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Was passiert, wenn alle Boomer in Rente sind?

Дата публикации: 16-10-2026 09:46:43

Bis zum Jahr 2036 haben alle Menschen aus den Babyboomer-Jahrgängen das Rentenalter erreicht. In Teilen Ostdeutschlands ist die Alterung schon weiter fortgeschritten als im Rest des Landes.

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Rentnerpaar genießt den Sonnenuntergang zuhause auf der Terrasse,

AUDIO: Sind wir zu wenige, wenn alle in Rente gehen? (11 Min)

Die großen Fragen in 10 Minuten

Sind wir zu wenige, wenn alle in Rente gehen?

Stand: 16.10.2026 11:46 Uhr

Bis zum Jahr 2036 haben alle Menschen aus den Babyboomer-Jahrgängen das Rentenalter erreicht. In Teilen Ostdeutschlands ist die Alterung schon weiter fortgeschritten als im Rest des Landes. Der Bevölkerungsforscher Frank Swiaczny erklärt, warum sich diese Entwicklung so genau vorhersagen lässt, und warum wir trotzdem nicht alles wissen können, wenn wir Prognosen für die Zukunft erstellen.

von Maike zum Hoff

Wenn der Bäcker im Dorf schließt, weil niemand den Betrieb übernimmt, merkt man das im Alltag. In den kommenden Jahren wird das öfter passieren: Ende 2024 hatten laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft erst 6 Millionen der etwa 19,5 Millionen Babyboomer der Jahrgänge 1954 bis 1969 die Regelaltersgrenze erreicht. Der jüngste Jahrgang, 1969, wird 2036 67 Jahre alt.

Schon heute kommen laut Statistischem Bundesamt auf 100 Menschen im Erwerbsalter 33 im Rentenalter. 2035 wird jede vierte Person in Deutschland 67 oder älter sein, 2024 war es jede fünfte. Sind wir also bald zu wenige? Zu wenige, die noch arbeiten, um alles am Laufen zu halten? Zu wenige, die in die Sicherungssysteme einzahlen? Zu wenige, die den steigenden Bedarf an Pflegeleistungen auffangen können?

Die Rentner von 2036 sind bekannt

Frank Swiaczny

Frank Swiaczny ist Bevölkerungsgeograf am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden und war von 2017 bis 2020 Vizedirektor der UN-Bevölkerungsabteilung in New York. Er erklärt, warum sich die Entwicklung so gut vorhersagen lässt. Die Menschen, die Ende der 2030er-Jahre in den Ruhestand gehen, leben schon heute. Wie viele es sein werden und wie alt sie dann sind, ist bekannt. Die Fachleute nennen das demografische Trägheit:

In der Altersstruktur, die wir heute sehen, ist zu einem guten Teil die Bevölkerungsstruktur und die Bevölkerungszahl in Zukunft schon angelegt.  Frank Swiaczny, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

Demografische Trägheit heißt: Die Bevölkerung verändert sich langsam, weil sie aus Jahrgängen besteht, die sich nicht von heute auf morgen austauschen lassen. Selbst wenn die Geburtenrate morgen steigen würde, würde das erst in Jahrzehnten bei den Erwerbstätigen und den Beitragszahlern ankommen, denn ein Kind braucht rund zwei Jahrzehnte, bis es arbeitet, und noch länger, bis es selbst Kinder hat. Das Statistische Bundesamt beschreibt es ähnlich: Demografische Prozesse wirken lange in die Zukunft hinein. Deshalb lässt sich die Altersstruktur der nächsten ein, zwei Generationen sehr genau vorausberechnen, während die Zahl der Menschen in 100 Jahren kaum jemand seriös nennen kann.

Der Osten ist schon einen Schritt weiter

Wie unterschiedlich die Alterung verläuft, zeigt ein Blick auf die Länder: 2024 lag der Anteil der Menschen im Ruhestandsalter laut Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung zwischen 16 Prozent in Hamburg und 25,3 Prozent in Sachsen-Anhalt. Als Grund nennt das Institut vor allem die Wanderungsbewegungen der vergangenen Jahrzehnte: Aus strukturschwachen Regionen, besonders in Ostdeutschland, sind überwiegend jüngere Menschen fortgezogen.

Der neue Bundesarbeitsminister Alexander Schweitzer (SPD)

Bis 2045 dürften laut der Analyse die Landkreise Greiz (31,9 Prozent) und Altenburger Land (31,7 Prozent) in Thüringen sowie Spree-Neiße in Brandenburg (31,8 Prozent) die höchsten Anteile Älterer aufweisen. Der ländliche Raum Ostdeutschlands nehme damit eine Vorreiterrolle ein, sagt Frederick Sixtus vom Berlin-Institut: Was viele westdeutsche Regionen erst erwarte, hätten ostdeutsche Regionen in Teilen bereits erlebt.

Die Daten des Statistischen Bundesamts passen dazu: 2024 waren in den ostdeutschen Flächenländern 24 Prozent der Menschen 67 oder älter, in den westdeutschen 20 Prozent und in den Stadtstaaten 17 Prozent. Im Osten steigt die Zahl der Älteren bis zum Höchststand 2038 nur noch um 11 bis 16 Prozent, im Westen bis 2039 um rund 30 Prozent.

Auch innerhalb des Landes gibt es für Swiaczny nicht den einen Durchschnitt. Periphere Regionen im Osten verlieren seit der Wende Einwohner, in Boomregionen fehlt dagegen Wohnraum. Wo wenige Menschen leben, trägt sich irgendwann keine Klinik und kein Kulturangebot mehr. Die nächste Großstadt ist weit weg, und eine ältere, weniger mobile Bevölkerung muss diese Wege schaffen. Hinzu kommt die Frage, wie sich dort der öffentliche Nahverkehr organisieren lässt.

Drei Stellschrauben, zwei klemmen

Die Bevölkerungsentwicklung hängt an drei Größen: Lebenserwartung, Geburten und Zuwanderung. An der Lebenserwartung will niemand drehen, im Gegenteil. Swiaczny möchte in diesem Zusammenhang auch das Wort "Überalterung" nicht verwenden, denn es unterstelle ein "richtiges" Alter.

Je dunkler, desto älter - im Durchschnitt

Dass immer mehr Menschen ein hohes Alter erreichen, sei ja doch zunächst ein großer Erfolg für Medizin, Sozialsystem und Gesellschaft. Bei den Geburten sei der Spielraum klein, sagt Swiaczny. Alle Versuche, die Geburtenrate zu beeinflussen, seien weltweit recht erfolglos geblieben. Seit Mitte der 1970er-Jahre bewegt sich die Rate in Deutschland laut Statistischem Bundesamt zwischen 1,3 und 1,6 Kindern je Frau. 2016 bis 2021 lag sie bei 1,55 bis 1,61, was die Behörde mit besseren Rahmenbedingungen für Familien wie Elterngeld und Kleinkinderbetreuung in Verbindung bringt. 2024 waren es nur noch 1,35, 2025 dann 1,32.

Eine Kehrtwende wäre außerdem zu spät: Die Eltern, die dafür nötig wären, sind in den vergangenen Jahren schlicht nicht geboren worden. Das lasse sich nicht nachholen. Er plädiert deshalb dafür, sich eher mit innovativen Lösungen zu beschäftigen.

Bleibt die Zuwanderung. Ohne sie würde Deutschlands Bevölkerung laut Statistischem Bundesamt seit Langem schrumpfen, denn seit 1972 sterben jedes Jahr mehr Menschen, als geboren werden. Swiaczny sieht in der Zuwanderung die einzige größere Stellschraube, die sich noch drehen lasse. Kurzfristig entlaste sie den Arbeitsmarkt. An der Alterung ändere sie langfristig nichts, denn auch junge Zugewanderte werden irgendwann alt. Und es zählen nicht nur die Köpfe: Wie viele bleiben, sich integrieren und auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen, lasse sich in Modellen kaum vorhersagen.

Die Brille der heutigen Probleme

Fachkräftemangel, fehlendes Pflegepersonal, eine belastete Rentenkasse: Für die Übergangszeit seien das reale Probleme, sagt Swiaczny. Doch die Prognosen haben aus seiner Sicht einen blinden Fleck:

Wir sehen im Moment, wenn wir die demografischen Prognosen anschauen, die künftige Bevölkerungsentwicklung mit der Brille der heutigen Probleme.  Frank Swiaczny

Die Modelle schreiben die Gegenwart fort. Dass sich Arbeitsmärkte etwa durch KI massiv umstrukturieren, ist darin nicht eingerechnet. Wie viele Arbeitskräfte in zehn oder zwanzig Jahren gebraucht werden, wisse heute niemand. Auch die reine Kopfzahl sage wenig, denn viele Menschen im Erwerbsalter arbeiten gar nicht oder nicht in Vollzeit. Was eine Generation zur Wirtschaft beitrage, hänge stark von ihrer Bildung ab. Weniger Kinder könnten deshalb auch eine Chance sein, wenn man mehr in sie investiert: "Das ist kein Nullsummenspiel", sagt Swiaczny.

Die Boomer sind anders als ihre Eltern

Die Generation, die jetzt in Rente geht, unterscheidet sich von der davor. Laut Swiaczny geht sie deutlich gesünder und gebildeter in den Ruhestand. Er sieht in den relativ gesunden Jahrgängen ein großes Potenzial, vor allem in ehrenamtlichen Bereichen wie der Pflege, Betreuung und im sozialen Zusammenhalt der Gemeinden. Das taucht in den üblichen Arbeitsmarktindikatoren gar nicht auf.

Denn nach der Rentenwelle wartet bereits die nächste Herausforderung: Die Zahl der Menschen ab 80 steigt ab Mitte der 2030er-Jahre deutlich, von 6,1 Millionen 2024 auf 8,5 bis 9,8 Millionen im Jahr 2050. Danach, sagt Swiaczny, verlangsame sich die Alterung wieder, und 2060 habe Deutschland eine andere Altersstruktur. Sein Fazit fällt vorsichtig optimistisch aus:

Deutschland wird anders aussehen. Ob es zwangsläufig schlechter aussieht, muss sich zeigen. Ich bin da optimistisch. Frank Swiaczny

Ob wir zu wenige sind, hängt deshalb auch davon ab, wofür wir die Menschen in zehn oder zwanzig Jahren brauchen werden. Das können die Prognosen nicht sagen.

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