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Brasiliens grösste Favela ist in der Hand von Drogenkriminellen – und doch pilgern Touristen dahin

Дата публикации: 28-09-2026 03:30:00

In der Rocinha in Rio de Janeiro regiert eine Drogenbande mit harter Hand. Frustriert über die Politik setzen Bewohner auf Eigeninitiative – viele wollen im Oktober erst gar nicht wählen gehen.

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Brasiliens grösste Favela ist in der Hand von Drogenkriminellen – und doch pilgern Touristen dahin

Emerson Ventura / Projekt Na favela

In der Rocinha in Rio de Janeiro regiert eine Drogenbande mit harter Hand. Frustriert über die Politik setzen Bewohner auf Eigeninitiative – viele wollen im Oktober erst gar nicht wählen gehen.

28.09.2026, 05.30 Uhr

8 Leseminuten


Ein Morgen in der Rocinha. In dem Labyrinth aus unverputzten Häuserwänden verschmelzen Stimmengewirr und laute Musik, es riecht nach Abwasser und verbranntem Frittieröl, über dem Weg hängen wild ineinander verknotete Stromleitungen. Manchen Besuchern ist die Anspannung anzumerken. Denn aus dem Fernsehen kennen sie diese düsteren Gassen. Auf verwackelten Bildern sieht man dann Polizeieinheiten durch das Häusermeer der Rocinha stürmen, während verschanzte Drogengangster sie unter Beschuss nehmen.

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Heute werde die Gruppe aber weder auf Drogengangster noch auf die Polizei stossen, versichert der Touristenführer Felipe. Er zeigt auf sein Handy mit der App des Projekts Na favela (in der Favela). Darauf ist die Route durch das Häusermeer vorgegeben, und das GPS-basierte Tracking garantiert, dass unterwegs kein Tourist verlorengeht.

Die App warne auch vor Gefahren wie einem plötzlichen Polizeieinsatz, so dass man die Besucher im Notfall rasch evakuieren könne, versichert der Guide. Viele Touristen kämen trotzdem mit Angst zu den Touren. «Doch am Ende sagen sie, dass sich ihre Sicht auf die Favela komplett verändert habe und dass wir hier schöne Geschichten zu erzählen hätten.»

So wie Felipes eigene Geschichte. Früher wusch er in einem Pet-Shop im Nobelviertel Barra da Tijuca für wenig Lohn die Hunde reicher Kunden. Jetzt zeigt er Touristen aus aller Welt seine Rocinha, die grösste Favela Brasiliens. Dafür hat er Englisch gelernt, das Projekt finanziert ihm ein Tourismusstudium. Der 24-Jährige hat endlich das Gefühl, im Leben voranzukommen.

Von der «Himmelstür» genannten Terrasse hat man einen spektakulären Blick über die Rocinha.

Von der «Himmelstür» genannten Terrasse hat man einen spektakulären Blick über die Rocinha.An der Himmelstür

Genau wie der Drohnenpilot Emerson. An der Porta do Céu, der Himmelstür, wie der Zugang zu einer Terrasse mit spektakulärem Blick hoch oben in der Rocinha genannt wird, filmt er personalisierte Videos. Sobald sich ein Tourist auf einen Stuhl am Rand der Terrasse gesetzt hat, lässt Emerson die Kameradrohne 150 Meter hoch in den Himmel steigen. Immer winziger wird der Besucher in dem Video, verliert sich schliesslich in dem gigantischen Häusermeer, an dessen unterem Ende Rios grüne Hügel und der tiefblaue Atlantik zu sehen sind.

Dass seine spektakulären Videos mittlerweile weltweit in sozialen Netzwerken gepostet würden, mache ihn stolz, sagt Emerson. Und sie garantierten ihm ein gutes Auskommen. Schlug er sich früher als Motorradkurier und Strassenhändler durch, könne er nun seinen drei Kindern endlich etwas bieten.

Einem Jugendlichen aus der Rocinha einen Drohnenkurs zu finanzieren, durch den dieser pro Woche 3000 Reais (umgerechnet 475 Franken) verdiene, verändere dessen Leben, sagt Renan Monteiro, der Gründer von Na favela. 3000 Reais sind viel Geld für jemanden aus der Favela. Denn viele Bewohner arbeiten informell, also ohne Papiere, und das oft für weniger als den staatlich vorgeschriebenen Mindestlohn von 1600 Reais im Monat.

Der Unternehmer Renan Monteiro mit dem Drohnenpiloten Emerson Ventura (links) und dem Guide Felipe Mendes (rechts).

Der Unternehmer Renan Monteiro mit dem Drohnenpiloten Emerson Ventura (links) und dem Guide Felipe Mendes (rechts).

Ein Strassenzug in der Rocinha. Die Mitarbeiter des Stromversorgers Light trauen sich hier nicht hin.

Ein Strassenzug in der Rocinha. Die Mitarbeiter des Stromversorgers Light trauen sich hier nicht hin.«Safari-Tourismus»

«Eigentlich müsste sich die Regierung darum kümmern, dass Jugendliche gut bezahlte Jobs bekommen», findet Monteiro. «Nun tun wir es halt.» Monteiro stammt selbst aus der Rocinha. Den Entschluss, ein Tourismusprojekt zu kreieren, habe er nach dem Tod einer spanischen Touristin in der Rocinha im Jahr 2017 gefasst. Polizisten hatten damals ihr Auto mit dem von Drogengangstern verwechselt und das Feuer eröffnet.

Der Zwischenfall markierte die Wende in Rios Favela-Tourismus. Bis dahin wurden Touristen in Jeeps durch die Armenviertel gefahren. «Safari-Tourismus» nennt es der 41-Jährige. «Externe Agenturen brachten die Touristen hierher, mit Guides, die nicht hier lebten. Die lokale Bevölkerung war nicht involviert.»

Na favela beschäftigt dagegen lokale Guides, und auch Motorradtaxis, Souvenirläden und Restaurants verdienen mit. Rund fünftausend Familien profitierten hier vom Tourismus-Boom, der Rio seit dem Ende der Corona-Pandemie erfasst hat, schätzt Monteiro. Mit tausend bis zweitausend Besuchern täglich ist die Rocinha einer der Top-Touristen-Spots der Stadt geworden.

Bürger zweiter Klasse

Dabei waren Favelas eigentlich stets No-go-Areas, die ein Brasilianer aus der Mittel- oder Oberschicht nie freiwillig betreten würde. Sie sind irregulär errichtete Armenviertel, in denen der Staat kaum präsent ist. Dieses Vakuum füllen Drogenbanden oder aus korrupten Polizisten und Militärs gebildete Milizen. Ihnen sind die Bewohner hilflos ausgeliefert. Es gibt auch keine geregelte Müllabfuhr oder Strom- und Wasserversorgung.

In ganz Rio de Janeiro lebt laut Schätzungen ein Drittel der Bevölkerung in Slums, die Rocinha bietet wohl zwischen 100 000 und 200 000 Bewohnern eine Heimat. Genau weiss das niemand. Der Unternehmer Monteiro will deshalb mit einer amerikanischen Universität eine Volkszählung organisieren. Denn erst durch valide Daten über die tatsächliche Einwohnerzahl würden staatliche Leistungen wie Schulen und Spitäler rechtlich einklagbar.

Vom Gemüsegarten zur Mega-Favela

Rocinha, das heisst «kleiner Garten». Denn vor einhundert Jahren wurden hier Obst und Gemüse für die umliegenden Viertel angebaut. Ab den 1940er Jahren errichteten dann arme Migranten aus dem Nordosten Brasiliens ihre Hütten aus Holz und Wellblech entlang des Hügels. Der Staat liess sich nur in Form von Polizisten blicken, die hier nach Kriminellen suchten.

Mitte der achtziger Jahre gab es zwei Momente, die das Schicksal von Rios Favelas bis heute prägen. Zum einen wurden die Armenviertel zu Umschlagplätzen für Drogen wie Kokain und Marihuana. Zum anderen entdeckten Politiker nach Brasiliens Rückkehr zur Demokratie nach zwanzig Jahren Militärdiktatur das riesige, in den Wellblechhütten schlummernde Reservoir an Wählerstimmen.

Die Politiker würden die Favela-Bewohner lediglich als Stimmvieh betrachten, glaubt der Unternehmer Monteiro. Und im Wahlkampf gemachte Versprechen nie einhalten. Das habe System. Denn so könne man das Gleiche im nächsten Wahlkampf erneut versprechen. «Wir lernen hier von klein auf, dass wir selbst für alles kämpfen müssen und dass uns niemand etwas gibt», sagt der Guide Felipe. «Als Favela-Bewohner starten wir immer zwei Schritte weiter hinten im Leben.»

Derzeit werden wieder grosse Versprechen gemacht. Denn im Oktober wählt Brasilien neue Gouverneure und Abgeordnete. Und den Präsidenten. Pausenlos wird in Medien über das enge Duell berichtet zwischen dem linken Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva und dem Herausforderer Flávio Bolsonaro, dem Sohn des rechtspopulistischen ehemaligen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro. Bei den Wahlen 2022 hatte «Lula» in der Rocinha gegen Bolsonaro senior mit über 78 Prozent sein bestes Ergebnis in ganz Rio geholt.

Status quo der Armut

Lula würde vor allem von denen gewählt, die Angst vor dem Verlust von Sozialleistungen hätten, sagt Márcia Ferreira da Costa. Dabei würden solche Zahlungen lediglich den Status quo der Armut zementieren, findet die Leiterin einer Nichtregierungsorganisation, die Familien hilft. «Anstatt den Müttern einfach Geld fürs Nichtstun zu geben, sollte der Staat sie verpflichten, selbst aktiv zu werden.»

Ein Souvenirverkäufer in der Rocinha: Der Tourismus belebt das Geschäft.

Ein Souvenirverkäufer in der Rocinha: Der Tourismus belebt das Geschäft.

Márcia Ferreira da Costa leitet in der Rocinha eine NGO, die sich um Kinder und Jugendliche kümmert.

Márcia Ferreira da Costa leitet in der Rocinha eine NGO, die sich um Kinder und Jugendliche kümmert.

Die NGO betreut über einhundert Kinder in einer Kita und einer Schule in Roupa Suja, einem ärmlichen Viertel hoch oben in der Rocinha. Auch Nachhilfe steht auf dem Programm. Denn die öffentlichen Schulen seien so schlecht, dass viele Kinder mit elf oder zwölf Jahren immer noch nicht lesen und schreiben könnten, sagt Ferreira. An Präsident Lulas Versprechen, in seinem nächsten Mandat Brasiliens prekäres Bildungssystem endlich zu reformieren, glaubt sie nicht. Er hätte dafür schliesslich bereits drei Mandate lang Zeit gehabt.

Auch von den Bolsonaros hält sie wenig. Sie hätten mit ihrer hasserfüllten Rhetorik die Gesellschaft gespalten. Und auch viele Familien in der Rocinha. Der frühere Präsident Jair und sein Sohn Flávio haben ihre politische Karriere in Rio begonnen. Was man sich hier über ihre Verstrickungen mit korrupten Milizen erzählt, macht vielen Bewohnern Angst.

Dass Flávio Bolsonaro seinem politischen Alliierten Donald Trump nahegelegt hat, neben Booten von Drogenkurieren in der Karibik auch die Favelas in Rio zu bombardieren, die unter der Kontrolle von Drogenbanden stehen, hat ihm hier wenig Sympathie eingebracht. Im Mai hatte der amerikanische Präsident das Comando Vermelho (CV) als Terrorgruppe eingestuft. Die Drogenbande dominiert viele Favelas in Rio, darunter die Rocinha. Flávio Bolsonaro könnte als Präsident einen Krieg gegen die Drogengangster lostreten, befürchtet man.

Erst im vergangenen November hatte die Polizei bei einer Aktion gegen das CV in Rios Nordzone 117 mutmassliche Gangmitglieder getötet. Solch schreckliche Szenen sah man früher regelmässig auch in der Rocinha. Doch seit hier der Tourismus boomt, hält sich die Polizei auffällig zurück. Sie werde für ihre Untätigkeit bestochen, vermuten Bewohner, die anonym bleiben wollen. Die Polizisten seien selbst in den Drogenhandel verwickelt, sagen andere.

Mit Badelatschen und Maschinengewehr

In einer Gasse unterhalb von Ferreiras NGO steht ein nur mit kurzer Sporthose und Badelatschen bekleideter Jugendlicher. Sein beigefarbenes Maschinengewehr ist grösser als er selbst. Das Comando Vermelho soll laut Experten in der Rocinha ein- bis zweitausend Mann unter Waffen haben. Irgendwo in den am steilen Hügel ineinander gestapelten Häusern im oberen Teil der Rocinha soll ihr Hauptquartier liegen. Aus der Ferne wirkt die Wand aus Beton und Ziegelsteinen wie eine mittelalterliche Trutzburg.

Das CV regiere hier mit eiserner Hand und drakonischen Regeln, berichten Bewohner. Wer in der Favela beim Klauen erwischt werde, dem würden Finger abgeschnitten, auf Gewalt gegen Frauen stehe gar die Todesstrafe. Zudem kassiere das CV bei jeder ökonomischen Tätigkeit mit. «Hier verkauft niemand auch nur einen Hotdog ohne die Zustimmung des CV», sagt eine Bewohnerin. Auch wer Zimmer an Touristen vermiete, zahle dafür Gebühren.

Ausweg Bildung

Jugendliche mit einer guten Ausbildung könnten diesem Kreislauf aus Gewalt, Armut und Korruption entfliehen, glaubt die NGO-Leiterin Ferreira. Einige ihrer Jugendlichen hätten gute Jobs ausserhalb der Rocinha gefunden oder studierten an Universitäten. Ein Mädchen sogar im Ausland, sagt sie stolz. Doch die NGO würde viel mehr Kindern eine gute Zukunft bieten können, erhielte sie mehr Spenden.

Denn die Zuschüsse der Stadt für die Kita und die Schule seien viel zu niedrig. Die Stadtregierung investiere nur dort in der Rocinha, wo sich Touristen aufhalten, sagt Ferreira. Viele Bewohner würden aus Frust über die Politik im Oktober erst gar nicht wählen gehen.

Ferreira plädiert stattdessen dafür, selbst Druck zu machen. Durch Proteste habe man jüngst erreicht, dass endlich eine Trinkwasserleitung hoch nach Roupa Suja gelegt worden sei. Das Abwasser hingegen fliesse weiterhin unkontrolliert hinab ins Meer. Eine Müllabfuhr gebe es in den schwer zugänglichen Gassen sowieso nicht, und an Strom gelange man nur durch illegale Anschlüsse. Die Mitarbeiter des Stromversorgers Light trauten sich nicht hier herauf, sagt Ferreira.

Weder Lula noch Bolsonaro

Sie liebe die Rocinha, sagt Giulia Lourenço da Silva, eine Erzieherin aus Ferreiras NGO. Doch wenn sie es sich würde leisten können, zöge sie weg, ihren Kinder zuliebe. Drei Freunde habe sie bereits durch die Gewalt verloren, «teils durch die Polizei, teils durch die Kriminellen», sagt die 35-Jährige.

Die Rocinha erinnert an manchen Orten an eine mittelalterliche Trutzburg.

Die Rocinha erinnert an manchen Orten an eine mittelalterliche Trutzburg.

Die Erzieherin Giulia Lourenço da Silva überlegt, die Rocinha zu verlassen. Mehrere ihrer Freunde hat sie bereits durch die hier herrschende Gewalt verloren.

Die Erzieherin Giulia Lourenço da Silva überlegt, die Rocinha zu verlassen. Mehrere ihrer Freunde hat sie bereits durch die hier herrschende Gewalt verloren.

Ihre Kinder lasse sie nicht auf der Strasse spielen. Stattdessen sollten sie in der NGO Englisch lernen, um später vielleicht mit Tourismus Geld zu verdienen. Sie selber arbeite seit ihrem zwölften Lebensjahr. Derzeit jobbe sie nebenher noch als Make-up-Artistin. Auf Sozialhilfe habe sie wegen der festen Anstellung in der NGO keinen Anspruch.

Ob sie Lula oder Bolsonaro unterstütze? Weder noch. «Keiner der beiden beachtet uns hier in der Favela», sagt sie. Und sie hat keine Hoffnung, dass Hilfe von ausserhalb kommen könnte. «Uns hat noch nie jemand geholfen – weder die Kirche noch der Bürgermeister noch der Staat mit seinen Hilfsprogrammen. Wir mussten uns immer alles selbst erarbeiten.»

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