Man weiss wenig über sie, umso zahlreicher sind die Legenden, die sich um sie ranken: Maria Magdalena ist eine der schillerndsten Figuren der Bibel. Das Städel-Museum Frankfurt widmet ihr eine grosse Ausstellung.
Man weiss wenig über sie, umso zahlreicher sind die Legenden, die sich um sie ranken: Maria Magdalena ist eine der schillerndsten Figuren der Bibel. Das Städel-Museum Frankfurt widmet ihr eine grosse Ausstellung.
Franz Zelger, Frankfurt20.10.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten

Städel-Museum Frankfurt a. M.
Magdalena ist die faszinierendste und schillerndste biblische Frauengestalt. Im Neuen Testament steht wenig über sie, umso zahlreicher sind die Legenden, die sich um sie ranken. Dabei verschmolzen mehrere Figuren zu einer zusammen. In der Bibel namentlich erwähnt wird Maria von Magdala, die bei der Kreuzigung und Grablegung Christi zugegen war, während die Jünger sich ängstlich versteckten. Als Erste sei sie dem Auferstandenen begegnet und habe die Osterbotschaft verkündet, weshalb sie den Aposteln gleichgesetzt wurde.
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Mit dieser Maria Magdalena wurden zwei andere Frauengestalten vereint, Maria von Ägypten, eine bekehrte Prostituierte, die nackt, nur von ihrem langen Haar bekleidet, in der Wüste lebte, und jene namenlose «schlechte Frau», die beim Gastmahl des Pharisäers Simon die Füsse von Jesus mit ihren Tränen benetzte, sie mit ihren Haaren trocknete, küsste und salbte. Mit dieser Szene verbinden sich ihre Hauptattribute, das lange Haar und das Salbgefäss.
Die verschiedenen Erscheinungsformen der Maria Magdalena haben sie zu einer Projektionsfläche nicht nur für religiöse Vorstellungen, sondern auch für erotische Phantasien gemacht, zu einem Spiegel weiblicher Rollenbilder im Wandel der Zeit. Davon liessen sich Kunstschaffende vom frühen Mittelalter bis zur Pop-Kultur inspirieren.
Legitime NacktheitDas Frankfurter Städel-Museum widmet dem schier unerschöpflichen Thema eine gross angelegte Schau, die fast tausend Jahre umspannt und Werke der Malerei, Plastik und Grafik vereint. Die Bestände des Städel und der benachbarten Liebighaus-Skulpturensammlung wurden mit hochkarätigen Leihgaben aus europäischen und amerikanischen Sammlungen ergänzt, darunter auch Altarretabel, welche die Magdalenen-Legenden bilderreich erzählen.
Zu den frühen Exponaten zählt die um 1478/80 geschaffene «Büssende Magdalena vor dem Kreuz» von Filippino Lippi, eine kniende, von ihrem langen Haar umhüllte Heilige mit verhärmten, ausgemergelten Gesichtszügen, die, den Blick zum Kreuz hinauf gerichtet, vor einer Grotte betet. Die Szene nimmt auf jene Erzählung der «Legenda aurea» Bezug, wonach Magdalena in einem Schiff ausgesetzt wurde, das in der Provence gelandet sei. Dort habe sie dreissig Jahre büssend in einer Höhle im Bergmassiv von Sainte-Baume gelebt. Der Ort wird noch heute von Heerscharen von Pilgern aufgesucht.
Mit der Gegenreformation erlangte in der katholischen Kirche das Busssakrament zunehmende Bedeutung, was das Spektrum der Magdalenen-Darstellungen weit öffnete. Magdalenas Rolle als Zeugin der Kreuzigung und Auferstehung verbildlichen in der Städel-Ausstellung Meisterwerke wie eine um 1100 geschnitzte Elfenbeintafel und die «Noli me tangere»-Gemälde von Lavinia Fontana (1581) und Bartholomäus Spranger (1591).

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Doch mit der Darstellung der Sünderin und Büsserin bot sich den Künstlern ein willkommener Vorwand, den Frauenkörper nackt, verführerisch und sexuell aufgeladen zu zeigen. Besonders intensiv beschäftigte sich Tizian mit dem Thema. Auf der in Frankfurt gezeigten Version (1560/70), an der Tizians Werkstatt wesentlich beteiligt war, sind die Brüste der Büssenden bedeckt, die Haare geknotet, über ein weisses Untergewand hat sie ein gestreiftes Tuch geschlungen, und vor der himmelwärts Blickenden liegt auf einem Totenschädel ein aufgeschlagenes Buch. Diese dezente Fassung steht in Zusammenhang mit einem Bilderdekret des Konzils von Trient, das gegen laszive Darstellungen von Heiligen gerichtet war.
Ein Glanzlicht der Ausstellung ist El Grecos «Büssende Magdalena» (1580/85). Das Kompositionsschema entspricht weitgehend jenem von Tizian mit der Halbfigur vor einem Felsen und offenem Hintergrund rechts. Bei Greco ist der Fels von immergrünem Efeu umrankt, dem Symbol des ewigen Lebens, das den reuigen Sündern verheissen ist. Die in mehreren Schichten übereinandergelegten, virtuos gemalten Stoffe, in die diese Magdalena gehüllt ist, zeugen davon, dass die Heilige gemäss der Legende eine wohlhabende Frau war.

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Am glanzvollsten gekleidet ist allerdings Giovanni Girolamo Savoldos «Maria Magdalena vor dem Grab» (um 1535/40). Als Halbfigur in ein silbern schimmerndes Seidentuch gehüllt, den Kopf auf die Rechte gestützt, blickt sie versonnen direkt auf den Betrachter. Bei Guido Cagnacci sitzt die «Büssende Magdalena» mit entblösstem, grell beleuchtetem Oberkörper in einer Nische, den Kopf in Ekstase zurückgelehnt, die Augen geschlossen, den Mund leicht geöffnet, auf dem Tuch exakt über ihrem Schoss ein Totenschädel (1622/27).
Wie sehr das Bild mit an Pornografie grenzender Erotik aufgeladen ist, macht der Vergleich von Cagnaccis Werk mit der «Büssenden Magdalena» (1663) von Elisabetta Sirani deutlich. Der Bildaufbau und die Attribute sind weitgehend identisch, doch das Kruzifix steht gut sichtbar über einem aufgeschlagenen Buch, die teilweise von Haarsträhnen bedeckten Brüste Magdalenas sind nicht herausmodelliert wie bei Cagnacci, sie scheint zu schlummern. Derselbe Bildgegenstand, einmal aus männlicher, einmal aus weiblicher Perspektive gesehen.
Einen weiteren erotisierten Magdalenen-Typus hat Correggio geschaffen, indem er die Figur liegend zeigte. Das wurde im 18. und 19. Jahrhundert von vielen Nachfolgern adaptiert. Doch es gibt auch grossartige Gegenbeispiele. Bei Georges de La Tour scheint Magdalena ihr irdisches Leben abgelegt zu haben (1635/40). Vom Schein einer Kerze beleuchtet, gibt sie sich ganz der Meditation hin, während die Finger ihrer linken Hand einen Totenschädel berühren.

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Ein anderes Thema der «Legenda aurea» ist die Elevatio der Heiligen. Da es in der Höhle, in die sich Magdalena zur Meditation zurückgezogen habe, keine Nahrung gegeben habe, sei sie jeden Tag von Engeln gen Himmel getragen worden, um mit «himmlischer Speise» in Form von Gesängen genährt zu werden. Auf einem weit verbreiteten Holzschnitt von Dürer schwebt sie, von Putten umringt, über einer Küstenlandschaft, so dass sie an eine dem Meer entstiegene Venus erinnert.
Individuelle DeutungenDie Popularität der Heiligen hat dazu geführt, dass sie als Identifikationsfigur auch zum Gegenstand von Porträts wurde, etwa in zwei Meisterwerken Dürers, dem «Bildnis einer jungen Frau mit geflochtenem Haar» und dem «Bildnis einer jungen Frau mit offenem Haar» (beide 1497). In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren es oft ehemalige Maitressen, die den Malern als büssende Magdalena Modell sassen, so die von Jean Ranc porträtierte Madame de Montespan, die langjährige Geliebte von Louis XIV.
Je mehr religiöse Vorstellungen in den Hintergrund traten, desto weiter emanzipierten sich die Magdalenen-Darstellungen von der Tradition, und desto subjektiver interpretierten die Kunstschaffenden die Figur. Welten liegen zwischen Canovas ganz in sich versunkener, hingebungsvoller Magdalena, Puvis de Chavannes gleichsam versteinerter «Madeleine à la Sainte-Baume», Böcklins verzweifelt Trauernder über dem Leichnam Christi und Max Beckmanns Gruppenbild mit Christus und der als Ehebrecherin interpretierten Sünderin.

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Als Sittenbild einer patriarchalen Gesellschaft des Fin-de-siècle lässt sich Jean Bérauds Gemälde «Magdalena beim Pharisäer» lesen, auf dem die Büssende vor einer um einen Tisch versammelten voyeuristischen Herrenrunde Christus zu Füssen liegt. Skandalisierend war dabei, dass die Zeitgenossen die Magdalena als eine bekannte Kabarett-Tänzerin und Kurtisane identifizieren konnten. Im 20. Jahrhundert verzichteten Künstlerinnen wie Lotte Laserstein («Bildnis Catharina Sjölund») oder Marlene Dumas («Naomi Cambell [sic] as Maria Magdalena») in ihren Magdalenen-Adaptationen gänzlich auf christliche Symbolik. Für sie hat die biblische Gestalt Vorbildcharakter als mutige, unabhängige, selbstbestimmte Frau.
![Ganz ohne christliche Symbolik: Marlene Dumas' «Naomi Cambell [sic] as Maria Magdalena», 1996.](https://img-msp-prod.nzz.ch/2026/10/19/1b29ae14-1968-477a-873f-b80681f00f62.jpg?width=654&height=654&fit=bounds&quality=75&auto=webp&crop=2459,3500,x0,y0)
Städel-Museum Frankfurt a. M.
Im jüngsten, 2025 geschaffenen Exponat, das den Ausstellungsparcours zusammen mit Werken von Kiki Smith, Marlene Dumas, Nicola Samorì und David LaChapelle fulminant eröffnet, kleidet die Spanierin Nieves González Magdalena in eine dick gepolsterte rote Daunenjacke. Sie blickt von oben auf die Betrachter, nicht demütig oder schuldbewusst, sondern überlegen, provozierend, wie es der Bildtitel «Die Herausforderung» signalisiert.
Maria Magdalena. Sin. Pray. Love. Städel-Museum Frankfurt a. M., bis 17. Januar 2027. Katalog Euro 49.90.
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