Jugendtheater setzt oft darauf, dass sich ein junges Publikum wiedererkennt. «Wälder im Frühling» stellt eine unbequemere Aufgabe: Das Stück fordert auch das erwachsene Publikum heraus, die eigenen Vorstellungen vom «richtigen» Leben zu hinterfragen.
«Wälder im Frühling» hat seine Premiere am 14. Oktober im Theater Marie in Aarau. Von links: Lina Ammann, Sora Ndiaye, Jakob Fessler und Mara Staehelin.Foto: Binta Kopp
Nur eine rosa Hüpfburg steht auf der Bühne. Sie verspricht eine Kindheit, in der man springen kann, ohne sich um den Boden unter den Füssen kümmern zu müssen. Doch Jen (Sora Ndiaye) ist jetzt 17 und schwanger. Sie will das Kind nicht. Aber Davonlaufen ist keine Option. In Eva Rottmanns «Wälder im Frühling» versucht sie daraufhin mit ihren Freundinnen Nini (Lina Ammann) und Ka (Mara Staehelin) gemeinsam herauszufinden, wie es weitergehen soll.
Regisseurin Kenza Nessaf inszeniert die neuste Produktion der «Jungen Marie» – dem Jugendtheaterprojekt des «Theater Marie» – mit feinem Gespür. Witz und Verzweiflung hüpfen nebeneinander, ohne sich von der Hüpfburg zu stossen. Die Jugendlichen dürfen sowohl albern als auch überfordert sein, ohne dass ihre Ängste kleingeredet werden. Erwachsene erwarten von Jugendlichen häufig, dass sie in Krisen plötzlich vernünftig werden: Hier darf das Unvernünftige Teil ihrer Wirklichkeit bleiben.
Zwischen Jungfrau Maria und SpermiumNini macht Jen Mut, Ka sät Zweifel. Nini ist noch Jungfrau und sieht die Welt zuweilen heller, als sie ist. Ka erzählt von ihrer ersten sexuellen Erfahrung: Der Penis des Jungen erinnerte sie an die Bratwürste ihres Opas. Inzwischen steht sie auf Frauen. Nini ist wütend, weil sie glaubt, dass sie niemand wolle. Ka fragt: «Wie kann ich nur herausfinden, wer ich wirklich bin?» Rottmann lässt die Freundinnen einander widersprechen und selbst aushandeln, wie es weitergehen soll.
Auch Luis (Jakob Fessler) scheint direkt aus dem Kinderzimmer in eine Erwachsenenkrise gestolpert zu sein. Kaum hat er sich in Jen verliebt, fragt er einen Mann aus einem Jumbo-Prospekt um Rat – als könnte ihm ein gedrucktes Werbegesicht erklären, wie das mit den Frauen und der Zukunft funktioniere. Seine unbeholfene Art lässt sich schnell ins Herz schliessen: Luis ist herrlich naiv, bleibt Jen gegenüber aber stets respektvoll und will ihr helfen.
Luis wird zum Einhorn, Ka zum Spermium, Jen zum Teletubby und Nini zur Jungfrau Maria. Bild: Binta Kopp
Das Stück bleibt nicht nur bei realistischen Teenagerproblemen stehen: Jen wird mit der Schwangerschaft zum Teletubby, Ka zum Spermium, Nini zur Jungfrau Maria, Luis zum Einhorn. Was sich nicht vernünftig erklären lässt, bekommt in «Wälder im Frühling» ein Kostüm und eine absurde Gestalt. Der Klamauk auf der Bühne nimmt der Schwangerschaft nicht ihre Schwere, er verschiebt lediglich den Blick darauf: Plötzlich erscheint nicht mehr selbstverständlich, was als «normal» und was als «abwegig» gilt.
Erwachsenwerden ohne GebrauchsanweisungDas Ensemble trägt «Wälder im Frühling» mit grosser Spielfreude. Die vier Spielenden finden eine gemeinsame Sprache, ohne die Unsicherheiten ihrer Figuren zu verstecken. Darin zeigt sich eine Stärke der Produktionen der «Jungen Marie»: Das junge Publikum bekommt keine pädagogisch vorgefertigten Lebensentwürfe vorgesetzt. Es begegnet nahbaren Figuren, die sich wider allen Umständen umeinander sorgen.
Eva Rottmann, für «Fucking fucking schön» mit dem Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet, schreibt in direkter Sprache und mit schrägen Bildern gegen die Vorstellung eines «richtigen» Lebensplans an. «Wälder im Frühling» ist tröstlich, aber nicht, weil es einfache Antworten bereithielte. Seine Solidarität besteht darin, da zu sein, obwohl man nicht weiss, was zu tun ist. Die rosa Hüpfburg zaubert den harten Boden nicht weg. Sie verändert nur, wie es sich anfühlt, auf ihm zu landen.
«Wälder im Frühling», am 17. Oktober in der Alten Reithalle Aarau sowie am 27. (regulär) und am 28. (Schülervorstellung) im Kurtheater Baden.
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