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Laut Psychologen nehmen Menschen, die die Uhrzeit auf ihrem Handy statt auf der Armbanduhr ablesen, den Zeitablauf anders wahr.

Дата публикации: 27-08-2026 16:33:00

Eine Armbanduhr zeigt die Zeit, sonst nichts. Ein Smartphone zeigt die Uhrzeit, und gleichzeitig alles andere. Was das mit unserer Zeitwahrnehmung macht.

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Eine Armbanduhr zeigt die Zeit, sonst nichts. Ein Smartphone zeigt die Uhrzeit, und gleichzeitig alles andere. Was das mit unserer Zeitwahrnehmung macht.

Sind Sie Typ „Kurzer Blick aufs Handgelenk“ oder geht der Griff eher in die Hosentasche, wenn Sie die Zeit ablesen möchten? Beides liefert dieselbe Information, die Uhrzeit. Dennoch passiert dabei etwas grundlegend Verschiedenes Im Kopf. Während die Armbanduhr ausschließlich die Zeit liefert, überrollt uns das Smartphone gleichzeitig mit allem anderen: Nachrichten, Mails, Social-Media-Benachrichtigungen. Das hat messbare Folgen für unser Zeitgefühl.

Fünf Minuten sind nicht gleich fünf Minuten

Vorweg: Was die Uhr sagt und was das Gehirn daraus macht, sind zwei verschiedene Dinge. Die Psychologen William J. Matthews und Warren H. Meck haben in einem Review gezeigt, dass die subjektive Zeitwahrnehmung von drei Faktoren abhängt:

  1. Wahrnehmung: welche Sinneseindrücke gerade auf uns einströmen
  2. Aufmerksamkeitsverteilung: worauf wir uns in diesem Moment konzentrieren
  3. Erfahrung: ob wir eine Situation als vertraut oder neu erleben

Wer also auf einen wichtigen Anruf wartet, empfindet zehn Minuten vielleicht als ewig. Wer in ein interessantes Gespräch vertieft ist, wundert sich, wie schnell die Zeit vergeht. Das Gehirn verarbeitet die Zeit völlig unterschiedlich – je nachdem, wohin die Aufmerksamkeit gerichtet ist.

Das Smartphone bedingt einen Aufmerksamkeitswechsel

So ist es oft auch beim Smartphone: Wer eigentlich nur kurz die Uhrzeit checken wollte, verschwindet plötzlich minutenlang im Bildschirm. Erklären lässt sich das mit dem sogenannten Attentional-Gate-Modell.

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Die Grundidee: Das Gehirn verfügt über eine Art Tor, das zeitliche Informationen durchlässt. Ist die Aufmerksamkeit auf die Zeit gerichtet, steht das Tor weit offen – das Gehirn registriert den Zeitverlauf intensiv. Wird die Aufmerksamkeit abgelenkt, schließt sich das Tor teilweise, und zeitliche Informationen werden nur noch bruchstückhaft verarbeitet.

  • Bei einer Armbanduhr ist dieser Vorgang eher unkompliziert: Blick aufs Handgelenk, Uhrzeit erkannt, weiter geht es im Alltag. Die Aufmerksamkeit wird für einen Bruchteil einer Sekunde auf die Zeit gelenkt und kehrt dann zur eigentlichen Tätigkeit zurück. Das Tor öffnet sich kurz und schließt sich kontrolliert wieder.
  • Beim Smartphone sieht das anders aus. Man entsperrt das Display, sieht die Uhrzeit – aber eben auch eine WhatsApp-Nachricht, eine Mail-Benachrichtigung, ein Nachrichten-Update. Die Aufmerksamkeit, die eigentlich nur kurz auf die Zeit gerichtet war, wird umgeleitet. Das Tor für zeitliche Informationen schließt sich nicht kontrolliert – es wird von konkurrierenden Reizen aufgerissen und in eine andere Richtung gelenkt.

Das Ergebnis: Statt eines kurzen, sauberen Zeitsignals entsteht ein Aufmerksamkeitswechsel, der oft deutlich länger dauert als beabsichtigt. Die beiden US-Forscher Richard A. Block und Ronald P. Gruber haben diesen Mechanismus in Bezug auf prospektive Zeiturteile beschrieben, also Situationen in denen man aktiv mitzählt, wie viel Zeit vergeht. Etwa, weil man auf etwas wartet.

Die innere Uhr tickt weiter – aber das Referenzsignal ist verrauscht

An dieser Stelle ein verbreitetes Missverständnis: Wer statt einer Armbanduhr das Smartphone nutzt, hat keine andere innere Uhr. Eine Forschungsgruppe um Warren H. Meck beschrieb im Fachjournal „Annual Review in Psychology“ die sogenannten Internal-Clock-Modelle. Dabei handelt es sich nicht um eine buchstäbliche Uhr im Gehirn, sondern ein Zusammenspiel verschiedener Systeme:

  1. Eines gibt den Takt vor.
  2. Ein anderes speichert vergangene Zeiterfahrungen.
  3. Ein drittes verrechnet, was verschiedene Sinne – Sehen, Hören, Fühlen – über den Zeitverlauf melden.

Gemeinsam erzeugen sie ein inneres Gefühl dafür, wie lange etwas dauert. Das Smartphone verstellt diesen Mechanismus nicht. Aber es verändert den externen Referenzpunkt, gegen den die innere Uhr abgleicht. Und wenn dieser Referenzpunkt in ein Multifunktionsgerät eingebettet ist, das gleichzeitig Dutzende andere Signale sendet, wird das Referenzsignal verrauscht – wie ein Radiosender, den man zwischen zwei Frequenzen empfängt.

Auch Social-Media-Scrollen verändert die Zeitwahrnehmung

Dass diese Aufmerksamkeitsverschiebung reale Konsequenzen hat, zeigten Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Ein Team um Zhuanghua Shi vom Multisensory Perception Lab an der LMU untersuchte, wie Social-Media-Scrollen die Zeitwahrnehmung verändert. Die Probanden wurden drei Bedingungen ausgesetzt:

  • ein statisches Bild betrachten
  • ein Video passiv schauen
  • aktiv durch Inhalte scrollen

Anschließend sollten sie einschätzen, wie lange die Inhalte präsentiert wurden. In einem Interview der LMU dazu sagt Shi:

„Als der Inhalt 40 Sekunden lang war, schätzten die Teilnehmer die Dauer beim passiven Betrachten auf etwa 30 Sekunden und beim Scrollen auf nur 27 Sekunden.“

Beide dynamischen Bedingungen verkürzten die subjektive Zeit – aber aktives Scrollen nochmals zusätzlich. Die Teilnehmer unterschätzten die Zeit also um ein Drittel.

Doch der Effekt endete nicht mit dem Weglegen des Geräts. Shi beschreibt eine sogenannte „attentional residue“, also einen „Aufmerksamkeitsrest“: Auch wenn ich schon längst etwas anderes tue, bleibt ein Teil der Aufmerksamkeit noch an der vorherigen Tätigkeit hängen. Die Ergebnisse erschienen im Juli 2026 als Preprint, also noch nicht begutachtete Vorabveröffentlichung.

Nicht die Bildschirmzeit entscheidet, es ist der Zweck

An dieser Stelle wäre es einfach, das Smartphone pauschal zum Zeitkiller zu erklären. Aber ganz so simpel ist es nicht. Eine im Fachjournal „Mobile Media and Communication“ veröffentlichte Studie mit mehr als 700 Teilnehmern nuanciert: Nicht wie lange jemand am Handy hängt, beeinflusst das Zeitgefühl am stärksten, sondern wofür die Person es einsetzt. Die Wissenschaftler fanden:

  • Instrumentell (Recherche, Lernen): geringes Gefühl. Zeit zu verschwenden
  • Hedonisch (Unterhaltung, Eskapismus): starkes Gefühl, Zeit zu verschwenden
  • Sozial (Kommunikation): kein klarer Effekt auf die Zeitwahrnehmung

Die Forscher Varsori und Pinho fanden, dass die subjektive Zeitwahrnehmung als eine Art Vermittler zwischen der Nutzungsart und exzessiver Handynutzung funktioniert. Etwa so:

Was heißt das für den Zeitcheck? Wer das Handy gezielt entsperrt, die Uhrzeit abliest und es wieder weglegt, hat einen klaren Zweck – das ist instrumentelle Nutzung. Kein Zeitverschwendungsgefühl, kein Teufelskreis. Aber wer beim Zeitcheck an einer Nachricht hängen bleibt, dann noch kurz durch Instagram scrollt und fünf Minuten später immer noch am Handy ist, rutscht in genau das Muster, das Shi an der LMU gemessen hat: Die Zeit schrumpft subjektiv, die Aufmerksamkeit bleibt kleben – und das schlechte Gewissen darüber hält einen paradoxerweise am Bildschirm fest, statt einen rauszuholen.

So umgehen Sie den Aufmerksamkeitssog
  • Zeitquelle bewusst wählen. Das klingt trivial, ist es aber nicht. Wer ehrlich zu sich ist und weiß, dass der Griff zum Handy regelmäßig zum Scrollen wird, kann mit einer Armbanduhr, einer Wanduhr oder einem analogen Wecker eine Ablenkungsquelle eliminieren.
  • Nach dem Scrollen bewusst gegensteuern. Die 20-Minuten-Schwelle aus der LMU-Forschung ist ein guter Richtwert: Eine zusammenhängende Tätigkeit – Lesen, Spazierengehen, ein Gespräch – hilft, die Aufmerksamkeitsrückstände abzubauen.
  • Vor dem Entsperren eine Sekunde innehalten. Die Studie von Varsori und Pinho zeigt, dass zweckgebundene Nutzung das Gefühl der Zeitverschwendung reduziert. Die Frage „Was will ich eigentlich gerade?“ kann den Unterschied machen zwischen einem Zeitcheck und einem zehnminütigen Aufmerksamkeitsverlust.

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