich nicht mehr.
Wer daraus den Schluss zieht, Haus verkaufen und alles in einen ausschüttenden ETF stecken, um von den Dividenden die Miete zu zahlen, macht es sich zu einfach. Kurse schwanken, Ausschüttungen sind nicht garantiert, und ein Depot kann ausgerechnet dann fallen, wenn man das Geld gerade braucht. Wichtiger als die Frage, ob ein Fonds ausschüttet, ist die Frage, wie viel Geld man im Ruhestand tatsächlich braucht, wie lange es reichen muss und wie viel Risiko dabei vertretbar ist. Das klingt weniger nach „finanzieller Freiheit“, ist dafür aber realistischer.
Ähnliche Vorsicht gilt für den Teilverkauf oder andere Formen der Immobilienverrentung, für alle, die im Haus bleiben wollen, aber trotzdem an Liquidität kommen möchten. Nutzungsentgelte, Gebühren und laufende Verpflichtungen können die auf den ersten Blick attraktive Auszahlungssumme relativieren – die Verbraucherzentrale warnt ausdrücklich davor, nur auf diese eine Zahl zu schauen.
Die Bergers besitzen etwas, das für viele jüngere Menschen kaum noch erreichbar ist: ein abbezahltes Haus. Das Problem entsteht nicht, weil dieses Vermögen zu wenig wert wäre. Es entsteht, weil es fast vollständig in einem einzigen, illiquiden Gut gebunden ist – genau in dem Moment, in dem große Sanierungen anstehen und das Einkommen sinkt.
Wer mit älteren Häusern in dieser Lage ist, sollte deshalb nicht warten, bis die nächste Handwerkerrechnung die Entscheidung erzwingt. Behalten und sanieren, verkleinern oder einen Teil des Vermögens anders nutzen – wer diese Frage mit 60 stellt, hat mehr Optionen als jemand, der erst mit 70 anfängt, darüber nachzudenken.
Die Bergers haben sich inzwischen für eine Energieberatung entschieden, um durchrechnen zu lassen, was eine Sanierung wirklich kostet – und was eine kleinere Wohnung im Ort bringen würde. Eine Antwort haben sie noch nicht. Aber immerhin die richtige Frage gestellt.
Ihr Haus soll Ihnen im Alter dienen. Nicht umgekehrt.
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