Eine 20-jährige Studentin soll vor zwei Jahren von sieben Kommilitonen vergewaltigt worden sein, ohne dass es zu einer Strafverfolgung kam. Der Fall erzeugt solche Empörung, dass New Yorks Gouverneurin Kathy Hochul eine Sonderermittlerin einsetzt.
Eine 20-jährige Studentin soll vor zwei Jahren von sieben Kommilitonen vergewaltigt worden sein, ohne dass es zu einer Strafverfolgung kam. Der Fall erzeugt solche Empörung, dass New Yorks Gouverneurin Kathy Hochul eine Sonderermittlerin einsetzt.
03.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

Lauren Petracca / Reuters
Was geschah in der Nacht auf den 20. Oktober 2024 im Fraternity House der Studentenverbindung Chi Phi? Die Versionen gehen auseinander. Klar ist jedoch: An diesem Abend hatte die 20-jährige Studentin an der Cornell-Universität, nennen wir sie Kate, Sex mit mehreren Kommilitonen, bis in die Morgenstunden.
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Erst mit Verzögerung meldete Kate sich bei der Campus-Polizei der Cornell-Universität und sagte, sie sei vergewaltigt worden. Die Leitung eröffnete eine gesetzlich bindende, formelle Untersuchung und bestrafte vier Studenten – zwei wurden temporär suspendiert, zwei exmatrikuliert. Zudem wurde die Fraternität dauerhaft von Cornell ausgesperrt. Kate hat ihr Studium abgebrochen.
Die Bezirksanwaltschaft verzichtete jedoch auf ein strafrechtliches Verfahren gegen die Männer. Die Sache schien begraben. Doch vor zwei Wochen erhob Kate eine zivilrechtliche Klage gegen sieben mutmassliche Täter und die Cornell Universität. Diese habe bei der Untersuchung und der Prävention des Verbrechens versagt. Es gebe auf dem Campus schon länger Probleme mit K.-o.-Tropfen und sexuellen Übergriffen. Die Anwälte der Angeklagten sagen hingegen, alle sexuellen Handlungen seien einvernehmlich gewesen. Ein Angeklagter sagt, er habe nur zugeschaut.
Also, was geschah wirklich in besagter Nacht? Laut der über hundertseitigen Klageschrift besucht Kate nach dem Ausgang mit Freundinnen bereits alkoholisiert eine Party im Fraternity-Haus. Ein befreundeter Student hat sie dazu eingeladen. Es fliesst Alkohol, Ketamin wird konsumiert. Die schwer berauschte Kate hat mit zwei Männern gleichzeitig Sex. Danach sei sie unter Druck gesetzt worden, weiter Drogen zu nehmen, und über mehrere Stunden hinweg von insgesamt sieben Männern vergewaltigt worden. Kurz vor sechs Uhr hat sie nach eigenen Angaben das Bewusstsein verloren.

Matt Rourke / AP
Ein Gruppenchat, veröffentlicht von CBS News, dokumentiert eine scheussliche Frivolität der Studenten. Sie laden ihre Freunde auf Snapchat zum Sex mit Kate ein: «Gratis-Pussy!», hält einer feil. «Ist der Laden immer noch offen?», fragt ein Student gegen zwei Uhr morgens. Er scheint sich zu erkundigen, ob es sich noch lohnt, zur Party zu fahren. «Yea!», lautet die Antwort. Dieser Austausch zeugt von der verwerflichen Mentalität der beteiligten jungen Männer. Die juristische Frage der Zustimmungsfähigkeit von Kate ist jedoch damit nicht geklärt.
Die Klageschrift argumentiert, dass Kate im extrem betäubten Zustand unfähig gewesen sei, den sexuellen Handlungen zuzustimmen. Es habe deutliche Zeichen der Ablehnung gegeben. So habe sie sich unter einer Decke zu verstecken und die Männer wegzustossen versucht. Nach New Yorker Strafrecht gilt jedoch freiwilliger Alkohol- oder Drogenkonsum nicht als geistige Einschränkung bei der Einwilligung zum Geschlechtsverkehr. Rechtsexperten nennen das ein «Schlupfloch bei freiwilliger Intoxikation».
Opferanwälte wie Ann Olivarius kritisieren das geltende Gesetz scharf: «Entweder man ist vollkommen nüchtern oder vollständig bewusstlos», sagte sie gegenüber dem «Time»-Magazin. Das Leben funktioniere nicht so, besonders nicht im College: «Wir alle wissen, wie leicht unsere geistigen und körperlichen Fähigkeiten durch Drogen und Alkohol beeinträchtigt werden können.»
Widersprüche im VerhaltenErschwerend ist Kates Verhalten unmittelbar nach dem Vorfall. Am Morgen danach berichtet sie Freundinnen in Textnachrichten vom Erlebten, zunächst ohne Anschuldigungen zu machen. Einer der Männer entschuldigt sich bei ihr für «das, was abging», und sagt, sein Gedächtnis sei «vernebelt» und dass er «die Leute hätte rausschmeissen sollen, bevor die Lage ausser Kontrolle geriet». Die Studentin sagte, sie habe auch neblige Erinnerungen, aber: «Nichts an den Sexsachen war illegal.» Sie will mit dem Mann sogar ein neues Date abmachen, allerdings «lieber ohne die 5 Milliarden andern Männer und Ketamin».
Die Erkenntnis, dass sie ein Opfer einer Gruppenvergewaltigung sein könnte, wächst bei Kate graduell. Zwei Tage danach bezeichnet sie sich als traumatisiert. Als die Gerüchteküche zu brodeln beginnt und es heisst, eine Studentin sei von einer Gruppe Männern vergewaltigt worden, erkennt sie sich darin wieder. Das dauert: Erst achtzehn Tage nach dem Vorfall lässt sich Kate ärztlich wegen Vergewaltigung untersuchen.
Nun wird der Fall neu aufgerollt, nachdem es in den sozialen Netzwerken in den vergangenen Wochen zu einer Welle der Empörung gegen die «Cornell Seven» gekommen ist, wie die sieben mutmasslichen Täter genannt werden. Die Angeklagten wurden belästigt, in einem Fall sogar tätlich angegriffen. Die linke New Yorker Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez ergriff Partei für Kate: «Sie verlor ihre Chance auf Bildung, während diese Männer mit einem Ivy-League-Abschluss belohnt wurden», sagte sie an einem Wahlkampfauftritt in Ithaca.
Ungeklärte Differenzen in der AussageDerweil tauchten eklatante Unterschiede zwischen Kates Aussage gegenüber der Campus-Polizei und dem Bericht an den Staatsanwalt von Tompkins County auf. Im Interview mit der Universität hatte sie von einem Verbrechen gesprochen: «Ich wurde hundertprozentig vergewaltigt.» Doch in der sechsseitigen Zusammenfassung, die er erhalten habe, sei das Gegenteil gestanden, schrieb Staatsanwalt Matthew van Houten: «Sie beschrieb ihre Beteiligung am Drogenkonsum und an den sexuellen Handlungen als freiwillig und einvernehmlich.»
Am Montag nahm van Houten die Ermittlungen wieder auf, die er 2024 eingestellt hatte. Als Grund nannte er mögliche neue Informationen aufgrund der Zivilklage. Doch das Vertrauen der Gouverneurin von New York, Kathy Hochul, hatte er bereits verspielt. Die Demokratin setzte am Donnerstag eine Sonderermittlung ein, um die «schrecklichen Anschuldigungen» zu untersuchen. Hochul kritisierte das Vorgehen bei der ursprünglichen Untersuchung scharf: «Irgendjemand wusste mehr, als er die Öffentlichkeit wissen liess». Zudem verlangt sie eine Revision des New Yorker Strafrechts.
Die New Yorker Justizministerin Letitia James übernimmt die Untersuchung des Falles. Das könnte zu politischen Nebengeräuschen führen. Denn James ist seit den Trump-Prozessen eine der meistgehassten Figuren im Orbit des Präsidenten. Und dieser hat gerade die Biden-Regel abgeschafft, wonach Universitäten Vorwürfe sexueller Übergriffe zwingend untersuchen müssen.