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Ein staunenswertes litauisches Frauenschicksal – das bewegte und bewegende Leben von Zemaite

Дата публикации: 17-10-2026 03:30:00

Unter dem Namen Zemaite wurde Julija Beniuseviciute-Zymantiene (1845–1921) zu einer weitum gefeierten Autorin und Frauenrechtlerin. Ihr Werk umfasst mehr als 350 Erzählungen und Novellen, ferner Theaterstücke. Jetzt liegt ihre Autobiografie vor – ein Glücksfall.

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Ein staunenswertes litauisches Frauenschicksal – das bewegte und bewegende Leben von Zemaite

Unter dem Namen Zemaite wurde Julija Beniuseviciute-Zymantiene (1845–1921) zu einer weitum gefeierten Autorin und Frauenrechtlerin. Ihr Werk umfasst mehr als 350 Erzählungen und Novellen, ferner Theaterstücke. Jetzt liegt ihre Autobiografie vor – ein Glücksfall.

Ilma Rakusa17.10.2026, 05.30 Uhr

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Für die Rechte der Frauen: Zemaite in einem Fotostudio in Vilnius.

Für die Rechte der Frauen: Zemaite in einem Fotostudio in Vilnius.

Šiauliai Dawn Museum

Der Berliner Guggolz-Verlag ist immer wieder für eine Überraschung gut, soeben mit der Veröffentlichung der Autobiografie von Zemaite. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich Julija Beniuseviciute-Zymantiene (1845–1921), eine Litauerin aus einer polnischsprachigen kleinadligen Familie, die komplizierteste Zeitläufte überstand, um zu einer gefeierten Autorin und Frauenrechtlerin zu werden. Seit der dritten Teilung der Adelsrepublik Polen-Litauen im Jahre 1795 hat das Litauische Grossfürstentum seine Eigenstaatlichkeit verloren, und das zaristische Russland betreibt eine Russifizierungspolitik, die sich repressiv gegen Wissenschaft, Kultur und den katholischen Klerus richtet. Besonders nach den niedergeschlagenen Aufständen von 1830 bis 1831 und 1863 bis 1864 wird die Unterdrückung verstärkt.

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Julija lernt von ihrem Vater Lesen und Schreiben, neben Polnisch auch Litauisch und ein wenig Russisch. Doch ausser polnischen Gebetsbüchern findet sie zu Hause keinen Lesestoff. Und religiösen Praktiken gegenüber zeigt sie schon früh Skepsis. Da die Familie verarmt ist, wird sie zu vermögenden Verwandten auf einen Gutshof geschickt, wo sie in verschiedenen Fächern unterrichtet wird, aber auch Haushaltshilfe leisten muss.

Nationale Erweckungsbewegung

Hier erlebt sie aus nächster Nähe, wie Aufständische in den Wäldern gegen die russische Fremdherrschaft kämpfen, unterstützt (und medizinisch versorgt) von Frauen, ob Aristokratinnen oder Bäuerinnen. Auch dieser Aufstand wird scheitern (und zur Deportation vieler Männer nach Sibirien führen), aber er verringert die soziale Kluft zwischen Adel und Bauerntum, was wiederum den Weg für die nationale Erweckungsbewegung ebnet.

Mit zwanzig Jahren heiratet Julija, gegen den Widerstand ihrer Eltern, einen litauischsprachigen ehemaligen Leibeigenen und gründet mit ihm eine Familie. Armut zwingt sie zu harter Haus- und Feldarbeit, die Kinder müssen versorgt werden, über der Ehe steht kein glücklicher Stern. Doch in ihren Lebenserinnerungen ergeht sich Zemaite kaum in Klagen, vielmehr erzählt sie ausführlich über das Schicksal ihres Mannes: wie er als Kind und Jugendlicher von Gutsbesitzern wie ein Sklave gehalten, verprügelt und misshandelt wurde. Diese traumatisierenden Erlebnisse gibt sie im O-Ton wieder, sie gehören zu den beklemmendsten und sozialgeschichtlich aufschlussreichsten Passagen des Buches.

Obwohl ihr Mann trinkt, sie mitunter schlägt und ihre geistigen Interessen missachtet, lässt sich Julija nicht beirren. Auf Umwegen, über Mittelsmänner, besorgt sie sich litauischsprachige Literatur, die offiziell nicht zugelassen ist, mit fünfzig Jahren beginnt sie zu schreiben: Erzählungen, die vor allem im bäuerlichen Milieu spielen und später oft als «ethnografisch» bezeichnet werden, verfasst im litauisch-zemaitischen Dialekt.

Als Autorin legt sie sich das Pseudonym Zemaite zu. Nach dem Tod ihres Mannes, 1898, sucht sie Anstellungen in Häusern von Intellektuellen, widmet sich der Literatur und nimmt 1907 am Ersten Litauischen Frauenkongress teil. Ihre zwei Ansprachen – beide sind im Band abgedruckt – richten sich an die «Mädchen auf dem Land»: mit der Aufforderung, sich dem Diktat der Eltern und Ehemänner nicht zu beugen, Alkoholkonsum zu verweigern, auf Bildung und Selbständigkeit zu pochen. An die gebildeten Frauen appelliert sie, «die Rechte der Frauen auf dem Land an die der Männer anzugleichen».

Zwei Wochen Gefängnis

Selber zeigt sie sich immer im bäuerlichen Kopftuch, auch als sie nach Vilnius zieht und zur verantwortlichen Redaktorin einer litauischen Zeitung wird. Ein darin veröffentlichter antirussischer Text bringt ihr zwei Wochen Gefängnisstrafe ein. Diese Erfahrung hat sie 1914 eindrücklich festgehalten.

Während ihre Texte wesentlich zur Herausbildung der litauischen Standardsprache beitragen, bleibt Zemaite sozial engagiert: Nach Beginn des Ersten Weltkriegs organisiert sie Hilfe für Kriegsflüchtlinge; als deutsche Truppen auf Vilnius vorrücken, reist sie mit Freunden nach Amerika, um Geld für notleidende Menschen in Litauen zu sammeln. Nicht nur zwei ihrer Söhne leben da, zwischen 1899 und 1914 sind rund eine Viertelmillion Litauer in die USA übergesiedelt.

Insgesamt fünf Jahre verbringt Zemaite in Amerika, besucht zahlreiche litauische Communitys und kann erhebliche Spendengelder auftreiben. In der Diaspora kursiert ihr Name bald ebenso wie in der Heimat. Als sie 1921 nach Vilnius zurückkehrt, ist Litauen ein unabhängiger Staat, die Zeichen stehen auf Neuanfang. Nicht so für Zemaite, die im selben Winter an einer Lungenentzündung stirbt. Freilich nach einem Leben, das man sich erfüllter kaum vorstellen kann.

Es ist ein Glücksfall, dass Claudia Sinnig Zemaites Autobiografie sowie einige weitere Erinnerungstexte übertragen hat. Sie sind nicht nur als persönliche, sondern auch als Zeitzeugnisse von unschätzbarem Wert. Ausserdem vermitteln sie ein lebhaftes Bild einer ans Mündliche angelehnten Sprache, die sich die halb autodidaktische Schriftstellerin sozusagen erschaffen musste: aus einem dialektalen Litauisch, vermischt mit polnischen, russischen und jiddischen Ausdrücken. Die Übersetzerin hat sie meisterhaft wiedergegeben.

Zemaites Werk umfasst mehr als 350 Erzählungen und Novellen, ferner Theaterstücke und Reden. Zu hoffen bleibt, dass bald auch davon einiges ins Deutsche übertragen wird.

Zemaite: Und ich dachte für mich. Autobiographie. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. Mit einem Nachwort von Ramune Bleizgiene. Guggolz-Verlag, Berlin 2026. 307 S., Fr. 38.90.

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