Auftauender Permafrost macht Felswände instabiler und sorgt vermehrt für herabfallendes Gestein. Doch die Hochgebirge sind nicht dem Untergang geweiht: Beobachtung, Warnsysteme und Anpassung sollen Menschen schützen.
AUDIO: Was tun, wenn der Berg bröckelt? (4 Min)
Klimawandel im Hochgebirge
Was tun, wenn der Berg bröckelt?Stand: 19.10.2026 17:19 Uhr
Ob am Mont Blanc, am Matterhorn und erst jüngst ein großer Felssturz an der Zugspitze: Dieses Jahr hat mit seinem Hitzesommer gezeigt, wie dynamisch sich die Hochgebirge verändern. Der Klimawandel lässt in den Alpen den Permafrost auch in großen Höhen abtauen, und das macht den Fels instabil. Zunehmend sucht sich das lose Gestein nun seinen Weg Richtung Tal. Was bedeutet das für die Menschen, die im Gebirge unterwegs sind oder leben?
von Kristin Kielon
Es ist eines von vielen Videos, die in diesem Hitzesommer aus den Alpen durch die Social Media-Kanäle gingen: Eine Helmkamera zeigt den Blick in Richtung eines Felsmassivs, es staubt und zahllose kleinere Steine bis hin zu großen Felsstücken stürzen krachend in Richtung des Filmenden – zu hören sind angsterfüllte Schreie und Flüche. Der Bergsteiger hat Glück, er überlebt diese lebensgefährliche Situation.
Aufnahmeort ist ein unter Bergsportlern ohnehin berüchtigter Ort: das Grand Couloir am Mont Blanc – eine Rinne, die auf 3.340 Metern durchquert werden muss und von manchen Medien auch gern als Todes-Couloir bezeichnet wird. Im August hat die Lokalregierung die Route wegen erhöhter Gefahr von Felsstürzen und Steinschlag komplett gesperrt.
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Allein im Mont-Blanc-Massiv zählen Fachleute in diesem Jahr schon etwa 450 größere Felsstürze. In allen Hochgebirgsregionen – also im ganzen Alpen-Gebiet – kommt es immer häufiger zu Steinschlägen, Murengängen oder gar Fels- und Bergstürzen. In dieser Woche erst hat es Deutschlands höchsten Berg getroffen. Auch am Matterhorn ist es den Bergführern zu gefährlich geworden, und nicht zuletzt ist auch die verheerende Katastrophe im Himalaya ein eindrücklicher Beleg dafür, dass das Gebirge sich in rasender Geschwindigkeit verändert: Der Berg bröckelt.
Klimawandel lässt Permafrost tauenEine Hauptursache für diese Entwicklung ist die Klimaerwärmung. Und ein Hitzesommer wie wir ihn in diesem Jahr erlebt haben, setzt dem Gestein besonders zu. In den Alpen liegt die Erwärmung mittlerweile bei drei Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau, erklärt Christian Huggel von der Universität Zürich. Er forscht zu den Auswirkungen des Klimawandels und zu Anpassungsstrategien in Gebirgsregionen. "Das ist mehr als doppelt so viel wie der globale Durchschnitt und das hat Konsequenzen", sagt er. Das Hochgebirge verändere sich rasant: "Gletscher schmelzen ab, Permafrost traut auf und die großen Bergflanken sind einfach schwarz." Während der Schnee das Sonnenlicht reflektiert hat, dringt die Wärme jetzt bis in die Tiefe – dahin, wo bisher das ewige Eis war.
"Erhebliche Flächen oberhalb von etwa 2.500 Metern bestehen aus sogenanntem Permafrost", sagt Gletscherforscherin Andrea Fischer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Im gefrorenen Untergrund stecke das Eis in Fels und Schutt und dort wirkt es wie eine Art Kleber, der das Gestein zusammenhält, erklärt sie. "Wenn dieser Kleber aufgrund der Erwärmung auftaut, dann fangen die Berge an zu bröseln, bis sich wieder eine stabile Situation einstellt. Das heißt: Es fällt so lange loses Gestein vom Berghang, bis sich wieder ein Gleichgewicht ergibt. Die gute Nachricht ist also, sagt Fischer: Irgendwann wird der Berg auch ohne Permafrost wieder stabil sein.
Aber bis es soweit ist, wird noch eine Menge Gestein fallen. Denn so massiv wie die Berge aussehen, sind sie eigentlich nicht, erläutert die Forscherin: "Sie sind im Inneren kein Gesteinsblock, sondern bestehen eigentlich aus zusammengehaltenen Gesteinsteilen." Felsbereiche, die durch Klüfte voneinander getrennt sind, können also ohne den Permafrost ihre Stabilität verlieren. Zusätzlich können Wasser, Starkregen sowie Tau- und Gefrierprozesse den Untergrund schwächen oder bereits lockere Massen in Bewegung setzen.
Permafrost
Boden oder Gestein, das mindestens zwei Jahre lang durchgehend gefroren bleibt. Das darin enthaltene Eis kann Fels und Geröll stabilisieren – taut es auf, kann der Untergrund instabiler werden.
Felssturz
Eine größere zusammenhängende Felsmasse löst sich aus einem Hang oder einer Felswand und stürzt ins Tal. Dabei werden mehrere tausend Kubikmeter Gestein bewegt.
Bergsturz
Eine sehr große Gesteinsmasse bricht aus einem Berg oder Hang heraus und bewegt sich mit hoher Geschwindigkeit talwärts. Bergstürze können Millionen Kubikmeter Gestein umfassen und ganze Landschaften verändern.
Der Prozess ist allerdings nicht neu, betont Fischer: Berge verwittern und erodieren seit ihrer Entstehung. Der Klimawandel beschleunige diesen Prozess aber in bestimmten Höhenlagen. Wie viel häufiger es zu sogenannten Sturzereignissen komme, lasse sich nicht genau sagen. Die Aufzeichnungen reichten oft nur wenige Jahrzehnte zurück. Für die Ostalpen sieht Fischer inzwischen dennoch eine Häufung.
Christian Huggel von der Universität Zürich verweist auf eine Studie zum gesamten Alpenbogen: Bei größeren Felsstürzen habe es im 20. Jahrhundert noch etwa alle drei bis fünf Jahre ein solches Ereignis gegeben, im 21. Jahrhundert seien es zwei bis drei pro Jahr. Auch sehr große Ereignisse würden häufiger beobachtet. "Da hatten wir früher vielleicht so ungefähr alle 10 Jahre einen und jetzt haben wir die ganz großen Stürze alle zwei Jahre", sagt Huggel. Und: "Diese Sachen passieren jetzt auch an Orten, wo wir das historisch nicht gekannt haben." Das sei eine direkte Folge des Klimawandels, die dafür sorge, dass man sehr genau hinschauen und analysieren müsse, welche Orte, Siedlungen und Infrastrukturen neu gefährdet seien.
Ein Zurück gibt es nicht mehr, sagt der Geomorphologe Oliver Sass von der Universität Bayreuth. "Im Großen und Ganzen kann man nichts machen." Bei großen Felsstürzen und erst recht bei Bergstürzen reichten technische Schutzmaßnahmen nicht aus. Fangnetze könnten zwar einzelne Steine aufhalten und zum Beispiel Straßen schützen – gegen Millionen Kubikmeter Gestein helfen sie nicht.
Deshalb beginnt der Schutz von Anwohnenden, Bergsportlern und allen anderen, die sich in den Hochgebirgen aufhalten, schon lange vor dem eigentlichen Abbruch: mit Beobachtung. Felswände können geologisch untersucht und gefährdete Bereiche ausgewiesen werden, sagt Sass. "Es gibt verschiedene Entfernungsmessmethoden, Laserscanning beispielsweise, mit denen man feststellen kann, ob sich das Gestein verformt." Außerdem kündigten sich größere Ereignisse durch kleinere Steinschläge und zunehmende Bewegung an. In bekannten Gefahrenbereichen könnten zusätzlich Radar, GPS, Kameras oder andere Sensoren eingesetzt werden. "Wenn man es also in irgendeinem Bereich dauernd klappern hört und erhöhten Steinschlag feststellt, dann sollte man da weg bleiben", sagt Sass.
Für Bergsportler und auf Wanderungen gelten in Zeiten des Klimawandels ein paar einfache Regeln am Berg: erhöhte Steinschlagaktivität ernst nehmen, sich nicht unnötig lange unter steilen Felswänden aufhalten – und vor allem Sperrungen beachten. Keinesfalls sollten Ortsfremde auf gesperrten Wegen unterwegs sein und schon gar nicht ohne Schutzhelm. Im Zweifelsfall bedeutet das Lebensgefahr.
Vom Sperren zum AnpassenFür die Menschen im Tal geht es um mehr als um einen gesperrten Wanderweg. Größere Sturzereignisse können Straßen, Seilbahnen oder Gebäude zerstören. Deshalb sind auch funktionierende Frühwarnsysteme, Schutzdämme oder andere technische Maßnahmen wichtig, erklärt der Schweizer Huggel. Die hätten aber Grenzen – und müssen wirksam und finanzierbar sein.
"Wenn man in Zukunft sieht, Maßnahmen sind nicht mehr wirksam oder schlicht einfach zu teuer, dann muss man sich auch überlegen, ob man Teile von Siedlungen umsiedeln muss oder Infrastruktur an anderen Orten aufbauen." Huggel verweist auf Erfahrungen in der Schweiz: Umsiedlungen seien aufwendig und für Betroffene schmerzhaft, könnten aber auch eine neue Perspektive eröffnen, wenn es gute Alternativen gebe.
Die Menschen in den Bergen treffen solche Szenarien nicht völlig unvorbereitet. "Wir haben Gott sei Dank gerade im Alpenraum hier sehr viele Jahrhunderte an Übungen im Umgang mit den Naturgefahren", sagt Gletscherforscherin Fischer. Warnsysteme, Sperrungen und der Umgang mit Lawinen seien etabliert. Was sich ändern müsse: Diese Erfahrungen müssten noch stärker auf sommerliche Gefahren wie Felsstürze übertragen werden. Fischer sieht dafür gute Voraussetzungen: „Im Alpenraum selbst hält sich die Aufregung darüber eigentlich sehr in Grenzen, weil wir, die wir hier leben, uns ja sehr wohl bewusst sind, dass wir hier im Schatten der Berge leben und uns nach den Bergen richten müssen."
Die Alpen verschwinden nichtMit dem abtauenden Permafrost im Inneren der Hochgebirge und den zunehmenden Starkniederschlägen im Zuge des Klimawandels werden sich die Alpen zwar deutlich verändern – aber nicht zusammenfallen, betont Geomorphologe Sass. "Was in nächster Zeit geschehen wird, ist, dass sich in bestimmten Höhenbereichen über 3.000 Meter die Sturzereignisse deutlich häufen werden." Deshalb werde sich auch die Form der Berge insofern ändern, dass es mehr Nischen geben wird, an denen Material ausgebrochen ist.
Wie lange diese Phase anhält, ist offen. Fischer erwartet jedenfalls langfristig weniger Sturzereignisse – nämlich dann, wenn der Permafrost verschwunden ist und sich ein neues Gleichgewicht eingestellt hat. Wann das sein wird, lasse sich aber nicht sagen. Bis dahin muss der Mensch seine Risiken begrenzen: genauer beobachten, rechtzeitig warnen, gefährdete Bereiche schützen und Wege oder Infrastruktur anpassen.
Klima
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