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Deutschlands ältestes Feldexperiment: Der "Ewige Roggen" von Halle

Дата публикации: 11-10-2026 03:35:00

Der "Ewige Roggen" von Halle hat Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Diktatur, DDR und zwei Weltkriege überstanden. Was Deutschlands ältestes Feldexperiment über Dünger, Humus und Klima verrät.

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Ewiger Roggen: Prof. Dr. Janna Macholdt im Versuchsfeld

AUDIO: Deutschlands ältester Feldversuch: Der Ewige Roggen von Halle (4 Min)

Seit 1878

Stand: 11.10.2026 05:35 Uhr

Der "Ewige Roggen" von Halle hat Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Diktatur, DDR und zwei Weltkriege überstanden, weil es immer jemanden gab, der sich um ihn gekümmert hat. Heute ist er Deutschlands ältestes Feldexperiment und verrät mit seinen über fast 150 Jahre hinweg erfassten Daten viel über den Einfluss von Dünger, Humus und Klima auf Nutzpflanzen.

von Robert Rönsch, MDR WISSEN

Im vergangenen Jahr war eine Scheune in Halle einsturzgefährdet. Es war eine besondere Scheune. Mit Regalen voller Braunglasflaschen, Boden- und Pflanzenproben aus 148 Jahren, in der Reihenfolge der Ernten. "Die Etiketten sind von den Probenfläschchen abgefallen", sagt Agrarwissenschaftlerin Janna Macholdt von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. "Also mussten wir dringend handeln."

Was dort lagerte, gibt es so auf der Welt nur einmal. Jede Flasche gehört zu einer Ernte von einem bestimmten Stück Acker, das seit 1878 immer gleich behandelt wird. Mit modernen Methoden lassen sich aus diesen alten Proben Erkenntnisse gewinnen, an die zu Beginn der Versuchsreihe noch niemand gedacht hat. Inzwischen steht alles in einer abgedunkelten, klimatisierten Halle. Jedes einzelne Fläschchen wird nun abgewaschen, neu beschriftet und digital erfasst.

Probenflaschen, geordnet nach Jahrgängen

6.000 Quadratmeter, auf denen sich nichts ändern darf

Das Stück Acker liegt im Osten von Halle und ist rund 6.000 Quadratmeter groß. Seit 1878 wird dort jeden Herbst Winterroggen gesät und jeden Sommer geerntet. Das Feld ist in Parzellen geteilt, und jede bekommt seit anderthalb Jahrhunderten exakt dasselbe. Die eine Stallmist, eine andere Mineraldünger, eine dritte beides. Und eine bekommt nichts.

Julius Kühn (1825 - 1910), Begründer des Versuchsfeldes

Der "Ewige Roggen" ist der älteste laufende Dauerfeldversuch Deutschlands und der zweitälteste der Welt. Nur Broadbalk im englischen Rothamsted ist noch älter. Angelegt hat ihn Julius Kühn, der 1862 in Halle als deutschlandweit erster Professor für Landwirtschaft berufen wurde und sich das Feld selbst kaufte, damit ihm niemand dazwischenreden konnte. Seine Frage war die Streitfrage der Zeit: Kann man Pflanzen auch mit mineralischem Dünger ernähren statt mit Mist aus dem Stall? Sie ist längst beantwortet, man kann. Aber das von Kühn angelegte Feld beantwortet heute außerdem Fragen, die der Vordenker noch gar nicht stellen konnte.

Seit September liegen die kompletten Aufzeichnungen digitalisiert und öffentlich vor. Vorher standen sie in Hand- und Maschinenschrift in Aktenordnern. "Der Ewige Roggen ist unser Datenschatz", sagt Janna Macholdt, Professorin für Allgemeinen Pflanzenbau und Ökologischen Landbau und Leiterin der Arbeitsgruppe zum "Ewigen Roggen".

Ewiger Roggen: Luftaufnahme des Versuchsfeldes

Der Acker, der hungert und nicht aufgibt

Im Frühsommer erkenne man die Parzelle schon von weitem, die nie etwas bekommt, erzählt Macholdt. "Die ungedüngte Variante sieht natürlich immer am schlechtesten aus, sie steht so dürftig da, sehr spärlich, mit wenig Ertrag", sagt sie. "Das tut einem dann schon manchmal leid."

Und trotzdem: Auch auf dieser Parzelle wird Roggen geerntet, ohne jeglichen Dünger seit 1878.

Ein Teil der Erklärung fällt vom Himmel. Über Regen, Schnee und Abgase kommt Stickstoff auf den Acker. Den Rest holt sich die Pflanze aus den eigenen Vorräten des Bodens und über Bakterien, mit denen sie zusammenlebt. "Zum Teil bezieht also die Roggenpflanze ihre Düngung aus der Luft, muss aber den Symbiosepartnern auch Photosyntheseprodukte abgeben", erklärt Janna Macholdt. "Das ist immer ein Geben und Nehmen."

Der Boden mit dem guten Gedächtnis

Eine Parzelle weiter liegt noch ein Sonderfall. Diese Parzelle bekam ab 1893 Stallmist, bis 1953 zum letzten Mal gestreut wurde. Seither nichts mehr. Damit beantwortet dieses Stück Acker eine Frage, der sich sonst nirgends so klar auf den Grund gehen lässt: Wie lange hält ein Boden Nährstoffe fest, die mal irgendwann in ihn hineingegeben wurden? Die Antwort: Erstaunlich lange. Bis heute hat diese Parzelle mehr Ertrag als die, auf der nie gedüngt wurde. Der Vorsprung ist geschmolzen, aber er verschwindet nicht, und das nach über 70 Jahren "Nichtstun".

"Das hat mich überrascht, dass das so lange noch nachhält im Boden", sagt Janna Macholdt. "Also der Boden hat ein sehr starkes Gedächtnis." Wo dieses Gedächtnis sitzt, untersucht ihre Gruppe gerade. Vor der Aussaat wurden frische Bodenproben gezogen, die nun auf ihr Mikrobiom hin analysiert werden, also auf alles, was dort an Bakterien und Pilzen lebt. Die Vermutung ist, dass sich die Parzellen darin unterscheiden.

Ein Acker mit eigener Wetterstation

Zum Versuch gehört von Anfang an eine Wetterstation, die seit 1878 am selben Ort misst. Das ist selten: Die meisten Stationen mit langen Klimareihen sind irgendwann umgezogen oder haben Lücken. Hier liegen für dasselbe Stück Acker Temperatur, Niederschlag und Sonnenschein seit 1878 vor. Eine wichtige Erkenntnis: Die Zahl der Tage mit 30 Grad und mehr hat sich im Dreißigjahresschnitt verdoppelt.

Was solche Tage mit dem Roggen machen, beschreibt Macholdt anschaulich. "Die Pflanze macht erst mal Shutdown, Schockstarre", sagt sie. "Nach diesem Stressereignis muss sie sich erst mal regenerieren und wieder erholen, bis sie dann wieder in Photosynthese geht und wieder Einlagerung macht." Was in diesen Tagen an Wachstum ausfällt, holt der Roggen nicht mehr auf. Am Ende sieht man es im Ernteergebnis.

Hitze ist dabei nur einer von mehreren sogenannten Stressoren. "Es gibt auch vermehrt Wind, Sturm, Hagel", sagt Macholdt. Roggen ist eine lange, dünne Pflanze, und wenn viel Regen und Wind zusammenkommen, knickt der Bestand um. "Wir nennen das 'ins Lager gehen'", sagt die Agrarwissenschaftlerin. Vom Boden lässt sich dann kaum noch etwas ernten. Beide Arten von Stress hätten zugenommen, in der Intensität und in der Häufung. Durchschnittswerte können dieses Phänomen nur schlecht abbilden. "Das sieht man gar nicht so bei Jahresmitteltemperatur oder Jahresniederschlagssumme", sagt Macholdt. "Aber wenn man sich diese kleinen Scheiben anschaut, diese einzelnen Stresstage, dann sieht man das deutlich."

Auswirkungen von extremem Wetter

An der Ertragskurve liest Macholdt ab, was das anrichtet. Bis in die 1960er Jahre war der Ertrag recht gering, dann stieg er mit neuen Sorten, besserem Pflanzenschutz und besserer Technik. "Und dann seit vielleicht 2000 sieht man, dass es mehr seitwärts geht, gar nicht mehr weiter hoch, und anfängt, stärker zu schwanken von Jahr zu Jahr." Ihr Schluss daraus: "Wir haben ja nichts verändert im Design oder in der Agrartechnik, in der Umsetzung, in den Pflegemaßnahmen. Das ist also rein durch diese klimatischen Einflüsse zu beschreiben."

Die letzten großen Dürrejahre liegen jenseits der bislang veröffentlichten Daten, die 2018 enden. Die Frage, wie es danach auf dem Feld aussah, wird Teil kommender Veröffentlichungen der Forschungsgruppe sein. Aber eine Erkenntnis aus den Dürrejahren nimmt Janna Macholdt schon vorweg: "Meistens sieht man den stärksten Ertragsrückgang in den sehr gut gedüngten Varianten. Weil die natürlich sagen, ich hätte eigentlich alle Nährstoffe zur Verfügung, aber was anderes ist ertragslimitierend, nämlich die klimatischen Stressoren."

Wer alles hat, verliert also am meisten. Die ausgehungerte Parzelle habe schon immer Stress gehabt, viel tiefer gehe es dort nicht. Am besten durch die Stressjahre gekommen seien die Parzellen mit Stallmist, weil Humus Wasser speichert: "Also als Puffer sozusagen."

Nur schwindet genau dieser Puffer. Der Kohlenstoff im Oberboden wird seit 1878 mitgemessen, und die Reihe zeigt etwas, das sich nicht auf eine einzelne Parzelle schieben lässt.

Forschungsarbeit unter Denkmalschutz

Zwei Weltkriege, eine Inflation, die DDR und die Wende hat der Versuch überstanden. Dass er noch läuft, war mehrfach nicht sicher. Er bindet Personal, Technik und Geld, und davon gibt es auch heute in Sachsen-Anhalt nicht zu viel. "Es waren immer wieder sehr viele Leute, die für den Versuch gekämpft haben", sagt Macholdt.

Gesichert ist er seit 2007. Seither steht die komplette Versuchsstation auf der Denkmalliste des Landes. Das schützt sie nicht nur vor dem Rotstift, sondern auch vor dem Immobilienmarkt. "Da gibt es ja auch immer so Unternehmen, die ihre Fühler mal ausstrecken", sagt Macholdt.

Gearbeitet wird also weiter, mit Methoden, von denen man 1878 noch nichts ahnen konnte. Bodensonden messen Feuchte und Temperatur in über einem Meter Tiefe, Drohnen machen spektrale Aufnahmen, das Leben im Boden wird genetisch untersucht. Julius Kühn wäre gewiss überrascht, was sich aus seinem Stück Acker alles ablesen lässt.

Pressemitteilung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zum "ewigen Roggen"

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