In der Neuverfilmung setzt Georgia Oakley auf stürmische Gefühle statt auf britische Contenance.
In der Neuverfilmung setzt Georgia Oakley auf stürmische Gefühle statt auf britische Contenance.
Pamela Jahn20.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

Alex Bailey / AP
Kurz bevor Emma Thompson im März 1996 den Oscar in der Kategorie «Bestes adaptiertes Drehbuch» für Ang Lees «Sinn und Sinnlichkeit» entgegennahm, besuchte sie das Grab von Jane Austen in der Winchester Cathedral. In ihrer Dankesrede erzählte die Schauspielerin dann, sie wolle der Autorin höchstpersönlich ihre Hochachtung erweisen und ihr bei der Gelegenheit von den weltweiten Einspielergebnissen des Films berichten. «Ich hoffe, dass sie weiss, wie gross sie in einem Land wie Uruguay ist», sagte die Britin bei der Preisverleihung.
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Heute scheint sich Austen besonders in Indien noch grösserer Beliebtheit als in Südamerika zu erfreuen. Gleich drei Verfilmungen in verschiedenen Landessprachen sowie eine langlebige Telenovela hat das Schicksal um die Dashwood-Schwestern dort in den letzten zwanzig Jahren hervorgebracht. In Austens Heimatland konzentrierte man sich in der Vergangenheit hingegen vornehmlich auf möglichst originaltreue Miniserien, allesamt produziert von der öffentlichrechtlichen BBC.
Ang Lees Verfilmung blieb der MassstabSelbst Hollywood nahm nach dem durchschlagenden Erfolg von Lees Film Abstand von weiteren historischen Kinoadaptionen und griff die Thematik stattdessen lieber in albernen Teenie-Komödien wie «Material Girls» (2006) oder «From Prada to Nada» (2011) auf. Mit der Neuinterpretation von Georgia Oakley kommt nun eine weitere britische Version von «Sinn und Sinnlichkeit» ins Kino, klassisch inszeniert, aber keineswegs eingestaubt.
Die Regisseurin, die bereits mit ihrem Debütfilm «Blue Jean» (2002) von sich reden machte, wuchs selbst nur wenige Kilometer von Austens Geburtsstätte im englischen Hampshire auf. Ihr Versuch, den zeitlosen Stoff einer nach Selbstverwirklichung strebenden Generation Z näherzubringen, setzt zwar ebenfalls auf jugendlich flammende Herzen und unerfüllte Sehnsüchte.
Seinen Reiz entfaltet der Film weniger im Werben um die vermeintlich noblen Herren als in der Zuneigung und der emotionalen Reibung zwischen Elinor (gespielt von der wunderbaren Daisy Edgar-Jones aus «Normal People») und Marianne (Esmé Creed-Miles). Geblieben ist die Rahmenhandlung: Gemeinsam mit ihrer Mutter (Caitríona Balfe) und dem Nesthäkchen Margaret (Bodhi Rae Breathnach) stehen die beiden Dashwood-Schwestern nach dem Tod ihres geliebten Vaters mittel- und obdachlos da.

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Denn anders als vom Papa am Sterbebett instruiert, verweigert ihr Halbbruder auf Anweisung seiner habgierigen Gattin der Familie fast jegliche finanzielle Unterstützung. Auch das herrschaftliche Anwesen müssen sie bald verlassen und in eine spärliche Bleibe weit weg von ihrem ursprünglichen Zuhause ziehen.
Doch bevor es so weit kommt, trifft Elinor auf den adretten Edward Ferrars (George MacKay), seinerseits Schwager der neuen Hausherrin, während die ungestüme Marianne sich Hals über Kopf in den charismatischen John Willoughby (Frank Dillane) verliebt, anstatt den Avancen des fürsorglichen Colonel Brandon (Herbert Nordrum) nachzugehen.
Den darauffolgenden romantischen Irrungen und Wirrungen der Romanhandlung begegnete Emma Thompsons Drehbuch einst mit viel Charme, Ironie und dem klug gefilterten Wortwitz der literarischen Vorlage. Diana Reid, die australische Bestsellerautorin, setzt in ihrem Drehbuch andere Akzente: Sie rückt den emotionalen Preis ins Zentrum, den Elinor und Marianne für ihre Gefühle zahlen – jede für sich und füreinander.
Darunter leiden die Männer: MacKay spielt Edward mit derart zugeknöpfter Zurückhaltung und britischer Etikette, dass seine Figur allzu unnahbar erscheint; Dillane beherrscht den schlüpfrigen Casanova, wirkt jedoch in der Rolle insgesamt etwas blass. Allein Nordrum verleiht seinem Kriegsveteranen eine geheimnisvoll-grüblerische Würde, die es mit Alan Rickmans nuancierter Darstellung in Lees Klassiker aufnehmen kann.
Auch Daisy Edgar-Jones orientiert sich in ihrem leisen Herzschmerz und der eingefleischten moralischen Verantwortung zunächst am Vorbild. Sie bringt Sinn und Verstand in Oakleys Inszenierung, ähnlich wie einst Thompsons Elinor – aber auch eine ganz neue Sinnlichkeit, die Esmé Creed-Miles abgeht.
Chaos ins Drama bringenDenn deren Marianne hat die hübsch aufgedrehten Locken von Kate Winslet abgelegt. Das strähnige Haar, mit dem sie auftritt, lässt sich selbst in den opulenten Ballszenen kaum bändigen. Mit Dreck unter den Fingernägeln streift sie durch die Wälder, gibt sich einmal flatternd wie ein Vogel und im nächsten Moment kratzbürstig wie ein Tiger.
Creed-Miles’ hyperimpulsives Auftreten treibt das Geschehen voran und führt zu Drive in einem Film, der insgesamt rauer und düsterer erscheint als alle Kinoadaptionen zuvor. Aber immer, wenn die von Sehnsucht und Enttäuschung gezeichneten jungen Damen wieder einmal an ihrem Schicksal zu zerbrechen drohen, kommt ihnen Fiona Shaw als Mrs. Jennings zu Hilfe.
Mit ihrer unermüdlichen Begeisterung fürs Verkuppeln ohne jegliche Scham oder Diskretion bringt sie angemessen viel Chaos ins Drama. Und Oakley entdeckt in Austen am Ende etwas Unerwartetes: eine Zügellosigkeit, die den Charme des Originals bewahrt und es zugleich verfremdet.
Sense and Sensibility: Im Kino (123 Minuten).