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Aufwachsen in der Jugendhilfe

Дата публикации: 07-10-2026 06:42:17

Lilly Fischer* ist 19 Jahre alt und lebt seit ihrem 15. Lebensjahr in der Jugendhilfe. Im Interview räumt sie mit Klischees auf.
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Interview

Eine Gruppe junger Menschen

Feliks Thiele, funky-Jugendreporter

Lilly Fischer* ist 19 Jahre alt und lebt seit ihrem 15. Lebensjahr in der Jugendhilfe. Ihr Weg führte sie über zwei Schutzstellen, die Kindern und Jugendlichen in akuten Krisen anonymen, sofortigen Schutz und sozialpädagogische Betreuung bieten, und eine vollbetreute Wohngruppe bis in das Einzelbetreute Wohnen, wo sie auch heute noch lebt. Im Interview spricht sie über ihr Ankommen in der Jugendhilfe und räumt mit gängigen Klischees auf.

Liebe Lilly, was ist die Jugendhilfe eigentlich?
Lilly Fischer: Sie kümmert sich um alle Menschen unter 21, die aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren Eltern wohnen können – etwa aus psychischen Gründen oder weil es in der Familie nicht gut läuft. Eine Sozialarbeiterin sucht eine passende Einrichtung für jeden jungen Menschen.

Wie war der Einstieg damals für dich?
Meine erste Station war eine Schutzstelle – eine Art Notaufnahme für Menschen, die schnell von zuhause wegmüssen. Man kann dort kaum ankommen, weil man nicht weiß, wie lange man bleibt. Ich war erleichtert, weg von meinen Eltern zu sein, aber auch unsicher und ängstlich.

Wie ging es danach weiter?
Nach fast zehn Monaten in zwei Schutzstellen kam ich in eine vollbetreute Wohngruppe mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Dort konnte ich wirklich ankommen – mein erstes richtiges Zuhause. Nach fast zwei Jahren zog ich ins Einzelbetreute Wohnen. Dort wohnt die Betreuerin nicht mehr mit im Haus, man sieht sich nur noch zwei Mal pro Woche.

Schwierig fand ich, dass man bei psychischen Krisen manchmal recht schnell aus der Wohngruppe geworfen wird. So gerät man leicht in einen Kreislauf aus Wohngruppe und Klinik.

Lilly Fischer

Wie war der Alltag in der Wohngruppe?
Ich lebte mit neun anderen Jugendlichen zusammen, jeder hatte ein eigenes Zimmer. Es gab Kochschichten und Putzdienste, es war immer ein Betreuer oder eine Betreuerin vor Ort. Ansonsten war mein Alltag der der meisten Jugendlichen: Schule, Hobbys, Freunde.

Was hat dir gut gefallen, was nicht?
Mir hat gut gefallen, dass es sich wirklich wie eine Familie anfühlte. Das erste gemeinsame Weihnachtsfest dort hat mich sehr berührt. Schwierig fand ich, dass man bei psychischen Krisen manchmal recht schnell aus der Wohngruppe geworfen wird. So gerät man leicht in einen Kreislauf aus Wohngruppe und Klinik, weil Einrichtungen die Verantwortung abgeben, wenn es zu belastend wird.

Gab es wichtige Bezugspersonen für dich?
Ja, meine Bezugsbetreuerin in der Wohngruppe. Wir hatten eine enge Bindung, sie war immer für mich da. Der Abschied war entsprechend hart – ich vermisse sie bis heute. Das ist aber nicht in jeder Wohngruppe so, es hängt stark von den Menschen ab, die dort arbeiten.

Wie war es mit der Schule?
Ich hatte kein normales Schulleben. Wegen psychischer Probleme habe ich zeitweise pausiert und dann meine mittlere Reife nachgeholt. Jetzt besuche ich die Fachoberschule und habe fast ein Schuljahr geschafft – das fühlt sich zum ersten Mal seit Langem wieder nach einem normalen Leben an.

Viele denken bei der Jugendhilfe an ein karges Heim, in dem man arm ist. Das stimmt nicht.

Lilly Fischer

Wie stellst du dir dein Leben nach der Jugendhilfe vor?
Ich würde gerne allein wohnen, nachdem ich so lange mit anderen zusammengelebt habe. Vielleicht ziehe ich dafür sogar in eine andere Stadt. Beruflich kann ich mir Psychologie oder Klavier als Studium vorstellen, auch Journalismus reizt mich.

Mit welchem Klischee würdest du gerne aufräumen?
Viele denken bei der Jugendhilfe an ein karges Heim, in dem man arm ist. Das stimmt nicht. Ich bin finanziell abgesichert, kann mir Essen, Kleidung und Möbel leisten, und wohne in einem schönen Altbau.

Was würdest du gerne am System ändern?
Ich finde, dass manchmal zu schnell und unüberlegt gekündigt wird. Das Jugendamt sollte enger mit den Einrichtungen zusammenarbeiten und Jugendliche stärker schützen, wenn eine Einrichtung sie vorschnell rauswirft – gerade, weil man ab 18 dann nicht mehr in der Schutzstelle aufgenommen wird.

Was würdest du anderen Jugendlichen sagen, die neu in die Jugendhilfe kommen?
Sie müssen keine Angst haben – die meisten Einrichtungen sind wirklich menschlich, man kann sich dort wie zuhause fühlen. Aber wenn es doch schlecht läuft, sollte man nichts einfach hinnehmen. Man muss sich nicht alles gefallen lassen, nur weil es bei den Eltern vielleicht schlimmer wäre.

*Name von der Redaktion geändert

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  • Katharina Siehr ist Diplom-Sozialpädagogin arbeitet bei Waage e.V., einem Fachzentrum für Essstörungen in Hamburg.

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