Der Captain des Nationalteams räumt seinen Impfbetrug ein. Auf den Schweizerischen Fussballverband warten komplizierte Wochen.
Der Captain des Nationalteams räumt seinen Impfbetrug ein. Auf den Schweizerischen Fussballverband warten komplizierte Wochen.
22.09.2026, 18.53 Uhr
7 Leseminuten

Jöran Steinsiek / Imago
Am Montagmorgen ergreift Granit Xhaka die Flucht nach vorn, der Captain des Fussballnationalteams geht an die Öffentlichkeit. Er gesteht, dass er sich nicht gegen Covid-19 hat impfen lassen und stattdessen ein gefälschtes Covid-Zertifikat erworben hat. Der Vorfall liegt vier Jahre zurück. Jetzt ist die Zeit der Täuschung vorbei.
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In einem Instagram-Post nennt der 33-Jährige sein damaliges Vorgehen einen «Fehler». Er sei damals im Zusammenhang mit der Covid-19-Impfung stark verunsichert gewesen und habe grosse Bedenken gehabt: «Ich empfand tiefes Misstrauen gegenüber dem Impfstoff und war von Ängsten und Verunsicherung geprägt.»
In dieser Situation habe er «eine Impfbescheinigung erworben, anstatt meine offenen Fragen auf dem vorgesehenen Weg zu klären», schreibt Xhaka in seinem Statement, das in seiner Aufmachung an eine Todesanzeige gemahnt. Es ist ein seltsamer Euphemismus für Impfbetrug. Aber der Fussballer gibt sich reumütig und schreibt, er werde vollumfänglich mit den Behörden kooperieren.
Xhaka hat innert wenigen Tagen einen bemerkenswerten Kurswechsel vollzogen. Die Chronologie:
Freitag, 18. September 2026Am Freitag war bekanntgeworden, dass gegen Xhaka eine Strafuntersuchung laufe – die Luzerner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen der «möglichen Erschleichung einer falschen Beurkundung oder/und Urkundenfälschung». Das gefälschte Covid-Zertifikat soll eine Ärztin aus Luzern ausgestellt haben, deren Praxis bereits 2023 durchsucht worden sei. Diversen Kunden soll sie solche Impfbescheinigungen ausgestellt haben.
Die Meldung verbreitete sich rasant. Und Xhaka war offensichtlich vorbereitet. Er wusste um den potenziellen Schaden, den das Publikwerden der Ermittlungen gegen ihn anrichten würde. Also legte er sich eine Verteidigungsstrategie zurecht.
Freitagabend und Samstag, 19. September 2026Xhaka engagierte eigens einen Sprecher für diese Causa: den auf Krisenkommunikation spezialisierten PR-Mann Andreas Bantel, der einst unter anderem Mandate im Umfeld des Weltfussballverbands (Fifa) hatte.
Dessen anfängliche Verteidigungsstrategie? An der Version festhalten, wonach Granit Xhaka eine Impfbestätigung der Ärztin vorliege. Auf dem Dokument stehe, dass Xhaka am 25. Januar 2022 ein erstes Mal und am 8. November desselben Jahrs ein zweites Mal geimpft worden sei. So sagte Bantel es am Freitagabend zunächst dem «Blick» und tags darauf der NZZ.
Doch die Strategie, an der Täuschung festzuhalten, implodierte in weniger als drei Tagen. Auch, weil Bantel sich kommunikative Unzulänglichkeiten leistete. So nannte er zunächst ein anderes Datum für den zweiten Impftermin als das auf dem Covid-Zertifikat vermerkte.
Zudem gab es Ungereimtheiten. Nach seiner ersten Infektion am 1. September 2021 wurde Xhaka am 9. Januar 2022 ein zweites Mal positiv auf das Coronavirus getestet. Eine Impfung nur 16 Tage nach der Infektion? Höchst unplausibel, entwickelt der Körper nach Ausbruch des Virus doch selbst Antikörper.
Und auch das zweite Datum warf Fragen auf. Der FC Arsenal, Xhakas damaliger Klub, absolvierte im Zeitraum zwischen dem 3. und dem 12. November 2022 drei Spiele in London und eines in Birmingham. Xhaka kam in drei Partien davon zum Einsatz, so auch am 9. November im League Cup gegen Brighton & Hove Albion. Und einen Tag vorher soll er – inmitten des dicht getakteten Spielplans – in Luzern gewesen sein?
Sonntag, 20. September 2026Obwohl der Druck immer grösser wurde, erweckte Xhaka am Sonntagabend noch den Eindruck, als ob ihn die Angelegenheit nicht gross kümmere. Von der NZZ nach dem Auswärtsspiel gegen Manchester City zur Angelegenheit befragt, entgegnete er: «Kein Kommentar.» Und gab sich abgeklärt: «Ich hatte schon schlimmere Sachen.»
Doch unmittelbar danach muss einiges in Gang gekommen sein.
Montag, 21. September 2026Am Montagmorgen gestand Xhaka den Betrug in einer Instagram-Story. Nach seinem Geständnis könnte es nun zu einem verkürzten Verfahren kommen, das mit einem Strafbefehl und einer Geldstrafe endet.

Screenshot granitxhaka
Wenige Minuten nach Xhakas Bekenntnis auf Instagram verschickte der SFV eine Medienmitteilung. «Granit Xhaka hat uns gestern Abend über den Sachverhalt informiert und uns gleichzeitig gesagt, dass er sich öffentlich dazu äussern und Verantwortung übernehmen werde», lässt sich der SFV-Präsident Peter Knäbel darin zitieren.
Im Communiqué steht auch, dass Xhaka nicht mit dem Nationalteam ins Trainingscamp nach Belek in der Türkei reise. Dort bereitet sich die Equipe von Murat Yakin auf die bevorstehenden Spiele in der Nations League gegen Nordmazedonien, Schottland und Slowenien vor. Der Entscheid, dass Xhaka dem Team fürs Erste fernbleibt, sei «in einem Gespräch zwischen Xhaka und der SFV-Verbandsführung gemeinsam getroffen» worden, wie der Verband bekräftigt.
Das SFV-Communiqué endet mit dem Satz des Präsidenten Knäbel, dass man nach dem Abschluss des Länderspielfensters die Situation «neu beurteilen und das weitere Vorgehen besprechen» werde. Es ist ein Satz, der vieles offenlässt. Von einer Zukunft als Captain der Nationalmannschaft bis zum Rücktritt.
Doch je mehr sich die SFV-Vertreter an diesem Tag zum Thema äussern, desto mehr stärken sie Xhaka den Rücken.
Als Knäbel später in Belek Interviews gibt, beantwortet er die Frage, ob ein Rücktritt Thema gewesen sei, mit Nein. Und als er gefragt wird, ob Xhaka als Captain noch tragbar sei, antwortet der Präsident, dass Xhaka wie ein Captain reagiert habe. Und dass man alles andere «noch besprechen» werde. Spieler mit «Ecken und Kanten», sagt Knäbel noch einmal, seien ausdrücklich erwünscht.

Urs Flüeler / Keystone
Später findet Pierluigi Tami, der Nationalmannschaftsdirektor, sogar einen Weg, Xhaka zu loben: Fehler würden alle machen, sagt er. Wichtig sei es, diese zuzugeben. Und schliesslich: «Ich schätze seine Reaktion sehr.»
Wer auf Worte der Kritik am Verhalten des Captains vonseiten des SFV wartet, wartet vergeblich. Dennoch stehen dem Verband komplizierte Wochen bevor. Weil der Fall Xhaka polarisiert und entlang der alten Pandemiegräben kaum jemanden kaltlässt. Und weil es schliesslich nicht die Situation von irgendjemandem ist, die da «neu beurteilt» werden soll, wie es der Präsident Knäbel formuliert. Sondern die von Xhaka, dem Captain und dem Spieler, der den Schweizer Fussball geprägt hat wie keiner vor ihm.
Der 33-Jährige hat 152 Länderspiele absolviert, mehr als jeder andere Nationalspieler. Seit er der Captain des Teams ist, hat es drei Mal geschafft, was ihm vorher in der Neuzeit noch nie gelungen ist: Es ist an Endrunden in Viertelfinals eingezogen. 2021 und 2024 an der EM, 2026 an der WM.
Und sosehr Xhaka über die Jahre polarisiert hat, mit Doppeladlern, gefärbten Haaren und anderem mehr: Dem Nationalteam war er stets ein Anführer, wie es ihn vorher noch nie hatte, weil er unbequem war, sich aber auch immer viel auflud – und voranging. Das war auch an der WM im Sommer so, als die Schweizer vor dem Turnier oft davon berichteten, die beste WM der Geschichte spielen zu wollen, dann aber im letzten Testspiel vor der WM gegen Australien und im ersten Gruppenspiel gegen Katar jeweils nur 1:1 spielten.
Xhaka meinte nach dem missglückten Auftakt, dass jeder reden könne, «aber wir müssen auch machen». Zwar gab es danach Berichte, laut denen Xhakas Auftritte auf die Stimmung im Schweizer Team drückten. Aber bald gewannen die Schweizer, und sie scheiterten erst im Viertelfinal gegen Argentinien in der Verlängerung.
Auf Yakin wartet eine schöne HerausforderungDie eine Frage, mit der sich der SFV nun bald befassen muss, geht so: Kann ein Fussballer, dem eine Verurteilung wegen Urkundenfälschung droht, der zudem ein Lügengebäude zimmern liess, das in Rekordzeit implodierte – kann dieser Fussballer noch Captain der Schweizer Nationalmannschaft sein?
Es klang am Montag nicht so, dass die Antwort der SFV-Verantwortlichen darauf Nein lauten wird. Aber ausgeschlossen haben sie es auch nicht.
Das wiederum führt zu einer weiteren Frage: nämlich der, ob es einen Nationalspieler Granit Xhaka überhaupt geben kann ohne die Captainbinde. Und wenn die Antwort in der Theorie Ja heissen würde: wie das alles dann in der Praxis aussehen würde. Also etwa: wer unter Xhaka den Captain geben würde.
Die Akte Xhaka ist heikel. Und der SFV muss sich ihr in einem heiklen Moment widmen, weil er sich selbst gerade neu sortiert. In der Medienmitteilung vom Montagmorgen äusserte sich der Präsident Peter Knäbel zu dem Fall; später trat Pierluigi Tami in Belek an der offiziellen Pressekonferenz vor die Medien. Er tat das in seiner Funktion als Nationalmannschaftsdirektor, von der er sich eigentlich schon nach dem WM-Aus im Sommer verabschiedet hatte.
Tami wollte eigentlich in Pension gehen. Aber jetzt ist der Tessiner immer noch und bis zum Ende des Länderspieljahrs da, weil ihn Marinko Jurendic darum gebeten hat. Jurendic ist seit Mitte August der Chief Sports Officer im SFV. Die Funktion gab es vorher nicht, sie wurde im Zug einer Neuorganisation eingeführt und ist eine Erfindung des SFV-Präsidenten Knäbel.
Für Jurendic bringt sie eine grosse Machtfülle, weil er die bisherigen Direktionen Entwicklung, Nationalmannschaften und Frauenfussball verantwortet. Doch wie die Aufgaben und Kompetenzen künftig verteilt werden sollen, insbesondere bei der Führung der Nationalmannschaften, ist noch offen. Das wurde klar, als Jurendic sich Anfang Monat erstmals zu seinen Plänen äusserte.
Wer gibt nun in der Causa Xhaka die Richtung vor – Tami, der Nationalmannschaftsdirektor, der eigentlich schon pensioniert war? Jurendic, der neue starke Mann, der sich bisher nicht geäussert hat in der Angelegenheit? Oder Knäbel, der Präsident?
Und irgendwann wird sich auch Murat Yakin, der Nationaltrainer, zu Xhaka äussern; das dürfte am Freitag passieren, wenn er in Skopje spricht, vor dem Nations-League-Auftakt gegen Nordmazedonien.
Yakin hat sich in der Vergangenheit wenig Mühe gegeben, seine Geringschätzung für den Wettbewerb zu verbergen. Aber jetzt halten die vier Spiele gegen Nordmazedonien, Schottland, Slowenien und erneut Nordmazedonien in den nächsten Wochen eine schöne Herausforderung für den Nationaltrainer bereit: die nämlich, ein Nationalteam ohne Xhaka zu bauen. Zumindest vorübergehend.
Dienstag, 22. September 2026Die Ärztin von Xhaka widerspricht dem Fussballer. Im «Blick» erklärt Andrea L.: «Ich habe ihn korrekt geimpft.» Das Zertifikat, das sie dem Fussballspieler ausgestellt habe, entspreche der vollen Wahrheit. Es ist eine überraschende Wende im Fall Xhaka. Ihre Praxis sei nicht geschlossen, sagt sie. Die Journalisten beschreiben sie als müde und gestresst. «Das Geschehen der letzten Tage ist überraschend und gleichzeitig belastend», sagt sie. «Ich hoffe, dass sich das Ganze bald zum Positiven löst.»
«Granit Xhaka hat sich Anfang 2022 an uns gewendet, um ein Covid-Zertifikat zu bekommen.» Er habe berichtet, dass er Anfang 2021 bereits an Covid erkrankt gewesen sei. «Weil er bereits Antikörper besass, war die erste Impfung als Booster vorgesehen», so die Ärztin. Es sei lediglich eine Impfung nötig gewesen. Sie habe ihm darauf das Zertifikat ausgestellt.