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INTERVIEW - «Der Verband war in einem entsetzlichen Zustand»: Der oberste Chef der Leichtathletik gewährt düstere Einblicke in die Sportpolitik

Дата публикации: 10-09-2026 03:30:00

Der World-Athletics-Präsident Sebastian Coe erklärt, wie er die Leichtathletik von Grund auf reformierte und warum er im Rennen um die Präsidentschaft beim IOK chancenlos war. Am Wochenende betritt er mit der Erstaustragung der Ultimate Championships Neuland.

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Interview

«Der Verband war in einem entsetzlichen Zustand»: Der oberste Chef der Leichtathletik gewährt düstere Einblicke in die Sportpolitik

Der World-Athletics-Präsident Sebastian Coe erklärt, wie er die Leichtathletik von Grund auf reformierte und warum er im Rennen um die Präsidentschaft beim IOK chancenlos war. Am Wochenende betritt er mit der Erstaustragung der Ultimate Championships Neuland.

10.09.2026, 05.30 Uhr

8 Leseminuten


Vom Olympioniken übers britische Unterhaus zum obersten Chef der Leichtathletik: Sebastian Coe bringt so einiges an Erfahrung mit.

Vom Olympioniken übers britische Unterhaus zum obersten Chef der Leichtathletik: Sebastian Coe bringt so einiges an Erfahrung mit.

Rebecca Marshall / Laif

Frage: Wir treffen uns um 10 Uhr morgens. Haben Sie heute schon Sport gemacht?

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Antwort: Sebastian Coe: Gerannt bin ich nicht, aber ich war im Gym. Ich mache weiterhin jeden Tag eine Stunde Sport: Laufen, Velofahren oder Krafttraining. Eigentlich sollte ich auch mehr Stretching machen, aber das ist mir offen gestanden zu langweilig.

Frage: Sie sind seit elf Jahren Präsident von World Athletics. Bisweilen wirkt es, als befänden Sie sich immer noch permanent im Wettkampfmodus.

Antwort: Als ich das Amt in Monaco antrat, war der Verband in einem entsetzlichen Zustand. In den ersten vier Jahren ging es zunächst einmal darum, funktionierende Strukturen aufzubauen. Ich musste die Macht des Präsidenten begrenzen. Es brauchte neue Statuten, einen neuen Vorstand, funktionierende Komitees zur Risikoüberwachung, zur Buchprüfung und zur Vergütung. Und natürlich die Athletics Integrity Unit; sie stellt jetzt sicher, dass Antidoping-Verfahren ohne die Einflussnahme nationaler Verbände und Politiker stattfinden. Ich musste bei World Athletics zunächst einmal das Feuer löschen.

Frage: Um es noch konkreter zu formulieren: Der Leichtathletik-Weltverband hatte bis 2015 ein massives Korruptionsproblem.

Antwort: Ich möchte betonen: Nur eine Handvoll Personen verhielt sich korrupt. Nicht der gesamte Verband. Die grosse Mehrheit der Angestellten von World Athletics war nicht kriminell. Sie gaben unter einer schlechten Chefetage ihr Bestes.

Ehemaliger Weltklasseläufer

eva. Der 1956 geborene Brite Sebastian Coe stellte als Mittelstreckenläufer acht Weltrekorde auf und gewann 1980 sowie 1984 olympisches Gold über 1500 Meter. Coe sass für die Tories im Unterhaus und organisierte die Sommerspiele 2012 in London. Seit 2015 ist er Präsident des Leichtathletik-Weltverbands World Athletics; 2027 wird er wegen der Amtszeitbeschränkung zurücktreten.

Frage: Wie ging es nach den ersten vier Jahren weiter?

Antwort: Im zweiten Drittel meiner Amtszeit mussten wir sicherstellen, dass alles funktionierte wie aufgegleist, und unsere Reputation wiederherstellen. Erst in den letzten vier Jahren meiner Präsidentschaft, von denen noch eines übrig ist, kann ich wirklich über neue Formate wie die Ultimate Championships nachdenken, die an diesem Wochenende in Budapest stattfinden. Ich hätte das gerne früher gemacht, aber wenn ich in den ersten zwei oder drei Jahren über Innovationen gesprochen hätte, hätten Sie mich ausgelacht. Sie hätten gesagt: Ihr Schiff sinkt gerade, und Sie reden über neue Formate oder Preisgelder. Ich musste zwanzig- bis dreissigmal um die Welt fliegen, um den Vertretern unserer Mitgliedsverbände immer wieder zu erklären, warum der eingeschlagene Reformkurs wichtig ist. Heute sind wir sehr gut aufgestellt.

Sebastian Coe gewinnt 1980 seine erste von zwei olympischen Goldmedaillen über 1500 Meter.

Frage: Worauf sind Sie besonders stolz?

Antwort: Am stolzesten macht mich, dass in unserem Council Geschlechterparität herrscht: Dort sitzen 13 Männer und 13 Frauen. Die Leichtathletik hat sich sehr verändert, wir haben einen weiten Weg hinter uns.

Frage: War es positiv, dass Sie nicht Ihr ganzes Leben in Sportverbänden verbracht hatten?

Antwort: Es war wohl hilfreich. Die Leichtathletik war immer meine Passion, aber nach meinem Rücktritt als Athlet mit dreissig ging ich in die Politik, organisierte die Olympischen Spiele in London, wurde zum Firmengründer. Der Blick von aussen half mir, Dinge zu hinterfragen: Warum sitzen nur so wenige Frauen in unserem Council? Warum haben wir keine Buchprüfung und keine Finanzkomitees? Warum treffen wir Entscheide, die geheim bleiben? Warum tun wir Dinge, die niemand versteht? Der Sport ist in vielen Dingen hinterher.

Frage: Zynische Beobachter sind der Meinung, eine Kultur der Kumpanei gehöre in grossen Sportverbänden einfach dazu. Sie waren vom Anspruch getrieben, das Gegenteil zu beweisen. Hat sich das als schwerer entpuppt als erwartet?

Antwort: Wenn etwas falsch ist, bleibt es falsch, selbst wenn es alle tun. Es stimmt: Manche unserer Entscheide waren unpopulär. Das ist wohl der Grund, warum ich hier sitze und nicht in Lausanne.

Frage: Sie sprechen die Präsidentschaftswahl beim Internationalen Olympischen Komitee (IOK) im Frühjahr 2025 an. Sie hatten sich intensiv um den Posten bemüht, erhielten im ersten Wahlgang aber lediglich acht Stimmen.

Antwort: Es waren sogar nur sieben, die achte Stimme kam von mir selbst.

Frage: Lag die geringe Zustimmung daran, dass Sie sich auch im IOK-Wahlkampf für Reformen ausgesprochen hatten?

Antwort: Möglicherweise war das so. Aber ich wollte mir treu bleiben. Ich wollte nicht am Tag nach der Wahl mit dem Gefühl aufwachen, aus taktischen Gründen Dinge gesagt zu haben, die mir nicht entsprochen hätten. Und es ist doch interessant: Einige Dinge, die ich thematisiert hatte, werden jetzt umgesetzt. Die neue IOK-Präsidentin Kirsty Coventry macht einen guten Job. Sie hat frischen Wind in die Organisation gebracht. Unter ihr finden nun Diskussionen über Zukunftsfragen statt, die schon seit Jahren angebracht gewesen wären. Unter ihrem Vorgänger Thomas Bach gab es sie nicht.

Sebastian Coe bei Weltklasse Zürich am 15. August 1979. Er ist daran den Weltrekord über 1500 m mit einer Zeit von 3:32,03 Minuten zu brechen.

Sebastian Coe bei Weltklasse Zürich am 15. August 1979. Er ist daran den Weltrekord über 1500 m mit einer Zeit von 3:32,03 Minuten zu brechen.

Keystone

Frage: Was meinen Sie konkret?

Antwort: Wir haben uns in der Leichtathletik sehr dafür starkgemacht, die Kategorie des Frauensports zu schützen. Jetzt bewegt sich auch das IOK in diese Richtung. Ausserdem gibt es neu einen Fonds, der Athleten finanziell unterstützt, damit sie ihre Karrieren fortsetzen können. Das ist kein Preisgeld, welches wir präferieren würden, aber dennoch ein Schritt in die richtige Richtung. Ich bin auch nicht so arrogant, dass ich behaupten würde, immer recht zu haben. Ich versuche stets, über die europäische Perspektive hinaus zu denken. Mein Grossvater war Inder, meine Mutter ist in Indien aufgewachsen. Man sollte die Welt nicht mit einem Teleskop aus London, Paris oder Zürich beobachten, wenn man eine Sportart globalisieren möchte.

Frage: Das klingt versöhnlich, doch vor der Wahl der Simbabwerin Coventry wurde mit harten Bandagen gekämpft. Geht es in den Institutionen des Sports ähnlich rau zu wie in der klassischen Politik?

Antwort: Als ich 2024 trotz Widerstand des IOK entschied, Olympiasiegern in der Leichtathletik Preisgelder auszuzahlen, passierte etwas Interessantes. Ein einflussreicher Marketingexperte sagte, er habe bisher gedacht, ich sei ein guter Politiker. Jetzt wisse er, dass das Gegenteil der Fall sei. Das war für mich eine aufschlussreiche Erkenntnis: Das Erwartbare zu tun und die Herde nicht zu verlassen, ist also gute Politik. Das Richtige zu tun und dabei vom Konsens abzuweichen, ist dagegen schlechte Politik. Was für eine düstere Einstellung. Was für eine Art, durchs Leben zu gehen.

Frage: Um die Leichtathletik attraktiver zu gestalten, haben Sie viele Ideen ausprobiert und wieder verworfen, etwa den Absprung innerhalb einer Zone im Weitsprung. An den Ultimate Championships von Freitag bis Sonntag betreffen die Innovationen nun eher die Präsentation. Sind die Leichtathleten zu konservativ?

Antwort: Leichtathleten sind konservativ, wohl aus gutem Grund. Doch es ergibt keinen Sinn, bloss hier und da ein wenig nachzubessern. Wir wissen zum Beispiel, dass die Leute den Weitsprung nicht schauen, wollten ihn jedoch nicht einfach streichen, sondern aufmischen. Bei den Ultimate Championships müssen wir eine Balance meistern: Wir wollen nicht unsere treusten Fans vergraulen, aber es gibt da draussen Zielgruppen, mit denen wir uns in den Traditionssportarten noch gar nicht beschäftigen.

Frage: Welche?

Antwort: Unsere Konkurrenz ist nicht das Schwimmen, sondern der E-Sport. Ich war kürzlich in Paris am Weltcup. Die füllten sieben Wochen lang Stadien, Hunderte Millionen streamen die Wettbewerbe. Wir können nicht einfach dasitzen und so tun, als wäre es von Bedeutung, dass die Leichtathletik ein paar Fans in den USA hinzugewonnen hat.

Frage: Woher wissen Sie, dass niemand den Weitsprung schaut?

Antwort: Für die WM 2023 in Budapest haben wir eine Innovation Unit ins Leben gerufen. Sie begann mit Publikumsumfragen und nutzte technische Möglichkeiten, um zu verstehen, was die Menschen im Stadion oder vor dem Fernseher begeistert. Es gibt Disziplinen, bei denen die Leute zu Hause aufstehen, um etwas anderes zu tun, und dann nicht mehr vor den Fernseher zurückkehren. Wir statteten die Leute im Stadion mit Pulsmessern aus, um ihre Reaktionen zu messen. Oder wir analysierten nach Sitzplatz im Stadion, wann die Menschen emotional mitgingen. Die Resultate beeinflussten die Planung der Ultimate Championships.

Frage: Wer hat diese nun entwickelt?

Antwort: Ein Team von rund zwanzig Leuten, das seit zwei Jahren dran ist. Mit einem robusten Businessplan. Es ist ein neues Modell für die gastgebende Stadt, das über den Sport hinausgeht. Die Frage lautet: Wie attraktiv können wir unsere Veranstaltungen für die Städte machen? Diese haben städtische oder lokale Ziele, die oft mit gesundheitlichen und sozialen Zielen im Einklang stehen. Wir müssen als Sportart viel stärker darauf achten, worin diese Herausforderungen bestehen und wie wir unseren Sport in ihren Dienst stellen können. Budapest etwa wird alle Ticketerlöse behalten.

Frage: Dafür muss der Veranstalter für das Rekordpreisgeld von 10 Millionen Dollar aufkommen. Wer kann sich das leisten?

Antwort: Das ist Teil des Budgets und schreckt die Leute nicht ab. Wir haben bereits ernsthafte Interessenten für die nächste Austragung 2028. Und wir wollen den Städten grössere Anreize bieten, Meisterschaften durchzuführen. Momentan lohnt es sich für sie noch zu wenig. Dennoch haben wir vier starke Kandidaturen für die WM 2029 und 2031, was ein gutes Zeichen für Wachstum ist.

Frage: Wie muss Budapest ablaufen, damit Sie von einem Erfolg sprechen?

Antwort: Die Leute sollen denken: Das hat anders ausgesehen, sich anders angefühlt, aber es war nicht fremd. Wir sollten über unseren Sport mehr wie über eine Marke denken. In der Markenentwicklung gibt es drei Phasen. Das Bewusstsein: Ich kenne dich. Dann die Zuneigung: Ich mag dich. Und die Intimität: Du spiegelst mich. Wir haben viele Menschen in der zweiten Phase, die die Leichtathletik mögen. Ich hoffe, dass die Ultimate Championships in der dritten Phase etwas bewegen, uns helfen, uns als Individuen durch den Sport auszudrücken. Aber Ultimate ist auch für die Athleten ein ganz anderes Modell.

Frage: Inwiefern?

Antwort: Neben dem höheren Preisgeld werden sie ihre eigenen Marken und Anliegen bewerben können, was sonst viel zu strikt kontrolliert ist, vor allem um die Olympischen Spiele herum. Die Athleten können ihre eigenen Content Creators mitbringen, auch wenn wir unsere Partner schützen werden. Das ist ein praktikabler Weg, um die Athleten als Partner einzubeziehen.

Frage: Was ist sonst noch neu?

Antwort: Optisch wird der Wettkampf anders aussehen. Der Fokus liegt auf einzelnen Disziplinen. Ein Hochspringer muss nicht warten, bis die Bahn frei ist für seinen Anlauf. Die Lichtinszenierung ist neu, es gibt ein Show-Skript statt eines Zeitplans. Nicht alles davon wird funktionieren. Aber es wird genug geben, das wir von den Ultimate in die Weltmeisterschaften mitnehmen können, um auch diese interessanter zu gestalten. Ich möchte, dass die Leute die Leichtathletik nicht passiv konsumieren, sondern denken: Das war eine aussergewöhnliche Erfahrung.

Frage: Es gab andere neue Konzepte wie den Grand Slam Track von Michael Johnson, die gescheitert sind.

Antwort: Ich habe ihn ebenso ermutigt wie andere Organisatoren, innovativ zu sein. Wir sind auf dem richtigen Weg, wenn Menschen bereit sind, in unseren Sport zu investieren. Das hat zu Beginn meiner Präsidentschaft niemand getan. Aber es muss einen soliden Businessplan geben und einen wasserdichten Plan B. Man darf die Athleten auf keinen Fall in einer prekären Lage lassen, und Johnsons Businessplan tat dies. Man muss liefern. Wir arbeiten seit drei Jahren an den Ultimate, und diese dauern gerade einmal dreimal drei Stunden.

Frage: Weshalb schafft es die Leichtathletik nicht, mehr globale Stars hervorzubringen? Armand Duplantis zum Beispiel ist sehr beliebt, aber kein globaler Star.

Antwort: Er ist ein Weltstar, egal, welchen Massstab man anlegt. Wir haben heute mehr Athleten unter den zwanzig bekanntesten Sportpersönlichkeiten der Welt als je zuvor. Man kann das Usain-Bolt-Phänomen leicht falsch einordnen. Die häufigste Frage, die mir früher gestellt wurde, war: «Was machen wir, wenn Bolt nicht mehr da ist?» Aber ich glaube nicht, dass wir unbedingt nach einem neuen Bolt suchen sollten. Wenn man sich das Talent anschaut, das wir da draussen haben – die Karsten Warholms, die Noah Lyles, die Faith Kipyegons, die Mondo Duplantis –, dann bin ich optimistischer als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren, was unsere Präsenz und den Nachwuchs angeht.

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Erstmals wird eine Frau Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees. Problematisch ist nicht nur ihre politische Tätigkeit. Ihre Pläne, wie den grossen Herausforderungen des Sports zu begegnen ist, sind viel zu vage.

Im März wählt das Internationale Olympische Komitee einen neuen Präsidenten, und der oberste Leichtathletik-Funktionär Sebastian Coe wäre Favorit – gäbe es nicht diverse Bösartigkeiten.

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