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«Dua»: Wenn der Krieg sich in den Alltag einschleicht

Дата публикации: 16-10-2026 03:30:00

Der neue Spielfilm der kosovarischen Regisseurin Blerta Basholli erzählt den Kosovokrieg aus der Sicht einer Teenagerin. Ein mutiges, persönliches Selbstporträt und eine Hommage an Jugendliche, deren Erwachsenwerden von der Gewalt überschattet wird.

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«Dua»: Wenn der Krieg sich in den Alltag einschleicht

Der neue Spielfilm der kosovarischen Regisseurin Blerta Basholli erzählt den Kosovokrieg aus der Sicht einer Teenagerin. Ein mutiges, persönliches Selbstporträt und eine Hommage an Jugendliche, deren Erwachsenwerden von der Gewalt überschattet wird.

Silvia Posavec16.10.2026, 05.30 Uhr

4 Leseminuten


Schleichendes Gefühl der Unsicherheit: Protagonistin Dua (Pinea Matoshi).

Schleichendes Gefühl der Unsicherheit: Protagonistin Dua (Pinea Matoshi).

Ikonë Studio

Dua ist dreizehn. Mit ihren besten Freundinnen macht sie sich für die grosse Party fertig. Sie schminken sich, lachen, rätseln, wer wohl alles da sein wird. Dann geht es los: ein dunkler Raum, laute Musik, schüchterne Blicke. Coming-of-Age-Filme fangen jene aufregende Zeit ein, in der man das Kindsein allmählich hinter sich lässt und sich eine Welt neuer Gefühle auftut. Doch was, wenn der Krieg in diese Zeit einbricht?

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In «Dua» von Blerta Basholli stürmt eine serbische Polizeieinheit ihre Party. Ende der neunziger Jahre hält der Kosovokrieg Einzug in den Alltag der Jugendlichen in Pristina. Die Kinder fliehen, verstecken sich in den Gassen.

Wann wird aus Gegenwehr selbst Gewalt?

Die erste Szene setzt den Ton für den Film, der auf der Kindheit der kosovarischen Regisseurin basiert. Im Mittelpunkt steht Dua (Pinea Matoshi), das jüngste von vier Kindern einer Arbeiterfamilie in einem Stadtquartier von Pristina. Mit wachem Blick beobachtet sie ihre Umgebung. Dass Polizisten ihre Party stören, empört niemanden; der Alltag geht weiter.

Bald fragt man sich, was für das schüchterne Mädchen sonst noch normal geworden ist. Auf dem Schulweg machen Dua und ihre Freundin Umwege, um älteren serbischen Jugendlichen auszuweichen, die auf den Strassen Unruhe stiften. Dort angekommen, wird klar, dass die Schule eigentlich eine Privatwohnung ist, in der die Kinder zum Unterricht zusammenkommen. Auf dem Heimweg grüsst der serbische Nachbar Dua nicht mehr. Zu Hause stösst sie gegen die Wohnungstür, ihr Vater montiert gerade eine Gittertür am Eingang.

Blerta Basholli erzählt aus ihrer Erinnerung, ohne sich in historisch-politischen Erläuterungen zu verlieren. Konsequent folgt sie der Perspektive des jungen Mädchens und lässt ein schleichendes Gefühl der Unsicherheit entstehen. «Man muss keine Waffen und Massenmorde zeigen, um das Ausmass des Krieges zu verdeutlichen», erklärt Basholli. «Für mich war der Krieg in jedem noch so kleinen Moment des Alltags präsent.»

Diese Gewalt findet ihren Weg auch in Duas Alltag: Als die ältere Schwester ihrer Freundin ermordet aufgefunden wird, kommt Dua an jenem Morgen zufällig am Tatort vorbei. Von da an verändert sich etwas: in ihrem Blick auf ihre Familie, auf die Nachbarschaft und auf ihre eigene Rolle darin.

Das Mädchen wird sich der Gewalt und Diskriminierung bewusst, welcher die ethnisch albanische Bevölkerung Kosovos unter serbischer Herrschaft ausgesetzt ist. Die Gefahr wird auch für sie konkret. Dua beschliesst, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, während ihr Bruder erwägt, sich der UCK anzuschliessen, die für die Unabhängigkeit Kosovos kämpfte.

Wenn einem Gewalt angetan wird, wie weit darf man gehen, um sich zu verteidigen? Wann wird aus Gegenwehr selbst Gewalt? Blerta Basholli erzählt mehr als ihre eigene Familiengeschichte. Sie dringt zum Grundkonflikt gewaltsamer Auseinandersetzungen vor: Anhand ihrer unschuldigen Protagonistin erkundet sie den schmalen Grat zwischen Selbstverteidigung und Selbstjustiz. Dabei zeigt sie auch, wie verlockend und einfach Gewalt als Lösung erscheinen kann, wenn die Welt aus den Fugen gerät.

Ein Blick auf die heutige politische Lage zeigt, wie weit das seit 2008 unabhängige Kosovo und Serbien weiterhin von einer Annäherung entfernt sind. Im September 2026 gerieten sowohl das Staatsbegräbnis des in Den Haag verurteilten bosnisch-serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladic als auch das Urteil des Kosovo-Sondergerichts gegen Hashim Thaci wegen Kriegsverbrechen in die Schlagzeilen. Obwohl Mladic nicht am Kosovokrieg beteiligt war, wirft seine Ehrung Fragen zum serbischen Umgang mit der Vergangenheit auf. Das Urteil gegen Thaci, ehemaliger UCK-Führer und später Präsident Kosovos, stiess wiederum in Kosovo und der Diaspora auf Widerstand.

«Menschen im Krieg sind ganz normale Menschen»

In diesem politischen Klima erhält Blerta Bashollis Film eine zusätzliche Bedeutung. Die Regisseurin, die mit ihrer Familie in Kosovo lebt und ihren Film auch vor Ort gedreht hat, wird in ihrer Arbeit immer wieder mit grundlegenden Fragen konfrontiert: «Manche fragen, warum wir den Krieg nicht aus einer historischen Perspektive darstellen, während andere meinen, wir sollten endlich aufhören, Filme darüber zu drehen. Ich glaube, dass diese Filme wichtig sind, weil sie jüngere Generationen aufklären und uns helfen, die Vergangenheit zu verarbeiten.»

Ihren zweiten Spielfilm, der in Cannes Weltpremiere feierte, hat Blerta Basholli ihren Eltern gewidmet. Darin schwingt das Bewusstsein mit, wie schwierig es gewesen sein muss, Kinder in einer von Unsicherheit und Gefahr geprägten Zeit grosszuziehen. Zugleich setzt Basholli ihrem jüngeren Ich ein Denkmal – dem kleinen Mädchen, das am liebsten laut Skunk Anansie hört und mitsingt.

Die Regisseurin vermittelt eine zeitlose Botschaft: «Menschen im Krieg sind ganz normale Menschen, die dieselben Filme mögen und dieselbe Musik hören wie wir – und sie haben es nicht verdient, Krieg erleben zu müssen.» «Dua» ist ein mutiges und kluges Zeitdokument, in dem die Regisseurin die Erfahrungen einer Generation mit ihrer eigenen Erinnerung verbindet, ohne den Blick für das grössere historische Geschehen zu verlieren.

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