Russland hat lange westliche Sanktionen mit sogenannten Schattentankern ausgetrickst. Die Strategie zieht nicht mehr. Jetzt flaggt das Land die Schiffe zunehmend um.
Russland hat lange westliche Sanktionen mit sogenannten Schattentankern ausgetrickst. Die Strategie zieht nicht mehr. Jetzt flaggt das Land die Schiffe zunehmend um.
69 Schiffe zwischen November und Juli, noch einmal 86 Schiffe zwischen Juli und Oktober: Russland überführt immer mehr Tankschiffe aus der „Schattenflotte“ in das eigene Register. Daten des Analysedienstes Lloyd’s List Intelligence zeigen, dass die Schlagzahl zunimmt. Mit den Umflaggungen nimmt sich Russland ein Werkzeug, um seine Öltransporte zu verschleiern. Das kann am Ende Auswirkungen auf die Ölpreise haben – und damit auf die Kosten an der Tankstelle.
Das Wichtigste in Kürze:
Im Dezember 2022 hatte die Europäische Union entschieden, einen Ölpreisdeckel von 60 US-Dollar pro Barrel (1 Barrel sind 159 Liter) Rohöl einzusetzen. Der Deckel galt für alle See-Transporte von russischem Rohöl.
„Die G7 und alle EU-Mitgliedstaaten haben eine Entscheidung gefällt, die Russlands Einnahmen noch härter treffen wird“, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen damals.
Weil Russland aus dem Verkauf von Öl und Gas normalerweise einen Großteil seines Geldes verdient, sollten die Sanktionen genau dort ansetzen. Neben dem Verbot von Öleinfuhren von Russland in die EU sollte der Preisdeckel auch den Export in Drittländern beeinträchtigen.
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Der Preisdeckel sorgt dafür, dass EU-Akteure keine Transport- oder Versicherungsdienstleistungen für die Beförderung von russischem Öl zu Preisen oberhalb dieser Obergrenze erbringen dürfen. Später änderte die EU den Preisdeckel auf 47,6 US-Dollar pro Barrel.
Russlands Reaktion darauf war der hastige Aufbau einer Flotte aus Tankschiffen, zusammengekauft aus verschiedenen Ländern. Die Schiffe sind oft alt, schlecht gewartet und haben laut Kritikern ein erhöhtes Risiko für Havarien und damit Umweltkatastrophen. Was sie eint, sind unklare Besitzverhältnisse und das Ziel, westliche Sanktionen zu umgehen.
Viele der Schiffe fuhren unter falscher Flagge – sei es Panama, Marshallinseln oder andere kleine Länder, die kein Aufsehen erregten. Ein weiteres Merkmal für Schattentanker ist das oft abgeschaltete Ortungssystem. Unterm Strich haben die Crews so viel wie möglich dafür getan, dass man ihre Routen nicht nachvollziehen konnte. Die Idee dahinter: Wenn diese Schiffe nicht unter russischer Flagge fahren, können sie das Öl oberhalb des Preisdeckels verkaufen.
Kaum war der EU bewusst, dass Russland eine (übrigens vom Iran und Venezuela inspirierte) Schattenflotten-Strategie fährt, hatte das Länderbündnis versucht, eine Antwort darauf zu finden. In einigen Fällen fiel das leicht – zum Beispiel waren mehrere Schiffe tatsächlich havariert und konnten etwa von Deutschland aufgegriffen werden.
Oftmals aber fehlte ein koordiniertes Eingreifen der EU-Staaten. Der Thinktank „Center for Strategic & International Studies“ (CSIS) prangerte an, dass große Staaten wie China und Indien nach wie vor von russischen Öllieferungen profitierten.
Es stellt sich also die Frage: Wenn Russland mit seiner Schattenflotte so erfolgreich Sanktionen umgeht, warum flaggt es jetzt Schiffe um? Wie das „Handelsblatt“ berichtet, hat die Schattenflotte über die vergangenen Monate deutlich an Bedeutung verloren, weil europäische Staaten immer mehr dazu bereit sind, gegen staatenlose Schiffe oder solche, die unter falscher Flagge fahren, vorzugehen. Hunderte Schiffe sind von den westlichen Staaten aus sanktioniert – allein auf der Sanktionsliste der EU stehen 673 Schiffe.
Darüber hinaus sorgt diplomatischer Druck dafür, dass Länder wie Panama oder Kamerun die Schattentanker aus ihren Schiffsregistern werfen. Sobald das geschieht, wird es gefährlich.
„Auf hoher See unterliegen Schiffe immer der Hoheitsgewalt ihres Flaggenstaates; Eingriffe anderer Staaten benötigen eine völkerrechtliche Grundlage. In Häfen bestehen weitergehende Kontrollmöglichkeiten. Bestehende Sanktionen werden durch eine Umflaggung nicht aufgehoben“, erklärt der Verband Deutscher Reeder (VDR) gegenüber FOCUS online.
Schiffe mit gefälschten oder gar keinen Flaggen gelten als staatenlos. Dann dürfen sie nach UN-Seerechtsübereinkommen von ausländischen Marinewachen durchsucht werden. Mit der Umflaggung können sich diese Schiffe nicht mehr verstecken, aber dafür stehen sie unter dem rechtlichen Schutz der russischen Flagge.
Es gibt Handhabe. Das Festsetzen fremder Schiffe durch Küstenstaaten ist nur unter schweren Auflagen möglich. Zum Beispiel gehören Umweltrisiken dazu: Wenn das Schiff in eine Wirtschaftszone oder im Küstenmeer fährt und dort gegen internationale Umweltregeln verstößt, darf ein Staat zugreifen.
Aber er muss eindeutig beweisen können, dass das Schiff Schadstoffe eingeleitet hat und damit den Ressourcen des Staates oder der Küste Schaden droht.
Der VDR warnt: „Technische Mängel, ein Ausfall der Antriebs- oder Steuerungsanlagen und damit eine eingeschränkte Manövrierfähigkeit können auch zu Kollisionen oder anderen schweren Seeunfällen führen.“
Die Umflaggung der Tankschiffe macht es für Russland schwieriger, den Bezug der Schiffe zu seinen Ölexporten zu verstecken. Westliche Länder haben möglicherweise ein leichteres Spiel damit, Lieferungen zu entdecken, die unter die Preisdeckel-Grenze fallen.
Ein Blick auf Russlands Ölexporte seit Frühjahr 2026 zeigt zwar einen steten Rückgang der Einnahmen von Russlands Treibstoffexporten, kann aber nicht allein der Flaggenthematik zugeordnet werden. Hier eine Übersicht der vergangenen Monatsberichte des Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA):
Vereinfacht gesagt sieht es so aus: Während die Zahl der Schattentanker unter falschen Flagge sinkt, gehen mittelfristig die Öl-Einnahmen des Kremls zurück. Wie viel davon auf die Umflaggung zurückzuführen ist, lässt sich jedoch angesichts der vielen globalen Einflüsse (erst recht wegen der Krise am Persischen Golf) nicht klar sagen. Ein Mix aus westlichen Sanktionen und der ukrainischen Drohnenkampagne behindert die Ausfuhren, gleichzeitig macht die Irankrise Rohöl teurer. Der VDR geht aber nicht von größeren Auswirkungen auf Ölpreise oder Frachtraten aus.
„Eine Umflaggung russischer sogenannter Schattenflotten-Tanker schafft weder zusätzliches Öl noch neue Transportkapazitäten. Es ist davon auszugehen, dass die Schiffe bereits zuvor unter anderen Flaggen im Einsatz waren.“ – VDR
Allerdings zeichnet sich derzeit eine seltsame Partnerschaft zwischen den USA und Russland ab. Über Social Media erklärte US-Präsident Donald Trump, dass Kreml-Chef Wladimir Putin einem Handel zugestimmt hätte, um die 2,25 Millionen Barrel Diesel in den globalen Markt zu spülen.
Danach sollen noch einmal 500.000 Tonnen folgen (vorgesehen für November) und „unmittelbar danach“ wieder eine Million Tonnen. Insgesamt wäre das eine Menge von 1,8 Millionen Tonnen Diesel. Dazu sollen je nach Zustand der Raffinerien drei Millionen Tonnen Diesel kommen. Angesichts der Mengen, die die USA selbst verbrauchen, ist das nicht viel, aber die USA haben extra einen Teil der Sanktionen gelüftet, um diese Transporte zu ermöglichen. Es bleibt abzuwarten, ob es bei der angekündigten Menge bleibt.
„Der Diesel-Deal zeigt, dass die Russlandpolitik Washingtons im Vorfeld der Zwischenwahlen am 3. November eher von den hohen Spritpreisen an den Zapfsäulen angetrieben wird als von einer gemeinsamen transatlantischen Strategie“, sagte Matthias Matthijs vom Thinktank Council on Foreign Relations (CFR).