Nach Jürgen Klopps DFB-Premiere fällt auf: Die Stimmung hat sich völlig gedreht. Das ist positiv und wichtig. Trotzdem sollten wir auf ein gesundes Maß achten.
Nach Jürgen Klopps DFB-Premiere fällt auf: Die Stimmung im Fußballland hat sich völlig gedreht. Das ist positiv und wichtig. Trotzdem sollten wir auf ein gesundes Maß achten. Ein Kommentar.
Dies zur Ehrenrettung von Julian Nagelsmann: Er hätte schon Weltmeister werden müssen, um auch nur annähernd in den Sphären seines Nachfolgers zu schweben. Das ist ein bisschen unfair, weil Nagelsmann nach seinen zweieinhalb Bundestrainerjahren vermutlich schlechter wegkommt als unbedingt nötig.
Jürgen Klopp jedenfalls, neu im Amt des obersten deutschen Fußballpredigers, hat allein deshalb immensen Kredit, weil er Jürgen Klopp ist. Der Erfolgscoach. Der Energiebolzen. Der Menschenumarmer. Vergessen ist selbst sein umstrittener Red-Bull-Abstecher, in der Republik wird Klopps DFB-Debüt vom wohligen Gefühl umsäumt: Wir wollen das jetzt auch gut finden!
Das ist gut so, wichtig und richtig. Die Stimmung rund um die Nationalmannschaft war über Jahre bleiern genug, es braucht Aufbruch und dafür eine charismatische Figur an der Spitze. Trotzdem sollten wir darauf achten, nicht blind alles Schwarz, Rot, Klopp zu färben.
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Zahlen sind nicht immer alles und vermitteln manchmal sogar ein windschiefes Bild – diesmal passten sie zum Spielverlauf. Das DFB-Team war in allen relevanten Belangen unterlegen, teilweise deutlich. 10:22 Torschüsse, 42:58 gewonnene Zweikämpfe, 12:45 Prozent erfolgreiche Dribblings. Und erheblich weniger Großchancen.
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„Das DFB-Team kämpft deutlich mehr als noch bei dem WM-Debakel im Sommer – und vor allem wieder füreinander“, bilanzierte die „Bild“-Zeitung. Selbst das nüchterne Fußballfachmagazin „Kicker“ würdigte einen „wichtigen Achtungserfolg – weil das Team auf Anhieb umsetzt, was Klopp fordert und sehen will“.
Hätte dieselbe Mannschaft gegen denselben Gegner auf dieselbe Weise unter dem Trainer Nagelsmann gespielt – wären die Reaktionen ähnlich euphorisch ausgefallen? Fraglich.
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Über die Landesgrenzen hinaus wurde kritischer geurteilt. Die französische „L‘Équipe“ schrieb: „Wäre die Partie nach Punkten entschieden worden, hätten die Niederlande gewonnen.“ Der englische „Guardian“ sah ein „unterhaltsames Spiel zwischen zwei Mannschaften, die – seien wir ehrlich – derzeit ziemlich weit von ihrer Bestform entfernt sind“.
Was ja logisch ist. Klopp hatte eine neuformierte Truppe versammelt und vor dem ersten Anstoß keine drei Arbeitstage mit ihr verbracht. Wunder durch Handauflegen waren nicht zu erwarten.
„Wir konnten nur an der Oberfläche kratzen, die Abläufe können noch nicht natürlich sein“, sagte Klopp. „Das Schlimmste von allen negativen Szenarien wäre gewesen, wenn wir heute unser bestes Spiel in unserer gemeinsamen Zeit absolviert hätten. Dann würden wir alle schlechter werden. So gibt es noch viel Spielraum für Verbesserungen.“
Wichtig werden nun zwei Faktoren. Erstens: Zeit. Zweitens: ein gesundes Maß an Realismus und Realitätssinn. Vorher, unter Nagelsmann oder Hansi Flick oder in der späten Phase von Joachim Löw, war nicht alles schlecht. Und jetzt, mit Klopp, ist nicht alles gut. Das sollten wir bei der Bewertung berücksichtigen. Mehr ist es nicht.
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