Beim 3:0 in Schottland liefert das Schweizer Nationalteam die nächste überzeugende Antwort auf dem Rasen. Die Abhängigkeit von einzelnen Leistungsträgern ist kleiner denn je.
Beim 3:0 in Schottland liefert das Schweizer Nationalteam die nächste überzeugende Antwort auf dem Rasen. Die Abhängigkeit von einzelnen Leistungsträgern ist kleiner denn je.
30.09.2026, 06.00 Uhr
4 Leseminuten

Russell Cheyne / Reuters
Eigentlich ist der Hampden Park in Glasgow für seine exzellente Stimmung bekannt. Hier finden die Heimspiele des schottischen Fussball-Nationalteams statt, hier ist die Unterstützung der Tartan Army, wie sich die Anhänger nennen, besonders laut.
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Doch an diesem Abend herrscht eine gespenstische Ruhe im weiten Rund. Und nach 85 Minuten ist ein Drittel des altehrwürdigen Stadions bereits leer. Viele schottische Fans haben genug gesehen. Ihr Team liegt 0:3 zurück, es ist ernüchternd.
Das sieht auch Schottlands neuer Nationalcoach Sébastien Pocognoli so, «very frustrating» nennt er sein Debüt vor Heimpublikum hinterher. Der Belgier ist nach Berti Vogts erst der zweite Ausländer auf diesem Posten, die Verpflichtung des 39-jährigen Trainertalents sollte so etwas wie Aufbruchstimmung im Hinblick auf die Heim-EM 2028 signalisieren. Aber nach zwei Nations-League-Partien, bloss einem Punkt und keinem einzigen Tor seines Teams scheint die Euphorie fürs Erste bereits wieder verflogen.
Der Platzverweis nach elf MinutenWas viel mit den Schweizer Fussballern zu tun hat, die den Schotten ihre Limiten am Dienstagabend überdeutlich aufzeigen. Wobei sich die Aufgabe von Murat Yakins Equipe gegen den vermeintlich stärksten Gruppengegner in der Nations League deutlich leichter gestaltet als angenommen, weil sie fast 80 Minuten in Überzahl agieren kann.
In der Startphase bekommt das Nationalteam die physische Härte des Gegners zu spüren – die Schotten gehen resolut in die Zweikämpfe, pressen hoch, stressen die Schweizer permanent. Doch dann reicht ein schön herausgespielter Angriff, um dieser Partie die entscheidende Wende zu geben: Michel Aebischer, der einzige Neue in der Startformation im Vergleich zum Nordmazedonien-Spiel, lanciert Dan Ndoye. Der ist zu schnell für Jack Hendry, dessen Notbremse an der Strafraumgrenze der Referee mit der roten Karte ahndet. Den Freistoss verwertet Ricardo Rodríguez zum 1:0.
Danach spielen die Schweizer abgeklärt, routiniert, souverän – haben die Partie weitestgehend im Griff. So wie man das von dieser Auswahl mittlerweile ja gewohnt ist, mag der Gegner nun Algerien, Kolumbien oder eben Schottland heissen. Belege dieser kontrollierten Spielweise sind die fast 80 Prozent Ballbesitz und eine Passquote von herausragenden 94 Prozent.
Wer sehr streng sein will, könnte anführen, dass die Schweizer in Überzahl zunächst die Konsequenz vermissen lassen; schon zur Pause müssten sie deutlicher führen. Doch letztlich gelingt ihnen mit dem neuerlichen 3:0 das zweite blitzblanke Spiel innert weniger Tage.
Und vor allem ist der makellose Start in die Nations League mit dem Punktemaximum die bestmögliche Antwort auf die vielen «Nebengeräusche» in den letzten Wochen. Noah Okafors Rücktritt, Granit Xhakas und Breel Embolos Corona-Vergehen: Nichts rückt solche Verwerfungen effektiver in den Hintergrund als sportlicher Erfolg auf dem Rasen.
Noch dazu, wenn ein Abend allerhand schöne Geschichten produziert.
Der Routinier, der Wiedererstarkte und der GereifteEtwa die von Ricardo Rodríguez. Vor nicht allzu langer Zeit schien die Zukunft des Linksverteidigers im Nationalteam noch ungewiss. Rodríguez, 34, ist nicht mehr der Schnellste, nach der WM war er vertragslos. Seit September ist er zurück in der Serie A, aber bei Torino kam er bisher kaum zum Einsatz. Doch Murat Yakin ist das einerlei, er weiss, was er an dem Routinier hat. Und fehlen andere langjährige Säulen wie Xhaka und Embolo, zählt Verlässlichkeit umso mehr. Rodríguez dankt dem Coach das Vertrauen mit einem direkt verwandelten Freistoss – seinem ersten Länderspieltor seit über fünf Jahren.
Oder die Geschichte von Zeki Amdouni. Als Embolos Absenz bekanntwurde, dachten viele, Winsley Boteli werde ihn im Sturmzentrum vertreten. Der Sitten-Stürmer hat in 15 Saisonspielen 13 Tore erzielt, ist gerade der Shootingstar in der Super League. Aber Amdouni? Ihn hatte kaum jemand auf dem Radar. Zumal der 25-Jährige fast das ganze Jahr 2025 wegen einer Verletzung verpasste und mit Burnley in Englands zweithöchste Liga stürzte.
Doch auch hier bleibt sich Yakin treu: Verdienste sind ihm wichtig, Spieler müssen sich beweisen, ehe sie in seiner Gunst steigen. Und Amdouni hat sich zurückgekämpft. Weshalb Yakin nicht Boteli, sondern ihm die Chance gibt. Zwei Tore und ein Assist gegen Nordmazedonien, nun ein weiterer starker Auftritt samt Goal in Schottland – besser hätte der Stürmer kaum aus der Versenkung auftauchen können. Amdouni ist schon jetzt einer der Gewinner dieses Zusammenzugs.
Und dann ist da noch Nico Elvedi. Vor einem Jahr, vor der USA-Reise des Nationalteams, gab Yakin dem Innenverteidiger zu verstehen, er erwarte von ihm den nächsten Schritt. Elvedi hatte stagniert, sich in seiner «Komfortzone» eingerichtet, wie er selbst sagte. Doch der 29-Jährige sah Yakins Kritik als Ansporn. Elvedi stellte die Ernährung um, verbesserte seine Athletik – und ist seither stärker denn je. Seine herausragende WM-Form hat er konserviert, am Abend vor dem 30. Geburtstag krönt Elvedi sein 75. Länderspiel mit dem Goal zum 2:0. Und defensiv? Ist Elvedi «bärenstark», sagt Yakin. Mehr Worte braucht der Nationalcoach nicht.
Athekame gehört erneut zu den BestenDer überzeugende Auftakt in die Nations League verdeutlicht, wie gefestigt Yakins Equipe ist – sie funktioniert als eingespieltes Kollektiv, dem selbst die Ausfälle gewichtiger Leistungsträger kaum anzumerken ist. Fehlen Xhaka und Embolo, gehen eben andere voran. Spieler wie Elvedi, Rodríguez oder Amdouni. Was Neulingen wie den Aussenverteidigern Zachary Athekame und Sascha Britschgi die Integration erleichtert. Dass der 21-jährige Athekame erst sein zweites Länderspiel absolviert, ist ihm nicht anzumerken. Im Gegenteil: Wie bereits gegen Nordmazedonien gehört er neben Ndoye, der zwei Vorlagen beisteuert, und Amdouni zu den Besten.
Sechs Punkte, sechs Tore, kein Gegentreffer: Viel besser hätte die Nations-League-Kampagne für die Schweiz nicht beginnen können. Fast noch wichtiger dürfte für Murat Yakin aber diese Erkenntnis sein: Die Abhängigkeit von einzelnen Leistungsträgern war noch nie so klein.