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Stichwahl in Brasilien | Brasilien: »Viele Menschen hassen Lula«

Дата публикации: 24-10-2026 11:13:00

Die Politilogin Sabrina Fernandes über die Anhänger des ultrarechten Flávio Bolsonaro, Entpolitisierung und Desinformation vor der Stichwahl.

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Der Unterstützung durch die Evangelikalen ist Flávio Bolsonaro sicher. Hier küsst er während der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum der Pfingstgemeinde »Assemblies of God Ministry of Madureira« eine Bibel.

Der Unterstützung durch die Evangelikalen ist Flávio Bolsonaro sicher. Hier küsst er während der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum der Pfingstgemeinde »Assemblies of God Ministry of Madureira« eine Bibel.

Foto: dpa/Bruna Prado

Am Sonntag steht die Stichwahl um Brasiliens Präsidentschaft an. Vor der ersten Runde lag die Arbeiterpartei PT und ihr Kandidat Lula da Silva lange bei Umfragen in Führung. Das Ergebnis war dann enttäuschend, der ultrarechte Flávio Bolsonaro lag vorn. Warum ist es dazu gekommen?

Das Wahlkampfteam von Lula scheint Flávio Bolsonaro unterschätzt zu haben. Er ist der Sohn des in Ungnade gefallenen ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro, der wegen eines Putschversuchs im Jahr 2023 verurteilt wurde und für Hunderttausende zusätzliche Todesfälle während der Covid-19-Pandemie in Brasilien verantwortlich ist. Die Vorstellung, dass der »Bolsonarismo« ausgedient habe und Flávio Bolsonaro nicht gerade der beliebteste Vertreter der extremen Rechten sei, könnte zu der Annahme beigetragen haben, dass Lula ein leichter Sieg bevorstünde. Zudem wurde Flávio Bolsonaro mit einem Korruptionsskandal in Verbindung gebracht, in dessen Mittelpunkt der Bankier Daniel Vorcaro stand, der nicht nur betrügerische Finanzgeschäfte betrieb, sondern auch Geschäfte mit wichtigen politischen Akteuren tätigte – unter anderem, indem er Zugang zu Partys und sexuellen Gefälligkeiten gewährte. Unter normalen Umständen würde man meinen, dass es für Flávio vorbei wäre.

Was läuft in Brasilien unnormal?

Es herrschen schon seit einiger Zeit keine normalen Umstände mehr. Es gibt ein hohes Maß an Entpolitisierung, das durch ein starkes, von den sozialen Medien angeheiztes Ökosystem der Desinformation noch verschärft wird, und die Linke befindet sich in einer Autoritätskrise. Viele Menschen hassen Lula, nur weil sie glauben, er sei für alle Probleme Brasiliens verantwortlich.

Interview

privat

Dr. Sabrina Fernandes, ehemalige Stipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung, ist eine brasilianische Politikwissenschaftlerin und unter anderem Autorin des auf Portugiesisch erschienenen Buches »Morbid Symptoms: The crossroads of the Brazilian Left«. Sie ist in die Wahlkampf-Strategien der Arbeiterpartei PT involviert und koordiniert 7000 Leute, um für die Stichwahl für Lula zu mobilisieren. Mit ihr sprach Ulrich Brand, Professor für Internationale Politik an der Universität Wien, wo er die Forschungsgruppe Lateinamerika leitet.

Obwohl Lula in den meisten Umfragen im Laufe des Jahres einen Vorsprung hatte, ist es mittlerweile üblich, dass die extreme Rechte diesen Rückstand aufholt, sobald der offizielle Wahlkampf beginnt. Da es vor Lulas Wahlkampf an einer starken Mobilisierung der Linken mangelte, fand ein Großteil der rechtsextremen Rhetorik breiten Anklang, ohne dass es nennenswerte Gegenstimmen aus der Bevölkerung gab. Tatsächlich gibt es die ablehnende Haltung gegenüber Lula schon seit Langem, und linke Kritiker haben in den vergangenen Jahren immer wieder die Arbeiterpartei und die Regierung Lula darauf hingewiesen, wie wichtig es sei, vor den Wahlen die Kommunikation über die guten Taten des Präsidenten zu verbessern.

Wer sind Bolsonaros Wähler*innen?

Flávio Bolsonaro hat die treue Wählerbasis seines Vaters geerbt: Menschen, die glauben, dass die Familie Bolsonaro gut, konservativ und christlich ist und von der Linken und der Justiz verfolgt wird. Einige seiner Wähler*innen fürchten den Kommunismus und bringen Lula fälschlicherweise damit in Verbindung. Natürlich gibt es viele Mitglieder der brasilianischen Elite, von Vertretern der Agrarindustrie bis hin zu Großunternehmern, die über Lulas Versuch verärgert sind, die Reichen zu besteuern, um die Armen zu entlasten. Andere sind schlichtweg gegen alles Linke, und obwohl sie den Bolsonaros misstrauen, würden sie jeden rechten Kandidaten wählen, nur um einen progressiven Kandidaten zu verhindern. Hinter dem Verhalten einiger Wähler*innen steckt eine große moralische Panik. Sie fürchten sich vor Transgender-Personen und vor dem Gedanken an Unisex-Toiletten. Sie lehnen die Fördermaßnahmen ab, die darauf abzielen, einen Prozess der Wiedergutmachung für die schwarze Bevölkerung Brasiliens in Gang zu setzen. Sie bringen Lula mit der Legalisierung der Abtreibung in Verbindung, obwohl Lula es während seiner drei Amtszeiten nie gewagt hat, eine Ausweitung der reproduktiven Rechte in Brasilien vorzuschlagen.

Was erwartet uns am 25. Oktober im zweiten Wahlgang?

Er findet statt, weil im ersten Wahlgang kein Kandidat mehr als 50 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte. Das bedeutet auch, dass Millionen Menschen, die Anfang Oktober für einen anderen rechten Kandidaten gestimmt haben, sich entweder Flávio Bolsonaro zuwenden, ihre Stimme ungültig machen oder sogar Lula akzeptieren werden, da sie ihn als das kleinere Übel betrachten. Das bedeutet, dass der zweite Wahlgang zu einem Referendum darüber wird, inwieweit auch diese Kandidaten abgelehnt werden. Die Wähler*innen, die in der zweiten Runde für Bolsonaro stimmen, mögen ihn vielleicht nicht, aber Lula mögen sie noch weniger.

Man muss den Aufstieg der brasilianischen Rechtsextremen vor dem Hintergrund der Krise der Linken verstehen. Dem progressiven Lager ist es nicht gelungen, andere starke und aussichtsreiche Präsidentschaftskandidat*innen zu finden und zu fördern, was vor allem daran liegt, dass die Arbeiterpartei und die Strömung des »Lulismo« nach wie vor das Sagen haben. Das hat durchaus seine Vorteile, denn es bedeutet, dass Lula nach wie vor über eine treue Anhängerschaft verfügt, die ihn unter allen Umständen unterstützen wird. Der Nachteil ist jedoch, dass ein neuer, aussichtsreicher Kandidat Wähler*innen anziehen könnte, die sich nicht mehr mit Lula identifizieren.

Wie wichtig war die Wahlenthaltung?

In Brasilien besteht für Personen im Alter zwischen 18 und 70 Jahren Wahlpflicht. Wenn Sie nicht wählen gehen und Ihre Abwesenheit nicht begründen, kann es zu Schwierigkeiten bei der Ausstellung von Dokumenten oder bei der Einschreibung in öffentliche Bildungseinrichtungen kommen. Tatsächlich lässt sich die Abwesenheit jedoch leicht begründen, beispielsweise bei Reisen oder Krankheit, oder man zahlt einfach eine Geldstrafe in Höhe von etwa 0,60 Euro. All dies können Sie online erledigen, ohne Ihr Haus verlassen zu müssen. Für diejenigen, die glauben, dass alle Kandidaten gleich sind und ihre Stimme überhaupt keine Rolle spielt, ist es besser, zu Hause zu bleiben und eine Geldstrafe zu zahlen, als sich am Wahltag in eine Warteschlange zu stellen und den Stimmzettel ungültig zu machen. Dafür entscheiden sich immer mehr Brasilianer*innen. Bei der ersten Wahlrunde blieben 33,4 Millionen Menschen – aus welchen Gründen auch immer – der Wahl fern, was etwa 21 Prozent der Wahlberechtigten entspricht. Die Desinformation, die Menschen hinsichtlich der Ursachen der Probleme im Land in die Irre führt, verschärft das Problem der Wahlenthaltung zusätzlich und schürt gleichzeitig den Hass und die Verwirrung, die dazu beigetragen haben, dass der »Bolsonarismo« so weit gekommen ist.

Welche Strategien gibt es derzeit, um das Ergebnis umzukehren?

Lula zielt auf die Nichtwähler*innen ab und hofft, Millionen zu mobilisieren, indem er ihnen vor Augen führt, was verloren gehen könnte, sollte Bolsonaro Präsident werden. Zu diesem Zweck haben Lula und sein Team ihre Online-Kommunikation verstärkt und politische Maßnahmen sowie Initiativen auf den Weg gebracht, die mit der Regierungslinie im Einklang stehen. So vereinfacht er beispielsweise die steuerlichen Rahmenbedingungen für Einzelunternehmer*innen und selbstständige Dienstleister*innen. Bereits in der ersten Wahlrunde ging Lula endlich auf eine Forderung ein, die im vergangenen Jahr an Bedeutung gewonnen hatte: das Verbot von Online-Sportwetten, die in vielen Familien zu Schuldenkrisen und mentalen Belastungen geführt haben. Dass der rechtsgerichtete Senat sich am 14. Oktober unter Druck gesetzt sah, die Verkürzung der Arbeitswoche von sechs auf fünf Tage zu genehmigen – ein wichtiges Wahlkampfthema der Linken –, spricht ebenfalls für Lula.

Sehen Sie noch eine realistische Chance auf einen Sieg von Lula?

Ein Sieg Lulas wird weit mehr als die jüngsten erfolgreichen Initiativen erfordern. Aktuell gehen Tausende seiner Wähler*innen jeden Tag als Freiwillige auf die Straße, um mit den Menschen über die Bedeutung ihrer Stimme zu sprechen. Millionen Menschen nutzen ihre Präsenz in den sozialen Medien, um ihre Freunde, Familienangehörigen und Follower zu beeinflussen. In vielen Städten finden Demonstrationen zur Unterstützung von Lula oder gegen Bolsonaro statt. Jüngsten Umfragen zufolge beginnt er, den Rückstand aufzuholen. Das Problem ist, dass die meisten Umfragen die Bolsonaro-Wähler*innen nach wie vor unterschätzen. Lula hat noch eine Chance, doch der Weg, am 25. Oktober die Mehrheit der Stimmen zurückzugewinnen, wird beschwerlich sein.

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