Viele Krebspatienten fühlen sich bei der Entscheidung zur Strahlentherapie übergangen – das zeigt ein Bericht der französischen „Liga gegen Krebs“. Nicht die Behandlung an sich sei das Problem, sondern die Kommunikation und Aufklärung.
Viele Krebspatienten fühlen sich bei der Entscheidung zur Strahlentherapie übergangen – das zeigt ein Bericht der französischen „Liga gegen Krebs“. Nicht die Behandlung an sich sei das Problem, sondern die Kommunikation und Aufklärung.
„Mir wurde die Strahlentherapie als obligatorischer Bestandteil meines Behandlungsplans aufgezwungen, ohne dass ich nach meiner Meinung gefragt wurde.“
So beschreibt die Französin Nadia Mahituku gegenüber dem Nachrichtensender franceinfo, wie sie ihre Krebsbehandlung Ende 2022 erlebt hat. Die Frau in ihren Vierzigern bereue die Therapie keineswegs: „Im Nachhinein denke ich, dass es richtig war, sie zu machen, und ich bin froh, dass ich bis zum Ende durchgehalten habe“, sagte sie dem Sender. Aber sie hätte sich gewünscht, dass man sie mehr einbezieht, ihr Optionen erklärt, ihr eine Stimme gibt und diese anhört.
Wie ihr geht es vielen Krebsbetroffenen, die eine Strahlentherapie erhalten. Das zeigt ein Bericht der französischen „Liga gegen Krebs“, den die gemeinnützige Organisation am 14. September 2026 veröffentlichte. Von 3669 befragten Personen gaben 50,6 Prozent an, nicht ausreichend in Entscheidungen bezüglich ihrer Strahlentherapie einbezogen worden zu sein. Mehr als ein Viertel (28,5 Prozent) berichtete, dass ihre Einwilligung zur Behandlung gar nicht erst eingeholt wurde.
Sowohl in Frankreich als auch Deutschland gibt es umfassende Patientenrechte, die genau das verhindern sollen. Sie sollen sicherstellen, dass Erkrankte vor jeder Behandlung verständlich aufgeklärt werden, Fragen stellen können und der Therapie bewusst zustimmen – nicht einfach über sich ergehen lassen. Doch der Bericht der Liga gegen Krebs legt nahe, dass viele Patienten den Alltag anders erleben.
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So berichtet etwa auch Eléonore bei franceinfo von ihren Erfahrungen während ihrer Brustkrebsbehandlung. Ende 2021 habe sie die Diagnose erhalten und 2022 insgesamt 33 Bestrahlungen hinter sich gebracht.
Gegenüber dem Sender schildert sie ihren Behandlungsverlauf als eine Reihe von „Anweisungen ohne wirkliche Zustimmung“. Schuld sei unter anderem das ungleiche Machtverhältnis: „Wenn ich einem Arzt gegenüberstehe, der gleichzeitig Betreuer und Experte ist, fühle ich mich ihm intellektuell nicht ebenbürtig“, berichtet die Frau. Denn der Mediziner hätte in der Situation viel Wissen und Macht, „daher ist es schwieriger, Fragen zu stellen, geschweige denn, ihn infrage zu stellen.“
Wie Eléonore geht es vor allem vielen Frauen, wie die Befragung der Liga gegen Krebs zeigt:
Und auch nach der Behandlung fühlen sich viele Patienten laut Studie nicht gut informiert: Jeder Vierte gab an, kaum Informationen zur Nachsorge erhalten zu haben.
Laut Deutscher Krebshilfe erhalten 50 bis 60 Prozent aller Krebspatienten im Laufe ihrer Behandlung eine Strahlentherapie (auch Radiotherapie). Bei etwa der Hälfte aller dauerhaften Tumorbekämpfungen ist sie Bestandteil der Therapie oder sogar die einzige Behandlungsform. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) nennt sie daher neben Operation und Chemotherapie die dritte Säule der modernen Krebstherapie.
Laut Deutscher Krebshilfe wird Strahlentherapie unter anderem eingesetzt bei:
Wie funktioniert das? Bei der Strahlentherapie wird Strahlung gezielt in einen eng begrenzten Körperbereich gelenkt. Eingesetzt wird sogenannte ionisierende Strahlung – also Strahlung, die so energiereich ist, dass sie Atome und Moleküle in den Zellen verändern kann. Im Alltag begegnet man ihr zum Beispiel beim Röntgen, allerdings in deutlich geringerer Dosis. In der Strahlentherapie ist die Energie gezielt so hoch, dass sie das Erbgut der bestrahlten Zellen schädigt und deren Teilung verhindert. Ohne intakte DNA kann sich eine Zelle nicht mehr teilen – und stirbt ab. Krebszellen können diese Schäden laut BfS deutlich schlechter reparieren als gesunde Zellen – genau diesen Unterschied nutzt die Therapie aus. Um gesundes Gewebe zu schonen, wird die Gesamtdosis in viele kleine Portionen aufgeteilt, typischerweise fünf Sitzungen pro Woche über mehrere Wochen.
Welche Nebenwirkungen können auftreten? Da die Strahlentherapie nur lokal wirkt, treten Nebenwirkungen laut BfS vor allem im bestrahlten Bereich auf:
Art und Schwere der Nebenwirkungen hängen stark davon ab, welche Körperregion bestrahlt wird und wie hoch die Dosis ist. Die Deutsche Krebshilfe betont: Patienten haben ein Recht darauf, vor Behandlungsbeginn ausführlich über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt zu werden – auch über seltene.
Auch in den Ablauf der Behandlung selbst fühlen sich viele Patienten nicht gut genug eingebunden. „Mehr als ein Viertel der Erkrankten (26,8 Prozent) gibt an, die Informationen zu möglichen Nebenwirkungen nicht verstanden zu haben“, schreibt die Liga gegen Krebs im Studienbericht.
Das hat Folgen. Gaben Personen an, Informationen zu ihrer Behandlung nicht verstanden zu haben, war die Wahrscheinlichkeit 2,8-mal höher, dass sie die Therapie insgesamt negativ empfanden.
So zum Beispiel Jacques. Er ist 70 Jahre alt und wurde 2023 mit Kopf-Hals-Krebs diagnostiziert. Vor der Bestrahlung habe sein Arzt ihm die Tumorklassifikation TX N1 M0 genannt und 33 Sitzungen angekündigt, erzählte er franceinfo. Ein paar Broschüren, ein kurzes Gespräch. Das sei es gewesen. Was der Arzt nicht angesprochen habe, war hingegen die konkrete Behandlungssituation.
Bei einer Bestrahlung wird der Patient auf einer Liege fixiert und durch eine geschlossene Vorrichtung geführt. Für Jacques, der seit Jahren unter Klaustrophobie leidet, wurde bereits die erste Sitzung zu einer für ihn überraschenden Tortur. Bis die Therapie überhaupt starten konnte, habe es mehrere Fehlversuche und Hypnosesitzungen gebraucht.
„Ich hatte nie das Gefühl, dass man mir zuhörte oder mich in die Entscheidungen über meine Behandlung einbezog, die mir de facto aufgezwungen wurde.“
Zwar sei er heute immer noch wütend darüber, wie viele Dinge gelaufen seien. Die Behandlung bereue er aber nicht:
„Ihr verdanke ich mein Leben und die Freude an meinen Enkelkindern.“
Doch ist mangelnde Aufklärung in der Strahlentherapie ein universelles Problem? FOCUS online hat die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) angefragt. Jürgen Dunst, ehemaliger DEGRO-Präsident und heute Pressesprecher, zeigte sich überrascht von der französischen Auswertung. „Wenn die geschilderten Berichte der Patienten und die angegebenen Zahlen zutreffen, ist das erschreckend“ – aus seiner Sicht aber „definitiv nicht auf Deutschland übertragbar“. Die Fachgesellschaft habe sich seit Jahren intensiv mit dem Thema beschäftigt und könne mit wissenschaftlichen Daten belegen, dass Patientinnen und Patienten in Deutschland gut informiert werden und sich auch gut informiert fühlen. Das bestätigt unter anderem eine aktuelle Analyse aus elf großen Strahlentherapie-Einrichtungen. Auch eine große Befragung unter Brustkrebspatientinnen habe eine hohe Zufriedenheit mit allen Teilen der Behandlung ergeben.
Dass in Frankreich offenbar bereits das Erscheinen zum Termin als Einverständnis gelte, sei in Deutschland undenkbar, betont Dunst. Hierzulande sei Shared Decision Making – die gemeinsame Entscheidungsfindung von Arzt und Patient – Standard. Zudem gebe es an vielen Universitäten spezielle Programme zur Verbesserung der Arzt-Patienten-Kommunikation, an denen die Strahlentherapie als Fachgebiet häufig „maßgeblich oder federführend“ beteiligt sei.
Dennoch ist Strahlentherapie für viele ein Angstpunkt, betont das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ): „Strahlen entziehen sich unserer Wahrnehmung, sie sind nicht greifbar, wir können sie weder sehen noch hören oder riechen. Das empfinden manche als bedrohlich“, wird Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes, dort zitiert.
2012 veröffentlichte die DEGRO eine kleine Befragung von 60 Krebspatienten dazu. Mehr als ein Drittel litt zu Beginn der Strahlentherapie unter Angst und Depressivität, welche im Verlauf der Bestrahlung aber deutlich abnahmen. „Da selten offen darüber gesprochen wird, fühlen sich Tumorpatienten häufig isoliert“, kommentierte Dunst, damals noch DEGRO-Präsident, in einer Mitteilung zur Studie. „Das verstärkt die Ängste und macht es noch schwerer, die Krankheit angemessen zu verarbeiten.“
Oliver Kölbl, Direktor der Klinik für Strahlentherapie am Universitätsklinikum Regensburg und damals DEGRO-Leitlinienbeauftragter sagte: „Die meisten Tumorpatienten wissen anfangs wenig über die Strahlentherapie, und das verunsichert sie.“ Aufklärung sei der Schlüssel: Je mehr die Patienten wüssten und je mehr sie im Gespräch mit dem Arzt erführen, desto schneller könnten sie die Furcht verlieren.
Die Empfehlung des DKFZ: Patienten sollten Sorgen offen mit dem behandelnden Arzt besprechen. „Oft können Befürchtungen so aus der Welt geschafft werden.“ Auch der Krebsinformationsdienst beantworte kostenlos individuelle Fragen zur Bestrahlung.
Für viele Patienten ist die Bestrahlung nicht eine von mehreren Optionen, sondern die entscheidende. Wie die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) im Februar 2026 in einer Übersicht aktueller Studien darlegte, erweist sich die moderne Strahlentherapie zunehmend als schonende Alternative zu großen Operationen. Konkrete Beispiele:
Auch gegenüber der Chemotherapie sei eine Bestrahlung häufig verträglicher und schneller überstanden. Allerdings: Die medizinischen Erfolge machen die von der Liga gegen Krebs dokumentierten Defizite nicht weniger gravierend – im Gegenteil. Gerade weil die Strahlentherapie so wirksam und so häufig eingesetzt wird, wiegt es schwer, wenn Patienten nicht verstehen, was mit ihnen geschieht.