Heute liegt das grosse Buchser Einkaufszentrum im Industriegebiet. Das war aber nicht so geplant. Wie kam es dazu, dass das Wynecenter vor 50 Jahren in einem Provisorium eröffnet werden musste?
Das Wynecenter liegt heute ausserhalb des Dorfs Buchs, an der Grenze zu Suhr. Es ist umgeben von Industriebetrieben.Bild: Severin Bigler
Darum geht esRund 2,5 Millionen Kundinnen und Kunden besuchen jährlich das Wynecenter Buchs. Das Einkaufszentrum vereint heute rund 30 Geschäfte und Dienstleister unter einem Dach, gehört aber der Migros. Was heute nicht mehr viele Leute wissen: Das Wynecenter hätte eigentlich ganz woanders stehen sollen. Mitten in Buchs, an der Ecke Lenzburgerstrasse/Rösslimattstrasse. Die Migros kaufte dort in den 1960er-Jahren Land zusammen.
Bereits 1968 befasste sich die Regionalplanungsgruppe Aarau mit dem Standort für ein mögliches Einkaufszentrum. Man kam überein, dass «die Verkehrsverhältnisse im Stadtzentrum der Verwirklichung eines regionalen Einkaufszentrums in Aarau entgegenstünden». Die Verkehrsanlagen in und um Buchs könnten dieses jedoch bewältigen.
Im Oktober 1970 nahmen die Buchser Einwohnerräte Kenntnis von einer «beabsichtigten Änderung des Teilüberbauungsplanes Spezialzone Wynenfeld». Diese war nötig, weil im Überbauungsplan zwar ein Einkaufszentrum vorgesehen war, die Migros allerdings ein deutlich grösseres bauen wollte. «Die Grösse des Einkaufszentrums wird als Maximum betrachtet», hiess es aus der Freisinnigdemokratischen Fraktion. Man erwarte von der Migros, «dass sie in Bezug auf die Steuern konziliant ist».
Zwei Jahre später, im September 1972, kam diese Änderung konkret zur Abstimmung im Gemeindeparlament. Das ganze Quartier wurde kühn geplant: mehrere Mehrfamilienhäuser (darunter drei 16-geschossige Hochhäuser), Einkaufszentrum mit 12'000 Quadratmetern Ladenfläche, Gartencenter, Restaurant, Migros, «Do-it», Ladenlokale für selbstständige Detaillisten, Freizeitwerkstätte, Vortragssaal, Bibliothek, sogar eine Kinderkrippe. Dazu 1050 unterirdische Parkplätze.
So hätte das Areal aussehen sollen. Bei der grossen Kreuzung Lenzburgerstrasse/Rösslimatt rechts im Bild befindet sich heute ein Kreisel.Bild: zvg
Doch nun zeigte sich der Einwohnerrat deutlich kritischer. Es war dem Gremium offenbar nicht mehr ganz wohl dabei, dass nun eine Anlage entstehen soll, die nicht mehr nur fürs Dorf, sondern für ein Einzugsgebiet von 25 Kilometern gedacht war. «Ein solches Zentrum hat Auswirkungen auf die ganze Gemeinde», hiess es aus einer Kommission. Man habe «grosse Bedenken, ob der sich aus einem Grosseinkaufszentrum ergebende Verkehr bewältigt werden könne», zumal die Aaretalstrasse damals noch nicht bestand. Trotz geplanter «Spezial-Buskurse» glaubte der Rat nicht recht, dass die Kunden mit dem öV anreisen würden, und man vertraute den Verkehrsplanern nicht. Ein Votant sagte: «Der Einwohnerrat hat zu entscheiden, ob die Aufpolierung des Images der Gemeinde durch ein Grosseinkaufszentrum sinnvoll ist, wenn andererseits an die Nachteile der Umweltverschmutzung durch die motorisierte Blechlawine gedacht wird.» Es gab auch Voten, die befürchteten, dass bei einer Ablehnung das Einkaufszentrum im südlichen Wynenfeld auf Suhrer Boden gebaut werde: «Dann hätte man in Buchs nur den Verkehr, aber keine Vorteile».
Schliesslich wurde die Vorlage einstimmig zur Klärung weiterer Fragen an den Gemeinderat zurückgewiesen, der notabene den Rückweisungsantrag selber unterstützte. Zu jenem Zeitpunkt waren bereits einige Einsprachen gegen das Vorhaben pendent, darunter mehrere Sammeleinsprachen. Es ging massgeblich um die Angst vor Verkehr- und Lärmemissionen sowie Konsequenzen für ansässige Betriebe.
Migros orientierte sich umWeil es mit dem Bewilligungsprozess nicht vorwärts ging, suchte die Migros eine Zwischenlösung – und fand sie im Wynenfeld. Dort war der Wandel ohnehin in vollem Gang: Bis in die 1960er-Jahre war das Gebiet von Landwirtschaft und Strohhäusern geprägt. Mit der Industrialisierung siedelten sich zunehmend Betriebe an.
1976 bezog die Migros eine bestehende Gewerbehalle der Firma Horta. Im Oktober eröffnete darin ein provisorischer MMM-Supermarkt, der auch kleinere Migros-Filialen in der Umgebung entlasten sollte. Der schmucklose Zweckbau galt als «hässliches Entlein». Dass daraus einmal ein dauerhaftes Einkaufszentrum entstehen würde, war nicht vorgesehen.
Doch die Übergangslösung funktionierte. Der Standort bot Platz und erwies sich auch verkehrstechnisch als geeignet. 1982 kam die entscheidende Wende: Lokale und kantonale Behörden setzten sich dafür ein, aus dem Provisorium einen definitiven Standort zu machen. Die ursprünglichen Pläne an der Lenzburgerstrasse wurden aufgegeben.
Das Wynecenter in Buchs hat jährlich etwa 2,5 Millionen Kunden.Bild: Daniel Vizentini
«Aus dem Provisorium wurde 1987 schliesslich ein Definitivum. Das Wynecenter entwickelte sich zum Flaggschiff im Kanton Aargau», sagt Centerleiter Edgar Zettler. Es entstand auf drei Etagen und entsprach dem damaligen Verständnis eines modernen Einkaufszentrums: funktionale Architektur, kurze Wege und eine starke Ausrichtung auf das Auto. Rampen verbanden die Parkdecks mit dem Gebäude, im Innern prägten Ladenpassagen, Rolltreppen und Lichthöfe das Bild. Selbst ein Migros-Bahnanschluss gehörte zur Infrastruktur des Areals. Diese Entwicklung sei ursprünglich nicht geplant gewesen, mache die Geschichte des Standorts aber umso bemerkenswerter.
Für Aufmerksamkeit sorgte damals auch eine ungewöhnliche Werbeaktion: Der mit Rasen überzogene «Graskäfer» tourte durch die Region und verteilte Geschenke.
Immer wieder neu erfunden
Ein weiterer grosser Entwicklungsschritt folgte von 2004 bis 2006. Bei laufendem Betrieb wurde das Center umgebaut und erweitert. Die Wiedereröffnung erfolgte mit auffälliger Präzision: am 6. Juni 2006 um 6.06 Uhr und 6 Sekunden.
Später wurde das Center erneut modernisiert. Mehr Tageslicht, hellere Farben, optimierte Parkhäuser und LED-Beleuchtung sorgten für ein zeitgemässeres Erscheinungsbild.
Auch zum 50. Geburtstag herrscht kein Stillstand. Seit Mai 2026 läuft ein zweijähriges Umbauprojekt. Die Genossenschaft Migros Aare investiert 5,8 Millionen Franken vor allem in Sicherheitsmassnahmen und die Gebäudetechnik. «Ein Totalumbau ist nicht vorgesehen. Mit den laufenden Investitionen machen wir das Gebäude jedoch fit für die Zukunft und sichern seine Attraktivität langfristig», sagt Edgar Zettler.
Aktionen zum 50-Jahr-JubiläumUnd nun wird gefeiert: Vom 28. bis 31. Oktober gibt es im Wynecenter ein Spezialprogramm zum 50. Geburtstag. Unter anderem eine Bingo-Show, eine Self-Scanning-Challenge an der Migros-Kasse, «Kinderbacken» (die Kinder dürfen backen, nicht anders herum), eine Clown-Show, ein Bällebad und, für noch mehr Action, ein Traktorrennen für Kinder. Die Migros bietet ausserdem 10% Rabatt aufs ganze Sortiment.
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