Burkard ist Apnoe-Taucherin: Sie holt tief Luft und bleibt dann minutenlang unter Wasser. Dabei fühlt sie sich wie eine Astronautin. Ein Besuch im Training.
Burkard ist Apnoe-Taucherin: Sie holt tief Luft und bleibt dann minutenlang unter Wasser. Dabei fühlt sie sich wie eine Astronautin. Ein Besuch im Training.
13.09.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten

Federico Buzzoni
In der Dunkelheit des Zürichsees kommt Vera Burkard zur Ruhe. An der Wasseroberfläche atmet sie tief ein. Dann taucht sie ab und hält minutenlang den Atem an. Nach 10 Metern trübt sich das Wasser, ehe es stockfinster um sie wird. Im Lichtkegel der Stirnlampe glitzern Partikel wie Sterne. Burkard fühlt sich, als flöge sie durchs Weltall.
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Sie gleitet tiefer, fast bis zum Grund, und lässt sich in die Finsternis fallen.
Vera Burkard, 35 Jahre alt, trägt ein Muscheltattoo am Oberarm und türkisfarbene Steinchen an den Ohren. Und sie taucht mit einem einzigen Atemzug. Freitauchen, auch Apnoe-Tauchen genannt, ist die älteste und puristischste Form des Tauchens. Burkard beherrscht sie wie nur wenige auf der Welt.
Mitte Juli stellte sie den Weltrekord im Süsswasser auf. Ohne Flossen tauchte sie im Gardasee an den italienischen Meisterschaften 57 Meter tief – in der Disziplin CNF (Constant Weight No Fins), die als die härteste im Freitauchen gilt. «Viele meiden sie», sagt Burkard. Sie nicht.
Eine vorsichtige RekordhalterinBurkard arbeitet als Tierärztin in einer Katzenklinik in Horgen. Nach Feierabend wechselt sie die Seeseite: Dreimal wöchentlich fährt sie nach Herrliberg, wo sie mit anderen Freitaucherinnen und Freitauchern im Zürichsee trainiert. An einem warmen Septemberabend kommen acht ins Training. Oft sind es mehr. Apnoe-Tauchen ist eine Randsportart, doch die Szene wächst auch in der Schweiz. Es gibt mehr Interessenten, neue Klubs entstehen, es werden neue Tiefenrekorde aufgestellt.
Immer dabei ist Burkards Mann Gregor Forster. Die beiden lernten sich beim Freitauchen kennen. Zum ersten Kuss kam es nach einem Nachtschwumm in der Aare. Wassermenschen durch und durch.
Burkards Mann taucht maximal 55 Meter tief – mit Flossen. Weshalb seine Frau tiefer komme? Weil sie den Kopf dafür habe, sagt er. Und ehrgeizig sei. Burkard trainiert nicht nur im See, sondern auch im Pool, im Fitnessstudio und auf dem Ergometer. Am Abend zuvor absolvierte sie ein Krafttraining und legte im Schwimmbecken Unterwassersprints mit Kurzflossen zurück.

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Die Gruppe hievt nun ein riesiges Stand-up-Paddle ins Wasser. Darauf befindet sich eine Metallbrücke, an der Tauchseil und Anker hängen. Marco Melileo, der Gründer der Freitauchergruppe, schiebt das Brett immer weiter in den See hinaus, bewegt dafür die Monoflosse auf und ab. Er schaut aufs Display des Echolots, das die Wassertiefe anzeigt. Bei 90 Metern ankert er.
Tief genug für Burkard.
An diesem Abend macht sie nur einen Tauchgang, dafür einen langen. Mit Flossen will sie 80 Meter tauchen. Etwas mehr als bei den Schweizer Meisterschaften im August, wo sie mit 71 Metern den nationalen Rekord knackte. Bei Wettkämpfen muss sie jeweils am Vortag die Tiefe angeben, das Sicherungsseil wird entsprechend eingestellt. Burkard orientiert sich dabei an ihren Leistungen im Training. Sie sagt: «Ich gehöre zu den Vorsichtigen.» Momentan bereitet sie sich auf die Weltmeisterschaften im Freitauchen auf Zypern vor, die Ende September beginnen. Burkard sagt: «Irgendetwas über 80 Meter wäre mein Ziel im Meer.»
Schon als Mädchen war Burkard am liebsten im Wasser. Während des Studiums verbrachte sie einige Wochen in Thailand, wo sie sich um streunende Hunde kümmerte. Und verliebte sich auf Koh Phangan ins Tauchen. Zurück in der Schweiz war das Hobby jedoch zu teuer. Sie stiess auf die Freitauchergruppe in Herrliberg. 2013 tauchte sie erstmals im Zürichsee. Später nahm sie an einigen nationalen Wettkämpfen teil, damals als eine der wenigen Freitaucherinnen.
Vor allem aber sei das Freitauchen für sie ein wichtiger Ausgleich zum Alltag geworden, sagt sie: «Was ich am See so meditativ finde, ist, dass es dunkel wird. Ich komme an und tauche ab.»

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Während die anderen nacheinander auf 20, 30, 40 Meter abtauchen, liegt Burkard mit geschlossenen Augen auf dem Stand-up-Paddle. Sie entspannt sich, lässt ihren Puls ruhiger werden. Die tiefstehende Sonne färbt das Wasser orangefarben. Eine Jacht mit jungen Menschen und lauter Musik tuckert vorbei. Das Brett wiegt in den Wellen.
Eine Italienerin, die seit fünf Jahren mit der Gruppe taucht, setzt sich nach ihrem ersten Tauchgang aufs Stand-up-Paddle. Sie hat eine Antwort darauf, warum es sie immer wieder in den dunklen See zieht. Sie sagt: «Flaschentauchen ist wie ein Museumsbesuch. Beim Freitauchen begegnet man sich selbst.»
Das Apnoe-Tauchen schult Burkard darin, ihren Körper wahrzunehmen. Sie sagt: «Du lernst, mit den Gedanken durch den Körper zu gehen und zu schauen, wo du angespannt bist.» Taucht sie entspannt, verbraucht sie weniger Sauerstoff. Verkrampft sie sich, steigt das Risiko für Lungenblutungen, beim Tauchen gefürchtet und im Jargon als «lung squeeze» bekannt. Bereits in 10 Metern Tiefe herrscht doppelt so viel Umgebungsdruck wie an der Oberfläche. Sie hat sich beim Tauchen bislang noch nie verletzt. Ist der See jedoch besonders kalt, fällt es ihr schwer, sich zu entspannen.
«Vera, du bist dran», sagt Forster zu Burkard. Langsam öffnet sie die Augen, gleitet ins Wasser. Sie macht ihren Karabiner am Seil fest, knipst die Stirnlampe an, setzt die Nasenklammer auf. Zwei Minuten noch. Sie liegt rücklings auf dem Wasser, der Kopf auf einer Schwimmnudel, die Augen geschlossen. Sie atmet länger aus als ein, senkt so das CO2 und damit den Atemreiz. In den letzten Sekunden nimmt sie einen tiefen Atemzug und schnappt mit schluckenden Mundbewegungen zusätzliche Luft. Dann taucht sie kopfvoran ab, die schwarze Flosse ragt kurz aus dem Wasser.
Forster beobachtet, wie sich auf dem Echolot eine schräge Linie abzeichnet. Seine Frau taucht tiefer und tiefer. Burkards Lungenvolumen wird komprimiert, der körpereigene Auftrieb verringert sich. Nach rund 30 Metern setzt der freie Fall ein. Pro Sekunde fällt sie nun 1 Meter. Um den Hals und die Hüfte trägt sie fast ein Kilo Blei. Würde sie mehr mitnehmen, fiele sie schneller. Aber dann wäre das Auftauchen noch anstrengender.
Je tiefer sie taucht, desto anspruchsvoller wird der Druckausgleich. Durch den steigenden Wasserdruck wird das Trommelfell nach innen gedrückt. Deshalb muss sie den Druck im Mittelohr an den Umgebungsdruck anpassen. Burkard bringt dafür Luft ins Mittelohr und in die Nebenhöhlen. Mit Zunge, Kiefer und Rachenmuskulatur bewegt sie die Luft vom Mund Richtung Ohr. Diese Technik hat sie über die Jahre perfektioniert.

Delphine Luchetta
Nach 77 Metern zeigt die Linie auf dem Echolot plötzlich wieder nach oben. Einer der Taucher sagt: «Ein ‹early turn›. Unüblich für sie.»
Die letzten Meter sind die gefährlichstenNun beginnt der kräftezehrende Weg nach oben. Im See hat Burkard weniger Auftrieb als im Meer. Ihre Beine brennen. Sie hat gelernt, die Erschöpfung zu ignorieren, ruhig zu bleiben. Panik verspürt sie nie.
Auf den letzten 30 Metern tauchen Forster und Melileo ihr entgegen. Sie sind die «safety divers», ihre Sicherheitstaucher. Es ist die heikelste Phase des Tauchgangs. Der Umgebungsdruck fällt ab, ihre Lunge dehnt sich aus, gleichzeitig ist nur noch wenig Sauerstoff verfügbar. Das Risiko, bewusstlos zu werden, steigt. Tiefer unten ist das Risiko eines Blackouts viel geringer. Falls trotzdem etwas geschieht, können die anderen sie mit dem Seil hochziehen.
Als Burkard nach drei Minuten und sechs Sekunden wieder auftaucht, schnappt sie nach Luft, sie ist blass. «Atme!», sagt Melileo, «Achtung, Wellen!». Sie nimmt tiefe und schnelle Atemzüge, entfernt die Nasenklammer und gibt ein Handzeichen, dass es ihr gut geht. Sie sagt: «I’m okay.» So sieht es das strenge Sicherheitsprotokoll bei Wettkämpfen vor. Nur wer sich daran hält, kriegt die weisse Karte. Wer bewusstlos wird, erhält die rote und wird disqualifiziert.
Der Kopf habe nicht mitgespielt, sagt sie und wirkt etwas enttäuscht: «Ständig kam der Gedanke zurück, dass ich eigentlich müde bin. Ich konnte nicht loslassen und träumen.» Sie hatte Mühe mit dem Druckausgleich. Nur noch 3 Meter fehlten ihr bis zur 80-Meter-Marke, doch sie wollte nicht riskieren, ihr Trommelfell zu beschädigen.
Einige Tage später schafft sie es: Sie fühlt sich erholt und taucht im Training 81 Meter tief. So tief wie nie zuvor.

PD
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»