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Besucherrekorde trotz Weinkrise: Das überraschende Geschäft von Mallorcas Bodegas mit den Urlaubern

Дата публикации: 18-10-2026 04:08:02

Graue Wolken verhängen den Himmel, hier im Nordosten von Binissalem. Wie ein Schleier hängen sie vor der Tramuntana. Zwischenzeitlich fallen ein paar Tropfen. Der Herbst scheint so langsam anzufangen auf Mallorca. Es ist einer dieser Tage, an denen Jaume Vidal Fàbregues schon beim Aufstehen weiß, dass mehr Arbeit anstehen wird. „Wenn kein Strandwetter ist, kommen immer mehr Leute zu uns als sonst.“ Vidal ist für die Besuche im Weingut Tianna Negre verantwortlich.

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Graue Wolken verhängen den Himmel, hier im Nordosten von Binissalem. Wie ein Schleier hängen sie vor der Tramuntana. Zwischenzeitlich fallen ein paar Tropfen. Der Herbst scheint so langsam anzufangen auf Mallorca. Es ist einer dieser Tage, an denen Jaume Vidal Fàbregues schon beim Aufstehen weiß, dass mehr Arbeit anstehen wird. „Wenn kein Strandwetter ist, kommen immer mehr Leute zu uns als sonst.“ Vidal ist für die Besuche im Weingut Tianna Negre verantwortlich.

Das Herzensprojekt der Familie Morey-Garau, die vor allem für den Kräuterlikör Túnel bekannt ist, wurde 2007 gegründet und ist unter anderem für seine „Ses Nines“-Weine bekannt. Zwei Jahre später begann man, Besuchern die Winzerei zu zeigen und sie mit Weinproben zu verköstigen.

Isa und Michael Schulz sind bereits zum zweiten Mal hier. Das Ehepaar aus der Nähe von Frankfurt hat eine Ferienimmobilie in Portocolom und erkundet leidenschaftlich gerne die Weingüter der Insel. Sie haben Michaels Bruder und seine Frau mitgebracht, die zu Besuch sind. Rund 40 Minuten werden sie in fließendem Deutsch von Laura Berhitu herumgeführt, bekommen Rebsorten, Gärprozess und Lagerung erklärt. „Wir haben dieses Weingut ganz bewusst ausgewählt“, erklärt Michael Schulz bei der anschließenden Weinverkostung. „Es ist, als ob man in ein Wohnzimmer kommt. Keine Massenabfertigung, hervorragender Geschmack, gute Qualität.“

Ein junges Phänomen

Weintourismus ist ein vergleichsweise junges Phänomen auf Mallorca. „Erst seit zehn bis 15 Jahren hat sich dieses Modell auf der Insel entwickelt“, erklärt Mateu Morro, Vorsitzender des Regulierungsrats für Wein, Vi de la Terra de Mallorca. „Richtig an Bedeutung gewonnen hat er aber erst in jüngerer Zeit.“ Die Bedeutung für die Branche sei aber nicht zu verkennen, gerade im Kontext der Absatzschwierigkeiten, mit denen Winzer weltweit zu kämpfen haben. „Rund zehn Prozent des Umsatzes wird durchschnittlich durch die Besuche generiert. Bei manchen Bodegas sind es sogar bis zu 40 Prozent.“

Jaume Vidal Fàbregues von Tianna Negre.

Jaume Vidal Fàbregues von Tianna Negre. / Nele Bendgens

Rund zehn Autominuten südwestlich von Tianna Negre entfernt, liegt der Hauptsitz der Bodega Ribas in Consell. Das älteste Weingut der Insel stammt aus dem Jahr 171 1 und ist immer noch familiengeführt. Vor acht Jahren hat das Unternehmen die bis dahin noch eher sporadischen Winzereibesuche professionalisiert. „Dieses Jahr werden wir fast eine Million Euro Umsatz erreichen“, erklärt Josep Juhé, Sommelier bei Bodega Ribas, der die Gäste herumführt. „Und das ausschließlich mit Weintourismus und dem Direktverkauf im Laden.“

Die Besucher bei Bodega Ribas können zwischen drei verschiedenen Paketen wählen, die 34, 49 oder 58 Euro pro Person kosten. Darin ist der Besuch der Winzerei sowie eine Weinprobe mit vier Weinen inbegriffen. „Den Unterschied bei den Preisen macht das Essen aus, das dazu serviert wird“, erklärt Juhé. Auf den Teller kommen hauptsächlich mallorquinische Spezialitäten. Darüber hinaus gibt es auch die Möglichkeit, private Führungen zu buchen, die individuell an die Wünsche der Kunden angepasst werden. Die Führungen müssen im Vorfeld gebucht werden. Wer eine einfache Weinprobe machen will, kann spontan vorbeikommen und für 12 Euro drei Weine kosten.

Von Montag bis Freitag gibt es täglich drei Führungen bei Bodega Ribas, zwei auf Englisch und eine auf Deutsch. Samstags kommen eine Führung auf Spanisch und eine weitere auf Englisch hinzu.

Erfolg durch Google und KI

Werbung mache man kaum für die Besuche, erklärt Juhé. „Die meisten kommen zu uns, weil sie auf Google nach Weingutbesuchen suchen und wir gute Bewertungen haben. Seit vergangenem Jahr kommen auch immer mehr Kunden, denen ein Besuch bei und von ChatGPT oder einer anderen KI empfohlen wurde.

Kaum jemand komme nach Mallorca, um explizit Weingüter zu besuchen, sagt Juhé. „Höchstens drei oder vier Sommeliers im Jahr.“ Vielmehr sei der Weintourismus ein Element, das man in seine Urlaubsplanung einbaut.“ 60 Prozent der Besucher bei Bodega Ribas seien mittlerweile US-Amerikaner. Bei den privaten Besuchen liege der Anteil sogar bei rund 90 Prozent. „Häufig sind das Paare auf Hochzeitsreise. Sie lassen sich Reisepakete von Agenturen zusammenstellen. Diese beinhalten einen Besuch bei uns.“ Die zweitstärkste Gruppe seien die Skandinavier und Briten mit jeweils rund 15 Prozent.

Jaume Vidal Fàbregues von Tianna Negre macht ähnliche Erfahrungen. Zwar seien die Deutschen immer noch eine der größten Besuchergruppen, aber die Interessierten von Übersee würden immer zahlreicher. Die Saison beginne meist im März. „In den Sommermonaten geht die Nachfrage allerdings zurück. Das liegt daran, dass es hier in der Inselmitte wahnsinnig heiß ist. Da gehen die Menschen lieber an den Strand oder bleiben im Hotel bei der Klimaanlage.“ Sobald es kühler wird, steigt auch die Nachfrage. Jetzt, im Oktober, herrscht Hochsaison.

Josep Juhé von der Bogeda Ribas.

Josep Juhé von der Bogeda Ribas. / Nele Bendgens

Man bemühe sich, die Führungen möglichst verständlich zu machen. „Ich lege großen Wert darauf, dass die Leute mir Fragen stellen.“ Obwohl die meisten Besucher Weinliebhaber sind, komme es immer wieder vor, dass sich die Menschen schämten, aus Angst, zu wenig über Wein zu wissen. „Vielleicht liegt das auch daran, dass frühere Generationen von Sommeliers oder Menschen aus der Weinwelt versucht haben, daraus ein extrem anspruchsvolles, kultiviertes Produkt zu machen. Fast so, als hätte man kein Recht, Wein zu trinken, wenn man nichts davon versteht. Dabei ist es genau umgekehrt. Was uns hilft, ist, dass die Menschen Freude daran haben, Wein zu trinken.“

Der Weintourismus funktioniere gut, weil er über die Verkäufe hinaus eine emotionale Verbindung zwischen dem Produzenten und dem Kunden herstelle, so Vidal. „Menschen, die schon hier waren, erkennen unsere Weine im Restaurant und bestellen sie. Und Menschen, die den Wein im Restaurant probiert haben, kommen deshalb hierher und wollen uns kennenlernen.“

Lösung für die Krise?

Um rund 14 Prozent ist der weltweite Weinkonsum im Jahr 2025 im Vergleich zu 2018 gefallen. Ob der Weintourismus eine Lösung für die Krise in der Weinbranche darstellt, sei nicht so sicher, sagt Vidal. „Wir empfangen mehr Menschen als je zuvor. Und das gilt nicht nur für uns bei Tianna Negre, sondern grundsätzlich für die Weingüter. Aber die Weinverkäufe wachsen nicht im selben Maße wie der Weintourismus.“

Die Gründe für diese Krise seien vielfältig, sagt Josep Juhé von Bodega Ribas. Der Markt sei stark gewachsen, gleichzeitig gibt es immer mehr Menschen, die ihren Alkoholkonsum reduzieren. „Auch wirtschaftlich haben die Menschen momentan weniger Spielraum. Und dann kürzt man zuerst bei Dingen, die man nicht wirklich braucht. Dazu gehört auch der Wein.“

Weintrinken mit Ambiente: die Bodega Ribas.

Weintrinken mit Ambiente: die Bodega Ribas. / Nele Bendgens

Derzeit sei die Situation auf Mallorca noch nicht dramatisch. „Unser Weintourismus funktioniert sehr gut, der mallorquinische Markt ist konsolidiert, und bei den Exportmärkten halten wir uns einigermaßen“, sagt Juhé. „Deshalb geht es uns nicht so schlecht. Aber die Sorge ist natürlich da: Vielleicht müssen auch wir irgendwann neue Exportmärkte erschließen oder stärker um andere Märkte kämpfen.“

Die vergleichsweise gute Situation sei nicht vom Himmel gefallen. Bei Bodega Ribas habe man viel investiert, an der Wiederentdeckung alter Rebsorten gearbeitet, Experimente gewagt und auch dafür gesorgt, dass den Besuchern bei den Rundgängen etwas geboten wird. So wurde ein Gebäude auf dem Gelände vom bekannten Architekten Rafael Moneo gestaltet, der in Palma das Miró-Museum entworfen hat.

Kulturgeschichte bewahren

Mateu Morro vom Regulierungsrat sieht bei den Investitionen eine Wechselwirkung. Denn es sei in vielen Bodegas der Fall, dass man Geld in die Hand nehme, um den Besuchern ein schönes Erlebnis in angenehmer Atmosphäre bieten zu können. Gleichzeitig führe dies dazu, dass alte Elemente in den Weingütern erhalten werden, die sonst vielleicht verloren gehen würden. „Hier werden kulturell und volkskundlich sehr wertvolle Objekte bewahrt. Das halte ich für eine positive Entwicklung.“ Man könnte auch sagen: Der Weintourismus als Weiterentwicklung des Massentourismus trägt dazu bei, Kulturgüter auf Mallorca zu erhalten, die eben jener Massentourismus durch die Verdrängung der Landwirtschaft in Bedrängnis gebracht hat.

Familie Schulz derweil ist bei Tianna Negra zufrieden mit dem Besuch. Auch wenn es die zweite Visite war, habe man Neues dazugelernt. Etwa, wie das Weingut mit eigens angefertigten, riesigen Amphoren bei der Weinlagerung experimentiert. Während des Rundgangs war ein Video zu sehen, in dem gezeigt wurde, wie die Gefäße in einem monatelangen Prozess Schicht für Schicht aus Ton hergestellt wurden. „Das fanden wir sehr besonders“, sagt Isa Schulz. „Auch weil es nachhaltiger ist als die Holzfässer.“

Dann wird der nächste Wein zur Verkostung gebracht. Und ein Teller mit mallorquinischer Gemüse-coca. Draußen ist es immer noch wolkig. Aber hier drin, in dem modernen Gebäude, das gleichzeitig als Hofladen und als Weinbar fungiert, entsteht ohnehin nicht der Drang, so schnell wie möglich wieder rauszukommen.

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