Das billige Geld ist vorbei. Die Welt braucht Kabel, Turbinen und Transformatoren. Weshalb die unscheinbare deutsche Industrie davon profitieren kann. Ein Kommentar.
Kein Google, kein Meta, kein KI-Gigant: Deutschland gilt als Verlierer der Digitalwelt. Doch nach dem Ende des billigen Geldes zählen Kabel, Turbinen und Transformatoren. Ein Kommentar.
Kein europäisches Google. Kein Meta. Kein KI-Gigant, der es mit den Amerikanern aufnimmt. Weil uns das alles fehlt, haben wir uns einen kollektiven Minderwertigkeitskomplex eingeredet. Die deutsche Wirtschaft gilt als Auslaufmodell, als Freilichtmuseum der Industriegeschichte, abgemeldet im digitalen Zeitalter.
Das ist Blödsinn. Wer sich vom Glanz der Algorithmen nicht blenden lässt, sieht auf den Weltmärkten gerade eine Verschiebung. Es ist die Rache der Langweiler. Und sie gibt ausgerechnet Deutschland eine Chance.
Etwa zehn Jahre lang regierte das billige Geld. In der Nullzins-Ära genügte eine schicke Powerpoint-Folie mit dem Wort „Disruption“, und die Investoren überwiesen Milliarden. Es war die große Zeit der App-Entwickler und Krypto-Jongleure, eine Wirtschaft, die von Versprechen lebte. Die Party ist vorbei. Kapital kostet wieder Geld. Und plötzlich merkt die Welt: Auf einer App können Sie nicht schlafen, und ein Algorithmus heizt Ihnen im Winter nicht die Wohnung.
Nun beginnt ein Jahrzehnt der harten Realitäten. Die Infrastruktur ist marode. Die Stromnetze müssen ausgebaut werden, ausgerechnet für die KI-Revolution, über die alle reden: Ein Rechenzentrum zieht so viel Strom wie eine Kleinstadt. Lieferketten wandern aus geopolitischer Not, manchmal aus purer Panik, zurück in den Westen. Und Europas Armeen müssen nach Jahren der Vernachlässigung von Grund auf neu ausgestattet werden.
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Für diese Aufgaben, die in die Billionen gehen, braucht niemand Software-Updates aus dem Silicon Valley. Gebraucht werden Kupferkabel, Hochleistungstransformatoren, Spezialchemie, Panzergetriebe und Roboterstraßen. Das ist Ingenieurshandwerk, unsexy und hochkomplex. Genau das perfektionieren die Werkhallen in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen seit Jahrzehnten, still und ohne großes Getöse.
Deutschland ist der Premium-Klempner der Weltwirtschaft. Glamourös ist das nicht. Es bringt keine Millionen Follower und kein Kreischen bei der Produktpräsentation. Dafür hat dieses Geschäftsmodell einen Schutzwall, den kaum jemand überwindet. Eine Liefer-App programmiert ein Team in Bangalore in wenigen Monaten nach, mit KI-Unterstützung noch wesentlich schneller. Eine wasserstofffähige Industrieturbine aber nicht. Einen Hochleistungslaser für die Chipfertigung auch nicht.
Man muss aber ehrlich bleiben: Der Premium-Klempner steckt selbst in der Krise. Die Industrie baut seit Jahren Stellen ab; Energie, Steuern und Abgaben gelten im internationalen Vergleich als hoch.
Auf Drittmärkten setzt chinesische Konkurrenz den Maschinenbauern zu, darüber täuschen auch die vollen Auftragsbücher nicht hinweg. Sie füllen sich vor allem in der Rüstung, bei den Maschinenbauern kriselt es und bei den Autobauern schrumpft der Auftragsbestand. Auch das Wachstum, das Ökonomen für 2026 erwarten, tragen vor allem staatliche Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur. Das ist eine Chance. Ein Selbstläufer ist es nicht.
In den Chefetagen der Investoren hat das Umdenken schon begonnen. Der größere Teil des Wagniskapitals fließt zwar weiter in KI-Software. Doch ein wachsender Teil sucht, was man anfassen kann: Chips, Robotik, Energienetze, Rüstung. „Old Economy“ ist dafür das falsche Etikett. Es geht nicht um Kohle und Stahl, sondern um Hightech, die Hardware braucht. Wer KI will, braucht Rechenzentren, Kabel und Maschinen, die das bauen. Investoren kaufen wieder Cashflow, Substanz und Marktmacht, die man anfassen kann. Viele deutsche Industrieunternehmen haben ihre Maschinen längst digitalisiert und mit KI-Schnittstellen ausgestattet. Sie twittern nur nicht jeden Tag darüber.
Es wird Zeit, dass wir aufhören, dem Silicon Valley hinterherzuweinen. Das nächste iPhone bauen wir nicht. Müssen wir auch nicht. Wenn die Weltkarte neu sortiert wird und die Fundamente der Weltwirtschaft knirschen, will man derjenige sein, der die besten Bagger, Kabel und Turbinen verkauft. Das klingt öde. Aber wenn die Rohre platzen, fragt niemand nach der besten App. Dann ruft man den Klempner. Vorausgesetzt, seine Werkstatt steht noch.
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