Die geplante SAP-Umstellung in die Cloud erweist sich als komplizierter als gedacht. Zeiss ändert deshalb den Ansatz – und ist damit nicht allein.
Stand: 10.09.2026, 17:00 Uhr

Die geplante SAP-Umstellung in die Cloud erweist sich als komplizierter als gedacht. Zeiss ändert deshalb den Ansatz – und ist damit nicht allein.
Oberkochen. Was als großer Schritt in die digitale Zukunft gedacht war, wird bei Zeiss neu aufgesetzt: Der Technologiekonzern aus Oberkochen, wichtiger Zulieferer für die globale Chipindustrie und exklusiver Lieferant von Optik für ASMLs modernste Lithografiemaschinen, ändert seinen bisherigen Ansatz bei der Migration seiner SAP-Systeme in die Cloud. SAP ist der führende Anbieter von Software für zentrale Unternehmensprozesse wie Finanzen, Einkauf oder Produktion.
Nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg sind für das Vorhaben über mehrere Jahre bereits mehr als 200 Millionen Euro angefallen. Der ursprünglich geplante sogenannte Greenfield-Ansatz wird nun durch eine Brownfield-Migration ersetzt.
Neuer Kurs, altes ZielDas Cloud-Ziel bleibt bestehen. Anders als ursprünglich vorgesehen, sollen die bestehenden Systeme und Strukturen aber stärker erhalten und in die neue Umgebung übernommen werden. Der Grund: Der komplette Neuaufbau der IT-Landschaft erwies sich offenbar als deutlich komplizierter als erwartet.
Zeiss selbst hat sich zu den von Bloomberg genannten Kosten bislang nicht geäußert. Eine Unternehmenssprecherin bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur lediglich, dass die Migration des Enterprise-Resource-Planning-Systems (ERP) neu ausgerichtet werde, „um schneller voranzukommen“. Zu Investitionssumme und Zeitplan wollte sie keine Angaben machen.
Neu bauen oder Bestehendes übernehmen?Der Unterschied zwischen den beiden Ansätzen klingt zunächst technisch, hat für ein Unternehmen aber erhebliche wirtschaftliche Folgen. Beim Greenfield-Ansatz wird die Systemlandschaft weitgehend neu aufgebaut. Bestehende Prozesse können dabei auf den Prüfstand gestellt und neu gestaltet werden. Das verspricht langfristig eine schlankere IT, macht die Umstellung aber entsprechend aufwendig.
Beim Brownfield-Ansatz werden dagegen große Teile der bestehenden Systeme übernommen und in die neue Cloud-Umgebung überführt. Dadurch lässt sich der Umstieg in der Regel schneller und mit weniger grundlegenden Veränderungen bewerkstelligen.
Kosten und Zeitplan weiter offenFür Zeiss kommt die Kehrtwende nach einer langen Vorbereitungsphase. Der Konzern arbeitet laut Bloomberg bereits seit rund sechs Jahren an seiner Cloud-Strategie. Nun sollen externe Beratungsunternehmen die weitere Umstellung begleiten.
Wie stark sich der Wechsel auf die Gesamtkosten und den Zeitplan auswirkt, ist derzeit offen. Zeiss steht zugleich ohnehin unter Kostendruck und hat im Juni ein konzernweites Sparprogramm angekündigt. Auch welche Summe Zeiss bislang tatsächlich in das Projekt investiert hat, lässt sich öffentlich nicht unabhängig bestätigen.
Zeiss ist kein EinzelfallDer Fall aus Oberkochen steht zugleich für ein Problem, mit dem auch andere große Unternehmen bei der Modernisierung ihrer SAP-Landschaften kämpfen. Die Umstellung auf cloudbasierte Systeme ist komplex, weil SAP-Software zentrale Geschäftsprozesse abbildet – von Finanzen und Einkauf bis zu Produktion und Lieferketten. Auch andere Großprojekte zeigen, wie teuer und schwierig solche Migrationen werden können. Der Handelskonzern Lidl etwa soll einen eigenen Versuch, seine SAP-Landschaft grundlegend neu aufzubauen, nach Kosten von rund 500 Millionen Euro aufgegeben haben. Bloomberg verweist zudem auf den US-Medizintechnikhersteller Zimmer Biomet. Dort führte eine problematische SAP-Cloud-Implementierung zu einem Rechtsstreit mit dem beauftragten Beratungsunternehmen Deloitte.
Nach Einschätzung eines auf SAP-Migrationen spezialisierten Beraters sind Greenfield-Projekte zudem grundsätzlich teurer als Brownfield-Ansätze. Wie hoch die Kosten ausfallen, hängt unter anderem von der Zahl der Systeme, den betroffenen Ländern und den vorhandenen Ressourcen eines Unternehmens ab.
Der Weg in die Cloud bleibtFür SAP sind solche Projekte von großer Bedeutung. Der Softwarekonzern treibt seine Kunden seit Jahren dazu, von lokal betriebenen Systemen auf cloudbasierte Angebote umzusteigen. Gleichzeitig stehen Unternehmen unter zunehmendem Zeitdruck, weil SAP den regulären Support für ältere On-Premise-Systeme - also nicht cloudbasierte Systeme - Ende 2027 auslaufen lassen will. Die Schwierigkeiten bei einzelnen Großprojekten zeigen allerdings, dass der Wechsel nicht mit einem einfachen technischen Umzug vergleichbar ist. Gewachsene IT-Strukturen müssen mit neuen Systemen, Daten und Geschäftsprozessen zusammengebracht werden – und das über Jahre hinweg.
Zeiss hat sich nun für einen pragmatischeren Weg entschieden. Der Konzern will weiterhin in die Cloud, nimmt dafür aber einen größeren Teil seiner bestehenden IT-Landschaft mit. Ob dieser zweite Anlauf schneller und günstiger zum Ziel führt, wird sich zeigen.
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