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BionTech und seine Gründer: Jetzt kämpfen sie um ihr Lebenswerk

Дата публикации: 30-09-2026 15:22:00

Uğur Şahin und Özlem Türeci verlassen BionTech und gründen Arife. Offen ist, welche Forschung, Patente und Mitarbeiter künftig zu wem gehören.

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Uğur Şahin und Özlem Türeci wollen mit einer neuen Firma wieder forschen wie ganz am Anfang. Doch ihr Abschied von Biontech ist zum Kampf um Patente, Wirkstoffe und Mitarbeiter geworden.

Einen Namen immerhin hat sie schon, die neue Firma: Arife. Der weibliche Vorname bedeutet „die Wissende“. Seit diesem Monat ist das Unternehmen in Mainz registriert. Was Uğur Şahin und Özlem Türeci dort künftig erforschen können, ist allerdings noch offen. Nach Recherchen des Handelsblatts streiten die Gründer und das Management des Impfstoff-Riesen Biontech über Wirkstoffprojekte, Patentrechte und Mitarbeiter. Türeci soll dabei von einer „Enteignung der eigenen Firma“ gesprochen haben. Öffentlich bestätigt hat sie diese Äußerung nicht.

Geleitet von einem enormen Forschungsdrang

Der Streit trifft ein Unternehmen, das kaum ohne die beiden denkbar war. Şahin und Türeci sind ein Ehepaar, sie sind Ärzte, sie sind Forscher. Gemeinsam gründeten sie erst die Krebsmedizin-Firma Ganymed, dann 2008 BioNTech.

Mitarbeiter beschrieben beide gegenüber der Gewerkschaft IGBCE als unprätentiös und von einem außergewöhnlichen Forscherdrang getrieben; im Unternehmen wurden sie geduzt. 2020 entstand in Mainz in Rekordzeit der Corona-Impfstoff. Plötzlich waren die beiden die Gesichter einer Weltsensation aus Deutschland.

Vom Gründer zum „Flaschenhals“

Aus dem Laborunternehmen wurde ein Konzern mit Tausenden Beschäftigten. Damit änderte sich auch der Blick auf die Gründer. Die Gewerkschaft berichtete schon 2023 von Klagen über unklare Zuständigkeiten und mangelhafte Kommunikation.

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Şahin soll sich in zahlreiche Forschungsprojekte eingeschaltet, notwendige Entscheidungen aber mitunter hinausgezögert haben. Mitarbeiter beschrieben ihn als „Flaschenhals“ und zugleich verehrten sie ihn als begnadeten Forscher, den Biontech kaum verlieren könne. Es ist diese Doppelrolle, die den Abschied so schwierig macht.

Start des Konflikts

Im März klang die Trennung noch geordnet. Şahin, Vorstandschef, und Türeci, medizinische Vorständin, kündigten an, bis Ende 2026 aus dem Vorstand auszuscheiden. Biontech sollte sich stärker auf fortgeschrittene Studien und künftige Produkte konzentrieren. Das Paar wollte mit Arife wieder in der Frühphase an neuen mRNA-Verfahren forschen. Biontech sollte dafür bestimmte Rechte und Technologien einbringen und im Gegenzug eine Minderheitsbeteiligung sowie erfolgsabhängige Zahlungen erhalten. Nur musste erst ausgehandelt werden, was genau die Gründer mitnehmen dürfen.

Damit begann der Konflikt: Şahin und Türeci bleiben Aktionäre von Biontech, bauen mit Arife aber ein eigenständiges Unternehmen auf demselben Forschungsgebiet auf. Sie brauchen Rechte, Daten und erfahrene Leute. Die Patente und Entwicklungsdaten gehören jedoch Biontech. Nach Handelsblatt-Informationen könnten Hunderte Beschäftigte zu Arife wechseln. Für den Konzern ginge damit Wissen verloren, das sich nicht einfach durch neue Einstellungen ersetzen lässt.

Wo endet Biontech, wo beginnt Arife?

Wie heikel das im Alltag ist, zeigte eine Frage bei einer Mitarbeiterversammlung: Was sollen Beschäftigte tun, falls Şahin sie während ihrer Arbeit für Biontech um Aufgaben für die neue Firma bittet? Schon die Frage macht deutlich, wie schwer die Grenze zu ziehen ist, solange der Gründer noch Vorstandschef ist. Der Aufsichtsrat muss das entwirren. Er muss gegenüber den Aktionären klipp und klar darstellen, welchen Wert Biontech abgibt und was es dafür erhält. Şahin und Türeci wiederum brauchen genug Rechte und Personal, damit Arife starten kann. Über diese Grenze wird jetzt gestritten.

Das Geld ist da, die Zeit wird knapp

Biontech kann sich dabei keinen Stillstand leisten. Die Nachfrage nach dem Covid-Impfstoff sinkt. 2025 erzielte das Unternehmen 2,87 Milliarden Euro Umsatz und schrieb rund 1,1 Milliarden Euro Verlust. Im zweiten Quartal 2026 standen 105,6 Millionen Euro Erlös einem Nettoverlust von 820,8 Millionen Euro gegenüber.

Die Jahresprognose wurde im August auf 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro Umsatz gesenkt. Geldnot herrscht nicht: Ende Juni verfügte Biontech über liquide Mittel und Wertpapieranlagen von rund 16,6 Milliarden Euro. Doch auch diese Reserve bringt noch kein Krebsmedikament zur Zulassung.

Jetzt muss Biontech aus Forschung Geschäfte machen

Kandidaten dafür gibt es. Der aussichtsreiche Kandidat Pumitamig soll zugleich verhindern, dass ein Tumor die Immunabwehr bremst und seine eigene Blutversorgung fördert. Biontech entwickelt ihn mit Bristol Myers Squibb unter anderem gegen Lungenkrebs; mehrere große Studien laufen. Einen Rückschlag gab es Ende August bei einer personalisierten mRNA-Therapie gegen Darmkrebs: Biontech beendete eine Phase-2-Studie nach einer Sicherheitsprüfung. Der Abbruch trifft ausgerechnet jene Art der Krebsmedizin, für die Şahin und Türeci seit Jahrzehnten stehen.

Ihren Weg bei Biontech soll künftig Guido Oelkers fortsetzen. Der promovierte Betriebswirt löst Şahin spätestens im Februar 2027 als Vorstandschef ab. Seit 2017 leitet er den schwedischen Arzneimittelhersteller Sobi, dessen Umsatz nach Biontech-Angaben unter ihm mehr als viermal so groß geworden ist. Zuvor führte er unter anderem BSN Medical und Gambro. Oelkers ist ein Manager für Produktportfolios und internationale Arzneimittelgeschäfte. Er soll aus Biontechs teurer Forschung zugelassene Medikamente und ein dauerhaftes Geschäft machen. Für Türeci steht eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger noch nicht fest.

Zwei Unternehmen, ein Forschungsstandort

Oelkers übernimmt dafür einen international verteilten Forschungsbetrieb. Auch in Großbritannien baut Biontech aus: Die Konzerntochter BioNTech UK plant ein Forschungszentrum in Cambridge, in London ist ein Standort mit einem KI-Zentrum der Tochter InstaDeep vorgesehen.

Die britische Regierung fördert den Ausbau. Die Konzernzentrale bleibt in Mainz – ebenso wie Arife. Umso dringlicher ist die Frage, welche Projekte und Wissenschaftler künftig für welches Mainzer Unternehmen arbeiten.

Şahin und Türeci starten neu – Biontech zahlt den Preis

Wie schmerzhaft solche Entscheidungen werden können, zeigt die Übernahme des früheren Rivalen Curevac. Biontech schloss den Kauf Ende 2025 ab, nachdem beide Unternehmen ihren Streit über Impfstoffpatente beigelegt hatten. Inzwischen prüft Biontech Verkaufsoptionen für frühere Curevac-Standorte und eigene Werke. Curevac-Gründer Ingmar Hoerr wirft dem Käufer vor, die ursprünglichen Erwartungen an eine gemeinsame Zukunft enttäuscht zu haben. Biontech steht damit zugleich vor einem Standortumbau und einer Trennung von seinen prägenden Köpfen.

Şahin und Türeci haben Biontech groß gemacht. Nun wollen sie noch einmal neu anfangen – mit einem Teil der Forschung, die innerhalb dieses Konzerns entstanden ist. Gerade weil ihre wissenschaftliche Leistung so groß ist, muss der Aufsichtsrat jeden übertragenen Wert erklären können. Arife hat bisher bloß einen Namen. Was aus Biontech dorthin wechselt, ist die noch offene Rechnung dieser Trennung.

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