Fest, schlaff oder dominant von oben? Studien zeigen, was ein Händedruck wirklich verrät und welche Mythen Sie vergessen können.
Fest, schlaff oder dominant von oben? Studien zeigen, was ein Händedruck wirklich verrät und welche Mythen Sie vergessen können.
Ein Händedruck dauert meistens nur wenige Sekunden. Und trotzdem glauben wir, daraus erstaunlich viel über einen Menschen herauslesen zu können.
Wer Körpersprache-Ratgeber liest, könnte meinen, die komplette Persönlichkeit eines Menschen ließe sich zwischen Begrüßung und „Schön, Sie kennenzulernen“ diagnostizieren. Ganz so einfach ist es nicht. Aber: Der Händedruck ist psychologisch keineswegs bedeutungslos.
Joern Kettler ist Wirtschaftspsychologe, Mimik-Analyst und Bestsellerautor. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Einige Studien zeigen tatsächlich Zusammenhänge zwischen der Art, wie Menschen Hände schütteln, bestimmten Persönlichkeitseigenschaften und dem ersten Eindruck, den sie hinterlassen. Nur sollten wir daraus keine Persönlichkeitstests für die Handfläche machen.
Eine der bekanntesten Untersuchungen dazu stammt von dem US-Psychologen William Chaplin. Die Forscher ließen 112 Teilnehmer jeweils zweimal von vier geschulten Beobachtern die Hand schütteln. Zusätzlich absolvierten die Teilnehmer mehrere Persönlichkeitstests. Interessant war zunächst:
Das klingt zunächst wie die wissenschaftliche Bestätigung sämtlicher Händedruck-Weisheiten. Ist es aber nicht. Denn ein statistischer Zusammenhang bedeutet nicht: „Dieser Mensch drückt fest, also ist er extrovertiert.“ Er bedeutet lediglich, dass diese Merkmale in der untersuchten Gruppe miteinander zusammenhingen. Aus einem einzelnen Händedruck können Sie deshalb keine verlässliche Persönlichkeitsdiagnose stellen.
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Und noch etwas ist wichtig: Die Forscher bewerteten den Händedruck nicht einfach nur nach Druckstärke. Zur Beurteilung gehörten mehrere Merkmale wie
Der berühmte Schraubstockgriff allein macht Sie also noch lange nicht zum Alpha-Menschen. Vielleicht macht er Sie für Ihr Gegenüber einfach nur unangenehm.
Besonders beliebt ist eine andere Behauptung: Wer beim Händeschütteln seine Hand so dreht, dass seine Handfläche eher nach unten zeigt und seine Hand über der des anderen liegt, wolle angeblich Dominanz zeigen. Die nach oben geöffnete Handfläche soll dagegen Unterwürfigkeit signalisieren. Diese Interpretation findet sich in unzähligen Körpersprache-Ratgebern.
Das Problem: Für diese pauschale Persönlichkeitserklärung gibt es wesentlich weniger belastbare Beweise als für den allgemeinen Zusammenhang zwischen Händedruck und erstem Eindruck. Es gibt keinen belastbaren Persönlichkeitstest nach dem Schema: Hand oben = dominant. Hand unten = unterwürfig.
Daraus zu schließen, dass dieser Mensch generell dominant ist, wäre psychologisch viel zu weitgehend.
Wie also sollte man jemandem die Hand geben? Sie brauchen keine Dominanztechnik. Sie müssen auch keinen kleinen Kraftsportwettbewerb daraus machen.
Für einen positiven Eindruck spricht die Forschung eher für einen Händedruck, der insgesamt sicher und angemessen wirkt:
Die klassischen Untersuchungen bewerteten genau solche Merkmale gemeinsam – nicht maximale Griffkraft. Begegnen Sie Ihrem Gegenüber auf Augenhöhe. Ich möchte deshalb eine sehr einfache Regel empfehlen:
Drücken Sie nicht zu, drücken Sie sich aber auch nicht weg.
Was wir sehr viel besser belegen können: Die Qualität eines Händedrucks beeinflusst, wie andere uns zunächst beurteilen.
Der US-Wirtschaftsprofessor Greg Stewart und seine Kollegen untersuchten das beispielsweise in simulierten Bewerbungsgesprächen. 98 Studierende nahmen an Vorstellungsgesprächen teil. Fünf geschulte Beobachter bewerteten unabhängig voneinander die Qualität ihrer Händedrucke.
Das Ergebnis: Die Qualität des Händedrucks hing mit den späteren Einstellungsempfehlungen der Interviewer zusammen. Die statistische Analyse deutete außerdem darauf hin, dass der Händedruck einen Teil des Zusammenhangs zwischen Extraversion und der Bewertung im Bewerbungsgespräch vermittelte, selbst nachdem körperliches Erscheinungsbild und Kleidung berücksichtigt worden waren.
Das bedeutet nicht, dass ein guter Händedruck mangelnde Qualifikation ersetzt. Aber er kann Teil des Gesamteindrucks sein. Und genau das vergessen wir bei Körpersprache häufig: Eine einzelne Bewegung entscheidet selten über einen Menschen.
Damit kommen wir zur vielleicht praktischsten Frage: Kann ich meinen Händedruck bewusst einsetzen? Ja. Aber bitte nicht als Dominanzwaffe.
Eine Studie der Psychologin Sanda Dolcos beschäftigte sich damit, wie sich Händeschütteln auf die Bewertung sozialer Begegnungen auswirkt. Die Versuchspersonen beobachteten soziale Interaktionen in einem geschäftlichen Kontext. Ging einer sozialen Begegnung ein Händedruck voraus, wurde positives Annäherungsverhalten noch positiver bewertet; gleichzeitig wurde der negative Eindruck von vermeidendem Verhalten abgeschwächt. Die Forscher untersuchten dabei zusätzlich mittels einer besonderen MRT-Technik die beteiligten neuronalen Prozesse im Gehirn.
Wichtig ist auch hier die Genauigkeit: Die Studie beweist nicht, dass ein Händedruck automatisch Vertrauen „im Gehirn auslöst“. Sie zeigt vielmehr, dass dieses soziale Ritual beeinflussen kann, wie eine anschließende Interaktion beurteilt wird.
Noch interessanter wird es, wenn Menschen nicht nur miteinander sprechen, sondern etwas miteinander aushandeln. Ein Team um die Verhaltensforscherin Juliana Schroeder untersuchten in sieben Studien Händeschütteln in Verhandlungen und ökonomischen Entscheidungssituationen. Ihre Grundidee: Ein Händedruck ist nicht nur Hautkontakt. Er ist ein gesellschaftliches Ritual. Und Rituale besitzen Bedeutung.
In den Experimenten wurde Händeschütteln tatsächlich als Signal kooperativer Absicht wahrgenommen. In mehreren Verhandlungssituationen verhielten sich Menschen nach einem Händedruck kooperativer. In einer distributiven Verhandlung waren Führungskräfte, die zuvor angewiesen worden waren, sich die Hand zu geben, außerdem weniger bereit, zu ihrem eigenen Vorteil falsche Angaben zu machen.
Besonders spannend ist eine Einschränkung dieser Forschung: Der Händedruck wirkte nicht einfach deshalb positiv, weil sich zwei Hände berührten. Entscheidend war offenbar, was diese Geste bedeutete. In einem Experiment wurde der Händedruck sogar negativer bewertet, wenn die Versuchsperson wusste, dass die andere Person krank war und durch den Händedruck möglicherweise Ansteckung riskierte. In einer Zusatzuntersuchung wurden Situationen eher negativ bewertet, in denen eine Person die Hand geben wollte und die andere die Geste nicht erwiderte. Wenn hingegen beide Hände schüttelten oder beide darauf verzichteten, war die soziale Abstimmung besser.
Das zeigt etwas Grundsätzliches über menschliche Kommunikation: Wir reagieren darauf, ob unser Verhalten zueinander passt.
Teilweise. Aber viel weniger präzise, als viele Menschen glauben. Die Psychologen Frank Bernieri und Kristen Petty untersuchten, ob ein Händedruck Menschen tatsächlich dabei hilft, die Persönlichkeit eines bis dahin fremden Menschen richtiger einzuschätzen.
Die Teilnehmer beurteilten fünf ihnen unbekannte Personen. Bei einem Teil der Begegnungen wurde die Hand geschüttelt, beim anderen nicht.
Extraversion wurde relativ gut erkannt, unabhängig davon, ob ein Händedruck stattfand. Beim Persönlichkeitsmerkmal Gewissenhaftigkeit konnte der Händedruck unter bestimmten Bedingungen zusätzliche Informationen liefern, besonders zwischen Männern.
Das Ergebnis ist fast schöner als jede einfache Körpersprache-Regel. Denn es sagt: Ja, nonverbales Verhalten enthält Informationen. Aber nein, wir können daraus nicht zuverlässig die gesamte Psyche eines Menschen ablesen.
Genau deshalb sollten wir mit schnellen Diagnosen vorsichtig sein. Ein schwacher Händedruck kann bedeuten, dass jemand zurückhaltend ist. Er kann aber genauso gut bedeuten:
Das Gleiche gilt für den besonders kräftigen Händedruck.
Aber: Ein Händedruck ist kein Lügendetektor, kein Dominanztest. Und schon gar kein Persönlichkeitstest.
Wenn Ihnen also beim nächsten Termin jemand mit aller Kraft die Hand zerquetscht und dabei versucht, seine Hand über Ihre zu drehen, müssen Sie nicht sofort denken: „Aha, hochdominante Persönlichkeit.“
Vielleicht hat er einfach zu viele Körpersprache-Ratgeber gelesen und kennt diesen Artikel noch nicht. In dem Fall, einfach weitergeben.