Palantir unterstützt die Polizei mit Software bei der Fahndung. Merlin Hip entwickelt mit Lancelot eine europäische Alternative.
Palantir liefert wichtige Software für die Polizei, doch Deutschland will unabhängiger von US-Technologie werden. Merlin Hip entwickelt dafür mit Lancelot eine europäische Alternative.
FOCUS online: Merlin, Anfang 2023 warst du noch Student in Berlin. Dann fährst du zu einem Defense-Tech-Hackathon nach Estland – und anderthalb Jahre ist deine Technologie sehr gefragt. Was ist passiert?
Merlin Hip: Ich habe mich schon im Studium mit selbstfahrenden Fahrzeugen beschäftigt. Dann kam eine Nachricht von Darkstar, einer Organisation, die junge Gründer aus europäischen Top-Unis zusammenbringt. Sie haben mich eingeladen. 48 Stunden vorher erfährst du, in welches Land du fahren sollst. In Estland wurden wir mit einem Bus abgeholt, teilweise von bewaffneten Leuten begleitet. Das war schon ein mulmiges Gefühl. Gleichzeitig saßen dort unglaublich spannende Leute: Teams, die an Unterwassertechnologie zur Überwachung von Pipelines arbeiteten, andere an Drohnen oder Radarsystemen. Ich habe einem Radarteam bei der Datenanalyse geholfen. Daraus entstand die Idee für Lancelot.
Heute analysiert eure KI riesige Mengen militärisch relevanter Daten. Was kann sie besser als ein Mensch?
Hip: Das Problem ist die Masse. Es gibt ungeheure Mengen an Video-, Bild- und anderen Daten. 99 Prozent davon beantworten isoliert keine konkrete Frage. Entscheidend ist, sie zusammenzuführen. Ein menschlicher Analyst kann nicht 10.000 Stunden Videomaterial anschauen. Eine KI kann solche Datenmengen in kürzester Zeit durchsuchen, Muster erkennen und Zusammenhänge herstellen.
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Ist der Ukrainekrieg zum größten Trainingslabor für militärische KI in Europa geworden?
Hip: Definitiv. Und das betrifft nicht nur uns. Dort werden Technologien und Taktiken unter realen Bedingungen erprobt und ständig weiterentwickelt. Der Krieg und die Technologien verändern sich teilweise innerhalb weniger Wochen. Und natürlich lernen nicht nur Europäer. Auf russischer Seite sehen wir auch Nordkoreaner und Chinesen. Alle beobachten, sammeln Erfahrungen und trainieren.
Wenn KI besser analysiert als Menschen: Wer widerspricht der Maschine, wenn sie sagt, dort sei mit 99 Prozent Wahrscheinlichkeit ein feindliches Ziel?
Hip: Wir sehen technologisch bereits viele Komponenten, die für weitgehend autonome Waffensysteme notwendig sind. Deshalb müssen wir uns jetzt damit auseinandersetzen, welche Grenzen wir setzen. Für mich ist eine entscheidend: Über Leben und Tod muss am Ende ein Mensch entscheiden. Die Logik „Wenn die anderen es machen, müssen wir es auch machen“ reicht mir nicht. Wir müssen unsere Technologien nach europäischen moralischen und rechtlichen Vorstellungen entwickeln.
Lancelot wird verkauft und geht jetzt vollständig dem noch jungen Unternehmen Orcrist auf. Warum gerade jetzt?
Hip: Weil wir angesichts der hybriden Bedrohung in Deutschland und Europa stärker zusammenrücken müssen. Im nachrichtendienstlichen Bereich befinden wir uns faktisch bereits in einer Konfrontation mit Russland. Kleine Intelligence-Unternehmen können nicht alle isoliert ihre eigenen Lösungen bauen. Wir brauchen europäische Strukturen und technologische Stärke. Ich werde bei Orcrist den Bereich Intelligence verantworten, das Lancelot-Team arbeitet dort weiter.
Du heißt Merlin, deine Firma Lancelot, eure Datenbank Avalon und eine eurer Technologien Gral. Jetzt geht Lancelot ausgerechnet in Orcrist auf – benannt nach einem Schwert aus Tolkiens Welt. Ist das alles Zufall oder gehören Mythen bei euch zum Geschäftsmodell?
Hip: Wir haben tatsächlich eine Vorliebe für solche Namen. Bei uns kommt vieles aus der Artussage und aus anderen Mythen. Die deutsche Mythologie ist historisch vorbelastet, aber die Artussage passt ganz gut. Avalon ist der Ort, wo wir Informationen sammeln und strukturieren, benannt nach der mythischen Insel, auf der das Schwert Excalibur geschmiedet worden sein soll. Und wenn man einen riesigen Datensatz baut, in dem man nach entscheidenden Informationen sucht, dann ist „Gral“ als Name natürlich naheliegend.
Was jetzt entsteht, erinnert an Palantir: Text, Audio, Bilder, Videos und Sensordaten werden zusammengeführt und zu einem Lagebild verbunden. Baut ihr ein deutsches Palantir?
Hip: Es gibt Parallelen. Aber unser Anspruch ist europäisch. Wir spezialisieren uns auf konkrete militärische Anwendungen sowie Aufklärung und bauen daraus ein größeres System. Für mich ist die entscheidende Frage: Wer kontrolliert diese Infrastruktur? Wir können nicht Alex Karp fragen müssen, ob wir unser eigenes Land verteidigen dürfen.
Aber Europa bleibt bei Chips, Cloud-Infrastruktur und KI-Technologien von den USA abhängig. Ist „digitale Souveränität“ da nicht ein ziemlich großes Wort?
Hip: Vollständige Unabhängigkeit wird nicht von heute auf morgen funktionieren. Aber wir müssen unterscheiden, wo Abhängigkeiten akzeptabel sind und wo sie strategisch gefährlich werden. Bei sicherheitskritischer Infrastruktur können wir es uns nicht leisten, dass ein anderer Staat im Ernstfall darüber entscheiden kann, ob ein System funktioniert oder nicht.
Warum sollte man einem deutschen Intelligence-Unternehmen mehr vertrauen als einem amerikanischen? „Made in Germany“ ist schließlich noch keine Ethikgarantie.
Hip: Nein, natürlich nicht. Es geht nicht darum, dass deutsche Technologie automatisch moralisch besser ist. Entscheidend sind Kontrolle, Recht und politische Handlungsfähigkeit. Wir erleben gerade, dass selbst internationale Institutionen wie der Internationale Strafgerichtshof unter politischen Druck geraten und Sanktionen ausgesetzt werden können. Wir müssen deshalb sehr genau überlegen, welche strategischen Abhängigkeiten wir schaffen. Bei Technologien, die für die Verteidigungsfähigkeit eines Landes entscheidend sind, ist Souveränität kein Marketingbegriff. Sie ist eine Sicherheitsfrage.
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