Pierre Eugène du Simitière war stetig unterwegs, zwischen der Karibik, Europa und Amerika. Er dokumentierte die Geschichte der Revolution und starb verarmt und unbekannt.
Pierre Eugène du Simitière war stetig unterwegs, zwischen der Karibik, Europa und Amerika. Er dokumentierte die Geschichte der Revolution und starb verarmt und unbekannt.
Helmut Stalder20.10.2026, 05.30 Uhr
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Imago
Es ist der 4. Juli 1776. Soeben hat der Kontinentalkongress in Philadelphia die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet. «Daher tun wir feierlich kund und erklären, dass diese Vereinigten Kolonien freie und unabhängige Staaten sind und es von Rechts wegen bleiben sollen.» Thomas Jefferson hatte den Text aufgesetzt, John Adams und Benjamin Franklin redigierten ihn. Nun soll das Dokument rasch ausgefertigt und unterzeichnet werden. Doch die Gründerväter merken: Der neue Bund der dreizehn Staaten hat noch kein Siegel für das historische Dokument. So entscheidet der Kongress, «dass Dr. Franklin, Mr. J. Adams und Mr. Jefferson ein Komitee sind, um einen Entwurf für ein Siegel der Vereinigten Staaten von Amerika vorzulegen».
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Die drei gehören zu den gelehrtesten Menschen der Neuen Welt, sehen sich jedoch der Aufgabe nicht gewachsen. Sie wenden sich an einen Mann, der einschlägige Erfahrung hat: Pierre Eugène du Simitière, ein 38-jähriger Zeichner und Sammler aus der Schweiz, der viel in der Welt herumgekommen ist und etwas von Heraldik versteht. Als Natur- und Volkskundler sammelt er alles, was er in die Finger bekommt, dokumentiert Szenen der Amerikanischen Revolution in Skizzen und Zeichnungen. Gerade entwirft er Wappen für New Jersey, Delaware, Virginia und Georgia und zeichnet Sujets für Münzen und Medaillen.
Die drei Staatsmänner kennen Simitière. Franklin holte ihn 1768 als Mitglied in die American Philosophical Society. Jefferson bestellte bei ihm das Wappen für Virginia, Adams bestellte eine Medaille zu Ehren von General George Washington. «Seine Entwürfe sind sehr einfallsreich und seine Zeichnungen gut ausgeführt», findet Adams. So wird vereinbart, dass alle vier einen Vorschlag für das Siegel ausarbeiten.
Simitière ist ein vielseitig interessierter, aber unsteter Mensch. Geboren wurde er am 18. September 1737 in Genf. Sein Vater Jean-Henri Ducimitière war Kaufmann im Ostindienhandel, seine Mutter hiess Judith Ulrique Cunégonde Delorme. Aus der Jugend weiss man nur, dass er mit sieben Jahren in Genf eine Kadettenschule besuchte, später Malunterricht hatte und mit siebzehn nach Amsterdam ging, wo er eine humanistische Bildung erhielt.
Ein neugieriger MannMit zwanzig Jahren besteigt er ein Schiff in die Neue Welt. 1758 kommt er in der niederländischen Karibikkolonie Sint Eustatius an. Er eifert Hans Sloane nach, dem britischen Naturforscher, der siebzig Jahre zuvor Jamaica bereist und eine riesige Sammlung angelegt hat, den Grundstein des British Museum. Simitière kreuzt in der Karibik herum. Er malt Landschaften, Alltagsszenen, sammelt Pflanzen, Reptilien, Schlangen, Fische, Vögel, Schmetterlinge und früh auch Münzen. Alles wird dokumentiert und inventarisiert. Er plant eine universale Natur- und Kulturgeschichte der Westindischen Inseln und Nordamerikas.
1763 bringt er seine Sammlung nach New York und zieht drei Jahre später nach Philadelphia. Doch der Sonderling bleibt unstet. Zwölfmal wechselt er den Wohnort, reist durch die Kolonien, zeichnet, malt, sammelt indianische Artefakte, Zeugnisse der Siedler, Münzen, Geldscheine. 1768 wird er Bürger von New York, dann lässt er sich in Philadelphia nieder und reist erneut in die Karibik.
Als er 1774 zurückkehrt, erkennt er die Tragweite der Aufstände und sammelt Pamphlete, Traktate, Zeugnisse der politischen Unrast. «Mister du Simitière ist ein sehr neugieriger Mann», schreibt Adams. «Er hat mit der Sammlung von Materialien für eine Geschichte dieser Revolution begonnen. Er beginnt mit den ersten Berichten über die Teeschiffe. Er schneidet aus den Zeitungen jeden noch so kleinen Informationsfetzen und jede Spekulation heraus und klebt sie auf sauberes Papier, ordnet sie nach dem jeweiligen Staat, zu dem sie gehören, und beabsichtigt, sie in Bände einzubinden. Er verfügt über eine Liste aller Spekulationen und Broschüren zur Unabhängigkeit sowie eine weitere mit jenen zu Regierungsformen.»
Im August 1776 wird John Adams unruhig, denn die Sache mit dem Siegel eilt. Adams, Franklin und Jefferson besuchen Simitière und beugen sich über die Entwürfe. Die drei Staatsmänner schlagen biblische und mythologischen Szenen vor. Simitière hingegen präsentiert eine Bleistiftskizze nach heraldischen Regeln, mit Wappenschild, Schildhaltern, Bekrönung und Motto. Der Schild zeigt die Symbole der sechs Staaten, die Amerika besiedelten: Rose für England, Distel für Schottland, Harfe für Irland, Lilie für Frankreich, Adler für Deutschland, Löwe für die Niederlande.
Das Auge, das alles siehtDarum sind die Initialen der dreizehn amerikanischen Staaten angeordnet. Links steht eine Libertas-Figur mit Speer und phrygischer Mütze, rechts ein Soldat mit Büchse, Pulverhorn und Tomahawk. Darüber prangt «The Eye of Providence», «dessen Strahlenkranz sich über den Schild und die Träger ausbreitet», wie Simitière erklärt. In einer Banderole steht der Wahlspruch «E pluribus unum» (Aus vielen eins). Die Zahl MDCCLXXVI soll das Gründungsjahr festhalten. Die Library of Congress hütet Simitières Skizze heute als Staatsschatz – die erste Selbstdarstellung der USA.

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Die drei Gründerväter sind begeistert und legen den Vorschlag in einem Bericht dem Kongress vor. Doch das Geschäft wird vertagt. 1780 macht sich ein zweites Komitee daran. Der Berater Francis Hopkinson, ehemaliger Kongressmann, hat die amerikanische Flagge und einen 50-Dollar-Schein mit der unfertigen Pyramide kreiert. Er greift Simitières Ideen auf und entwirft ein Siegel mit Schild, Sternen und Figuren. Auch sein Vorschlag fällt durch.
Erfolg hat erst 1782 das dritte Komitee. Der Jurist William Barton greift auf die Vorläufer zurück, fügt einen Adler hinzu und kombiniert das Auge und die Pyramide. Das Material geht an den Kongresssekretär Charles Thompson, dieser setzt daraus das Siegel zusammen. Von Simitière sind mehrere Elemente eingegangen: die Schildform, das Auge, der Wahlspruch, die Zahl 13, die römische Jahreszahl.
Das Siegel wurde 1782 eingeführt. Die Seite mit dem Auge und der Pyramide wurde erst 1786 gestochen und nie benutzt – weil sie als Rückseite des hängenden Siegels gedacht war. So kam es, dass Präsident Franklin D. Roosevelt sie nicht kannte, als 1935 ein Vorschlag für eine neue Dollarnote auf seinem Pult landete. Das Finanzministerium schlug die Siegelmotive vor. Roosevelt gefiel dies, denn er sah den «New Deal» als Neuanfang im Geist der Gründerväter. So genehmigte er die neue Note mit der vergessenen Pyramide und dem allsehenden Auge.
Rätselhafte PyramideMit einer jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung, wie bald geunkt wurde, hat das natürlich nichts zu tun. Die unfertige Pyramide symbolisiert laut Hopkinson «Stärke und Dauer» und dass die USA nicht vollendet sind. Simitières Auge ist ein uraltes Symbol für das Göttliche. Sein Motto «E pluribus unum» meint, dass aus vielen Völkern eines werde, ein Vergil-Zitat, das er beim «Gentlemen’s Magazine» gefunden hat, einem Intelligenzblatt, das es im Untertitel trug.
Obwohl Simitière im inneren Zirkel verkehrt und Franklin ihn 1776 zum Kurator der American Philosophical Society erhebt, darbt er finanziell. Er schlägt sich mit Übersetzungen durch, zeichnet Vignetten für Zeitschriften und dient sich als Porträtmaler an, «um zwei Sehnen am Bogen zu haben», wie er sagt. 1779 empfiehlt ein Ausschuss, man solle ihn zum offiziellen «Historiographer of the Revolution» ernennen, mit 2000 Dollar Jahresgehalt für drei Jahre, damit er die Enzyklopädie beenden könne. Der Kongress lehnt ab.
In dieser Zeit sitzt ihm George Washington für ein Porträt Modell. Simitière erkennt seine Chance. Die Helden der Amerikanischen Revolution sind visuell nicht präsent, aber das Publikum lechzt danach. Also fertigt er Porträts von dreizehn bedeutenden Personen der Revolution an. Er lässt sie 1782 in Paris gravieren. Doch eine Sendung der Druckplatten erbeuten die Briten, eine andere erreicht Amerika beschädigt.
Ein Jahr später erscheinen in London Raubkopien. Simitière ist der Erste, der die Helden darstellt. Obwohl die Porträts zu Hunderten verbreitet werden und sein Washington-Porträt auf das One-Cent-Stück geprägt wird, springt für ihn wenig heraus. Das College of New Jersey (heute Princeton University) verleiht ihm ehrenhalber den Master of Arts. Doch davon kann man auch nicht leben.
Kein Bild, kein GrabsteinIn der Not macht er 1782 seine Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich. Sein «American Museum» ist das erste auf dem Kontinent. Den Eintritt setzt er mit 50 Cent so hoch an, dass zu wenige Besucher kommen. Niedergedrückt von Schulden und Geringschätzung, stirbt Simitière gesundheitlich ausgezehrt im Oktober 1784 mit 47 Jahren. Er wird ohne Grabstein an der St. Peter’s Church in Philadelphia beigesetzt.

PD
Erbverwalter liquidieren seine Sammlung, um Schulden zu tilgen. Naturschätze, ethnologische Stücke, Kuriositäten werden verstreut. Auch seine Münzsammlung wird versteigert – auf der ersten numismatischen Auktion Nordamerikas. Rund 2000 Zeichnungen, Aquarelle, Bücher und Schriftstücke kauft die von Franklin gegründete Library Company of Philadelphia, wo die «Du Simitière Papers» zu den wertvollsten Beständen gehören.
Mit seiner Sammlung, seiner Porträtgalerie und seinem Beitrag zum Siegel hat der Genfer Künstler Simitière die Ikonografie der Amerikanischen Revolution geprägt und den USA zu ihrem Gesicht und ihrem Gedächtnis verholfen. Von ihm gibt es kein Bildnis und kein Denkmal.
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