Viele Männer wurden kastriert, um auf freiem Fuß zu bleiben. Ein Abend in Kirkel zeigte, wie der NS-Staat Homosexuelle verfolgte. Doch auch, was nach 1945 mit den Ofern der Verfolgung geschah, ist erschütternd.
Kirkel · Viele Männer wurden kastriert, um auf freiem Fuß zu bleiben. Ein Abend in Kirkel zeigte, wie der NS-Staat Homosexuelle verfolgte. Doch auch, was nach 1945 mit den Ofern der Verfolgung geschah, ist erschütternd.
12.10.2026 , 16:00 Uhr
Walter Burgard, Burkhard Jellonnek und Dieter Burgard (von links) führten durch den Abend.
Foto: Stefan HolzhauserDer Saal im Obergeschoss des Naturfreundehauses Kirkel war am vergangenen Freitag bis auf den letzten Platz gefüllt. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Verfolgt – vertrieben – vernichtet“ des Landesverbandes der Naturfreunde Saarland wurde das Thema „Verfolgung von Homosexuellen durch den NS-Staat“ behandelt.
Unmittelbar im Anschluss an die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 kam es zur gezielten Auflösung homosexueller Treffpunkte, Zeitschriften und Organisationen. Ab Mitte 1934 verschärfte sich noch einmal für Homosexuelle die Situation. Ab diesem Zeitpunkt gab es immer mehr Strafverfahren, denn die Nationalsozialisten sahen homosexuelle Männer als „Volksschädlinge“ an, die nicht zur Erhöhung der Geburtenrate beitrugen.
Oft kam es in diesem Zeitraum auch zu sogenannten „Entmannungen“ – diese Kastrationen wurden als freiwillig tituliert, waren aber für Betroffene unausweichlich, um auf freiem Fuß zu bleiben oder noch einmal in Freiheit zu gelangen. Diese Kastrationen sollten den sexuellen Trieb „unterdrücken“ oder „heilen“. Allerdings gerieten auch kastrierte Homosexuelle oft genug noch in Haft und erlitten sogar noch schwerere Schicksale bis hin zum Tod. Mit dem Tod von Ernst Röhm im Sommer 1934 verschärfte sich noch einmal die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich gewaltig. Er hatte als Chef der SA seine Homosexualität relativ offen ausgelebt.
Lange Zeit war das Schicksal und Leiden von Homosexuellen als relativ kleine Gruppe von Verfolgten von 1933 bis 1945 unbeachtet geblieben. Und dabei mussten diese Menschen sehr viel Leid ertragen. Sie waren Opfer des NS-Regimes und wurden in Konzentrationslager verschleppt, wo sie mit einem rosa Winkel markiert wurden. Dabei handelte es sich im nationalsozialistischen Lagersystem um ein auf die Häftlingskleidung aufgenähtes Kennzeichen. Er befand sich im linken Brustbereich. Die Männer mit diesem Zeichen gehörten in den Konzentrationslagern zu den am schwersten misshandelten Gruppen.
Was besonders nachdenklich stimmt: Nach 1945 blieben homosexuelle Opfer in der Bundesrepublik Deutschland lange Zeit von Wiedergutmachung ausgeschlossen – der Paragraph 175 blieb in Westdeutschland bis 1969 in verschärfter Nazifassung bestehen und existierte insgesamt bis zum 10. Juni 1994. Erst in den Jahren 2002 und 2017 hob der Deutsche Bundestag die NS-Urteile offiziell auf und rehabilitierte die Betroffenen. Der rosa Winkel blieb ebenfalls noch lange erhalten – so war er ab den 1970er-Jahren von der neu entstehenden schwulen Bürgerrechtsbewegung bewusst als ein Symbol des Widerstands sowie der Erinnerung umgedeutet worden.
In Kirkel waren nun am Freitagabend zwei Experten auf diesem Gebiet vor Ort: Der Historiker Burkhard Jellonnek hatte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zum Thema „Homosexuellenverfolgung im Dritten Reich“ promoviert. An seiner Seite war Dieter Burgard. Er ist der frühere Beauftragte für jüdisches Leben und Antisemitismusfragen in Rheinland-Pfalz und Vorsitzender des Fördervereins Gedenkstätte KZ Hinzert. Beide stellten den Zusammenhang zu aktuellen Diskriminierungen und Verfolgungen von Schwulen, Lesben sowie queeren Menschen her.
Unterstützt wurde diese Veranstaltung durch das Bundesprogramm „Demokratie Leben!“, das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie die „Partnerschaft für Demokratie“ des Saarpfalz-Kreises. Als ideeller Unterstützer des Themenabends agierte der „LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt“. Auch der Vorsitzende des Fördervereins des Naturfreundehauses Kirkel sowie der Naturfreunde Sektion Straßenbahn, Walter Burgard, ergriff am Freitagabend das Wort und gab Hintergrundinformationen zu diesem weitreichenden Thema.
Die Vortragsreihe „Verfolgt – vertrieben – vernichtet“ wird am Freitag, 13. November, um 18 Uhr im Naturfreundehaus Kirkel fortgesetzt – dann geht es um das Thema „Zwangsarbeiter(innen) im Saargebiet“. Als Referentin kommt Inge Plettenberg nach Kirkel. (kig/lwg)
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