Während München im Wiesn-Endspurt liegt, verrät Designerin Kinga Mathe, was den Zauber des Dirndls ausmacht.
„Würde jede Frau ein Dirndl tragen, gäbe es keine Hässlichkeit auf der Welt.“ Mit diesem Zitat erhob einst die „Queen of Punk“ höchstpersönlich, Vivienne Westwood, das Dirndl in den modischen Adelsstand. Ausgerechnet Vivienne Westwood. Sie hatte sich seit den 70er-Jahren mit Sicherheitsnadeln und zerrissenem Tartan gegen modische Konventionen gestellt wie kaum sonst jemand.
Ganz so überraschend ist ihre Huldigung der Tracht dann aber auch wieder nicht: Seit Ende der 1980er-Jahre hatte Westwood das Korsett zurück auf den Laufsteg geholt. Und was ist ein Dirndl-Mieder anderes? Ihre Liebeserklärung an das Dirndl jedenfalls wirkt heute aktueller denn je.
An diesem Wiesn-Wochenende lässt sich auf der Theresienwiese noch einmal konzentriert verfolgen, was Westwood meinte. Zwischen Festzelten und Fahrgeschäften leuchten noch ein letztes Mal Seide, Samt und Schürzen in allen erdenklichen Farben, bevor am Montag das Spektakel vorbei ist.
Kinga Mathe kennt diese Bilder genau. Die Designerin war in diesem Jahr jeden Tag auf dem Oktoberfest, manchmal sogar zweimal. „Es war super viel los, es war wundervolles Wetter, ganz tolle Stimmung“, sagt sie. Kurz vor dem Finale hat sie dann trotz präventiver Infusionen doch noch eine Grippe erwischt. Das passiert eben auch den erfahrensten Wiesngängern.
Welche Farbe hatte diese Wiesn? Für Mathe ist das klar: Rot. Ein Zufall ist das in ihren Augen nicht. Monatelang hat sie sich vorher in Bildern und Videos in roten Dirndln auf Instagram gezeigt, wo sie über 70 Tausend Follower hat. „Dann will jeder Rot.“
Alles begann vor fast 19 Jahren, als Mathe ein Dirndl für sich suchte und keines fand. „Das war mir alles zu bäuerlich, typische Heidi-Dirndl in rot-weiß kariert.“ Also entwarf sie selbst eines: ganz in Schwarz, schlicht und monochrom, aus Seide. Die Silhouette war die eines Dirndls, aber es war ein modernes Kleid.
Daraufhin bekam sie so viele Komplimente, dass sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. 2009 stand sie auf der Messe in Salzburg mit 15 Dirndln und zwei Blusen. Nach fünf Minuten kam eine Gruppe des Münchner Traditionshauses Lodenfrey an ihren Stand. „Ich dachte, ich falle gleich tot um“, erinnert sich Mathe. Noch in der ersten Stunde wurde bestellt. Für Mathe war das „wie ein Ritterschlag“. Heute verkauft sie nach eigener Schätzung rund 10.000 Dirndl im Jahr, hat vier Läden und einen Onlineshop.
Modern, schlicht und edel: Mathes Dirndl sollen nach eigenen Aussagen nicht so richtig „dirndlig“ sein.
© Kinga Mathe
Dass ausgerechnet Kinga Mathe einmal die Dirndl-Trends auf der Wiesn vorgeben würde, war nicht abzusehen. Sie ist in Ungarn geboren und kam mit zwölf Jahren nach Deutschland. Mit Tracht hatte sie lange nichts zu tun. Doch gerade deshalb konnte Mathe ihren eigenen Zugang finden: Sie hatte keine Scheu, Konventionen zu brechen und entwarf einfach, was ihr selbst gefiel: modern, schlicht und edel. Und eigentlich sollten sie „nicht so richtig dirndlig“ sein.
Zwar experimentiert Mathe selbst gern mit Stoffen und Mustern, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Trotzdem zieht sie eine klare Grenze: „Ein Dirndl soll keine Verkleidung sein, sondern Tradition.“
Was macht den Reiz des Dirndls aus? Da muss Mathe nicht lange überlegen: „Das Dirndl ist sehr weiblich.“ Kaum ein anderes Kleidungsstück betont die weibliche Figur so stark. Sie vergleicht es mit Piloten und Flugbegleitern, die in ihren Uniformen immer besonders gut angezogen wirken. „Dirndl oder Tracht allgemein kleidet extrem“, sagt sie. In einer schönen, edlen Tracht sehe jeder Mensch gleich deutlich attraktiver aus.
Corsage, Miederstäbe, eine schmale Taille, alles wird „genau in die richtige Richtung geschoben“. Mathe glaubt, dass Frauen sich im Dirndl auch deshalb so sexy fühlen, weil sie ihren Körper ganz anders spüren. Ein tiefes Dekolleté braucht es dafür allerdings nicht.
Nach eigener Aussage war Mathe die Erste, die hochgeschlossene Blusen und langärmlige Spitzentops zum Dirndl kombinierte, fast wie einen Rollkragen. Weil der Schnitt den Körper ohnehin betont, müsse man nicht viel Haut zeigen. „Passform ist natürlich das A und O.“ Dazu kommen edle Materialien. Fast 19 Jahre lang habe sie an ihren Schnitten gearbeitet und diese „eine Million Mal“ nachjustiert, bis sie perfekt waren.
Die Designerin selbst in einem ihrer Entwürfe.
© Kinga Mathe
Sie bleibt trotzdem ehrlich: Nicht jeder Frau steht ein Dirndl. Sehr burschikosen Typen rät sie eher zu Mieder, Lederhose und Blazer. Aber 90 Prozent ihrer Kundinnen sähen darin „wundervoll“ aus. „Wenn die Kundinnen sich im Spiegel betrachten, dann haben sie ein besonderes Strahlen im Gesicht.“
Zudem liegt der Tracht etwas Verbindendes inne: In Dirndl und Lederhose begegnen sich plötzlich für ein paar Stunden alle auf Augenhöhe. Mathe geht noch weiter und sagt, Tracht gebe Halt: „Egal, wie schlimm alles teilweise ist oder was man für Krisen im Leben hat, in Tracht fühlen sich die Menschen wohl. Sobald sie die Tracht anziehen, ist die Welt in Ordnung.“ In unruhigen Zeiten ist das vielleicht der stärkste Grund für den anhaltenden Boom.
Um also auf das eingangs erwähnte Zitat von Vivienne Westwood zurückzukommen: Zwischen Dirndln und Lederhosen und vielleicht ein paar Bier lässt sich dieses Wochenende noch einmal wunderbar das Hässliche in der Welt vergessen.
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