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Wer Körpersignale überhört riskiert mehr als Stress

Дата публикации: 21-08-2026 08:53:00

Ein 54-jähriger Manager überlebt einen Herzinfarkt und sagt: „Es kam aus dem Nichts." Das stimmt nicht ganz – und genau darin liegt eine Chance.

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Ein 54-jähriger Manager überlebt einen Herzinfarkt und sagt: „Es kam aus dem Nichts." Das stimmt nicht ganz – und genau darin liegt eine Chance.

Vor mir sitzt ein Mann, Mitte fünfzig, Vertriebsleiter. Drei Wochen nach seinem Herzinfarkt. Aufrecht, gefasst, ein Mensch, der gewohnt ist zu funktionieren. Auf meine Frage, ob es vorher Warnzeichen gab, sagt er einen Satz, den ich oft höre: „Ich habe nichts gemerkt. Es kam aus dem Nichts.“

Frauke Bataille ist Fachärztin für Pathologie, Systemische Coachin und Autorin. Sie ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.

Im Gespräch wird es dann anders. „Klar, ich war oft kaputt. Auf der Treppe kam dieser Druck auf der Brust, aber das war ja nur die Kondition. Ich habe schlecht geschlafen, war gereizt – aber wer ist das nicht in meinem Job?“ Er hat die Signale durchaus wahrgenommen. Er hat sie nur nicht ernst genommen.

Dieser Satz ist der Kern. Was diesem Mann fehlte, hat einen medizinischen Namen: Interozeption – die Fähigkeit, Signale aus dem eigenen Körperinneren wahrzunehmen, einzuordnen und darauf zu reagieren.

Der Körper meldet sich zuerst

Ständig laufen Informationen aus den Organen ins Gehirn – über den Vagusnerv, die wichtigste interozeptive Leitung, und über hormonelle Signale. Verarbeitet werden sie vor allem in der Inselrinde, der Insula. Herzschlag, Atmung, Hunger, Anspannung, Müdigkeit: All das ist eigentlich ständig spürbar. Man kann sich Interozeption als inneres Navigationssystem vorstellen. Funktioniert es, spüren wir früh, wenn etwas kippt – und können handeln, bevor aus einem Signal ein Symptom und aus einem Symptom eine Diagnose wird.

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Dass dieses System bei kranken Menschen schlechter arbeitet, ist gut belegt. Ein systematisches Review wertete 18 Studien über acht chronische Erkrankungen aus (Locatelli et al., Neuroscience & Biobehavioral Reviews 2023). Das Ergebnis: Menschen mit chronischen Erkrankungen nehmen ihre Körpersignale im Schnitt schlechter wahr als Gesunde. Und wer ein besseres inneres Gespür hatte, berichtete über weniger schwere und seltenere Symptome. Wer früh spürt, dass sich etwas verändert, kann früher gegensteuern.

Warum das so viele Krankheiten betrifft

Das Besondere an der Interozeption ist ihre Bandbreite. Sie wirkt nicht in einem einzigen Krankheitsbild, sondern quer durch die Medizin – bei Männern wie Frauen.

Beim Herz-Kreislauf-System wird es besonders deutlich. Eine große internationale Arbeit von 2025 untersuchte den Zusammenhang zwischen klassischen Risikofaktoren – Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht, Rauchen – und genau dem Hirnnetzwerk, das Körpersignale verarbeitet (Hazelton et al., Cardiovascular Research 2025). Je höher das Risiko, desto stärker waren diese Netzwerke geschädigt – Regionen, die auch bei Demenz verletzlich sind. Die Autorinnen und Autoren ziehen einen klaren Schluss: Wer seine Herzgesundheit pflegt, schützt zugleich die Hirnstruktur.

Auch die Psyche hängt eng damit zusammen. Die Fähigkeit zur bewussten Körperwahrnehmung steht mit der Struktur der Insula in Verbindung, woraus sich Ansätze ergeben, Belastungen wie Angststörungen früh zu beeinflussen (Fermin et al., Heliyon 2023). Eine aktuelle Übersicht beschreibt, wie Störungen der über den Vagusnerv vermittelten Körperwahrnehmung einen Risikofaktor für Angst- und affektive Erkrankungen darstellen können (Biological Psychiatry 2025). Vereinfacht: Wer den Kontakt zum eigenen Körper verliert, verliert auch ein Stück seelische Stabilität.

Hier sitzt mir eine zweite Patientin vor Augen, eine 43-jährige Projektleiterin. Sie kam wegen Panikgefühlen, nicht wegen des Herzens. „Ich habe monatelang einfach durchgezogen. Irgendwann habe ich nicht mehr gemerkt, ob ich hungrig, müde oder überfordert bin. Alles fühlte sich gleich an.“ Bei ihr stand am Ende keine Herz-, sondern eine Angstdiagnose.

Warum gerade die Belastbaren betroffen sind

Was meine beiden Patienten verbindet, ist kein Mangel an Disziplin. Im Gegenteil. Es sind oft die Verlässlichen, die Leistungsstarken, die ihre Signale am konsequentesten überhören.

Wie gefährlich das werden kann, zeigt eine Studie an Menschen mit Hitzschlag in der Vorgeschichte (Verdonk et al., Physiological Reports 2025). Bei ihnen war die Körperwahrnehmung deutlich geringer. Hohe Motivation, gepaart mit wenig Gespür für den eigenen Zustand – im Sport wie im Beruf eine riskante Kombination. Warnzeichen wie rasender Puls oder Schwindel werden dann schlicht übergangen.

Was sich im Alltag tun lässt

Die gute Nachricht: Anders als Alter oder Gene ist die Körperwahrnehmung trainierbar. Mehrere der genannten Studien sehen darin einen konkreten Ansatzpunkt für Prävention. Was meinen Patientinnen und Patienten hilft – und was die Forschung stützt:

Die 60-Sekunden-Standortbestimmung. Einmal am Tag, am besten vor einer Entscheidung, kurz innehalten und fragen: Wie geht es mir gerade körperlich? Wo ist Spannung, wo ist Weite? Was brauche ich jetzt? Eine Minute genügt. „Diese eine Frage am Morgen hat mehr verändert als jede App“, sagt der Manager heute.

Körpersignale als Frühwarnsystem nehmen. Flache Atmung, Engegefühl, Kieferanspannung, innere Unruhe – das sind Daten, keine Störgeräusche. Wer sie ernst nimmt, kann früh handeln, statt auf die Diagnose zu warten.

Aufmerksamkeit nach innen, nicht aufs Display. Eine Smartwatch zeigt Werte. Sie ersetzt nicht das Spüren. Schon wenige Minuten bewusste Atembeobachtung am Tag stärken die Körperwahrnehmung – freundliches Hinhören, kein Leistungssport.

Früh ärztlich abklären. Anhaltender Druck auf der Brust, neue Luftnot, Erschöpfung über Wochen, hartnäckige Schlafprobleme oder wiederkehrende Panikgefühle gehören in ärztliche Hände – nicht in die Kategorie „wird schon wieder“.

Prävention, die wir lange übersehen haben

Vorsorge denken wir meist als Termine, Werte und Verzicht. Interozeption ergänzt dieses Bild um eine Ressource, die in uns selbst liegt: früh zu spüren, wenn etwas nicht stimmt.

Der Vertriebsleiter vom Anfang trägt heute keine Smartwatch mehr. Er hat eine neue Gewohnheit: einmal am Tag kurz nachspüren, wie es ihm wirklich geht. „Ich dachte immer, stark sein heißt, nichts zu spüren“, sagt er beim letzten Termin. „Heute weiß ich: Es ist genau andersherum.“

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